WM - Prandelli: "Vorbild Deutschland"

Der italienische Nationaltrainer Cesare Prandelli sieht den deutschen Fußball als vorbildlich an. Moderne Stadien, Innovationsfähigkeit, Ausbildung junger Talente seien Elemente, mit denen Deutschland auf internationalem Niveau glänze. Deshalb solle sich der Calcio daran orientieren. Im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst erklärt Prandelli, was er noch an Deutschlands Fußball schätzt.

Herr Prandelli, welche Aspekte des deutschen Fußballs beeindrucken Sie?

Cesare Prandelli: Wenige Nationalmannschaften haben in den letzten Jahren ihre Identität bewahrt. Vieles hat sich im Fußball geändert. Die Nationalteams haben sich dem modernen Fußball angepasst. Ein Beispiel ist Deutschland, eine Nationalmannschaft, die den Mut bewiesen hat, stark auf Innovation zu setzen.

In welcher Hinsicht?

Prandelli: Deutschland hat neue Wege beschritten und gewagt, einen innovativen Fußball zu spielen. Einen wichtigen Beitrag dazu haben Spieler mit multikulturellem Hintergrund geleistet. Das ist die Zukunft. Neues darf nicht erschrecken, sondern muss Neugierde wecken. Neues bereichert und verbessert.

Zur deutschen Nationalmannschaft gehört auch Miroslav Klose, der mit seinen Toren Lazio Rom beflügelt. Was halten Sie von seinen Leistungen in dieser Saison?

Prandelli: Dank Klose zählt Lazio zu den Protagonisten dieser Saison und zu den Spitzenmannschaften im Kampf um den Meisterschaftstitel. Klose glänzt mit seiner Ernsthaftigkeit und seiner Fähigkeit, 90 Minuten lang konzentriert zu spielen. Er ist ein großartiger Stürmer, der noch viel leisten kann und bestätigt es einmal mehr in dieser Saison.

Italien kämpft gegen einen starken Zuschauerschwund in den Stadien. Was soll geschehen?

Prandelli: Wir sollten uns an den deutschen Arenen ein Beispiel nehmen. Deutschland hat sichere, bequeme Stadien gebaut, die von ganzen Familien besucht werden, in denen auch Kinder allein ohne Gefahr einem Match beiwohnen können. Man muss ein Fußballmatch ohne Dramen erleben können, auch wenn es zu einer Niederlage für die eigene Mannschaft kommt. Italien muss noch sehr viel zur Modernisierung und Sicherheit seiner Strukturen unternehmen, auch wenn in den letzten Jahren viel zur Bekämpfung der Gewalt in den Stadien getan worden ist.

Der Mord an dem niederländischen Schiedsrichter-Assistenten hat die Öffentlichkeit erschüttert. Was kann man Ihrer Meinung nach konkret gegen Gewalt unternehmen?

Prandelli: Der Tod des Linienrichters hat mich zutiefst getroffen. Der Schaden für das Ansehen des Fußballs ist enorm. Ich denke, dass eine Mentalitätsveränderung dringend notwendig ist. Von klein auf müssen Kinder begreifen, dass ein Fußballmatch keine Frage von Leben und Tod, sondern lediglich ein Spiel ist. Nach 90 Minuten ist es unabhängig vom Resultat aus.

Der italienische Fußball hat ein weiteres schwieriges Jahr mit Wettskandalen und Verhaftungen namhafter Spieler erlebt. Welche Spuren haben diese Skandale Ihrer Ansicht nach hinterlassen?

Prandelli: Die Wunden sind tief. Der italienische Fußballverband hat zusammen mit der Fußballergewerkschaft AIC eine Kampagne gestartet, um junge Spieler vor den Konsequenzen einer Verwicklung in Wettaffären zu warnen. Viele wissen zum Beispiel nicht, dass ihnen schwere Strafen drohen, wenn sie von Absprachen erfahren, diese aber dem Verband nicht melden. Das muss sich ändern. Wir wollen dafür sorgen, dass junge Spieler keine Fehler begehen, die ihre Zukunft gefährden.

Italien erlebt eine dramatische Rezession, die sich auch negativ auf die Klubbilanzen auswirkt. Sogar Schwergewichte wie der AC Mailand setzen stark auf Sparkurs. Verliert der Calcio auf internationalem Niveau damit an Attraktivität?

Prandelli: Die Krise kann eine Herausforderung und eine Chance für den italienischen Fußball sein. Wegen der finanziellen Engpässe müssen die Klubs verstärkt auf junge Spieler setzen. Das führt dazu, dass italienische Talente besser verwertet werden. Die Krise zwingt die Vereine außerdem, neue Strategien zu entwickeln.

Sie sind seit zwei Jahren Coach der Azzurri, worin hat sich die Nationalmannschaft unter Ihrer Führung verändert?

Prandelli: Unser Spiel ist vielfältiger geworden, wir haben mehr Alternativen. Unser Fußball hat seine Mentalität verändert. Unsere jüngeren Nationalspieler versuchen, einen neuen Stil zu entwickeln.

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