Wintersport - WM-Check: DSV-Asse voll auf Kurs

2013 kann kommen: Die deutschen Wintersportler präsentieren sich mit Blick auf die WMs schon jetzt trotz machner Rückschläge und Unkenrufe exzellent.

Ganz sicher war man sich wohl auch beim Deutschen Skiverband (DSV) nicht, was der Winter bringen würde.

Im Biathlon ist seit den Olympia 2010 eine Reihe von Spitzenläuferinnen zurückgetreten, allen voran natürlich Rekord-Weltmeisterin Magdalena Neuner am Ende der vergangenen Saison.

Die Langlauf-Stars des Verbandes kamen langsam in die Jahre und die Erfolge wurden seltener. Die Skispringer flogen im Sommer-Grand-Prix zwar der Konkurrenz ziemlich oft um die Ohren, aber niemand wusste genau, was das für die kalte Jahreszeit bedeuten würde.

Doch die Zwischenbilanz nach dem ersten Drittel des Winters fällt nun unerwartet gut aus - trotz mancher Tiefschläge. Wir haben die einzelnen Disziplinen unter die Lupe genommen:

Biathlon: Volltreffer und Nachrücker

Neuner hinterlässt gerade im Biathlonbereich eine Lücke, die nahezu unmöglich zu füllen sein wird. Passender hätte das bislang erfolgreichste Weltcup-Wochenende in der Karriere von Miriam Gössner daher kaum kommen können. Nein, Gössner ist keine neue Neuner und will das auch nicht sein. Aber ihre Erfolge zeigen, dass das deutsche Damenbiathlon auch ohne den Superstar weiterlebt.

Auch Andrea Henkel zeigt fast schon erwartungsgemäß starke Leistungen wie ein Uhrwerk, wurde unter anderem Dritte in der Verfolgung von Östersund. Neben den beiden haben auch Franziska Hildebrand und die stark verbesserte Nadine Horchler schon die WM-Norm (einmal unter die besten acht oder zweimal unter die besten 15) erfüllt. Dass eine Tina Bachmann ihrer Topform noch hinterher läuft und der Nachwuchs noch nicht den Sprung nach oben geschafft hat, kann daher zumindest noch kompensiert werden.

Eine in der Breite noch stärkere Leistung boten die deutschen Herren. Andreas Birnbacher machte dort weiter, wo er vergangene Saison aufgehört hat, und hat bereits zwei Saisonsiege zu Buche stehen. Erik Lesser stürmte beim Einzelrennen in Östersund aufs Podium, dass Florian Graf im Sprint und Arnd Peiffer in der Verfolgung nur knapp verpassten. Mit diesem Quartett hat sich auch Simon Schempp bereits für die Weltmeisterschaften qualifiziert.

Die Leistungen sind, außer bei Birnbacher, teilweise noch instabil, besonders Ex-Weltmeister Peiffer hat nach dem für seine Verhältnisse überraschend starken Saisonauftakt nachgelassen. Das ist aber durchaus nicht ungewöhnlich und gilt auch für einen Großteil der Konkurrenz.

Skisprung: Zurück zur Großmacht?

Die mit Abstand stärkste Truppe des DSV sind die Skispringer. Die ohnehin schon starken Leistungen der Sommersaison wurden noch übertroffen, teilweise landeten fünf DSV-Adler unter den besten zehn. Besonders Severin Freund und Shooting-Star Andreas Wellinger sorgten für Furore. Freund gewann bereits zwei Springen, ist Zweiter im Gesamtweltcup. Wellinger wurde Zweiter in Engelberg und Dritter in Sotschi. Auch Richard Freitag hat als Zweiter von Sotschi schon einen Podiumsrang auf der Habenseite.

Mit ihnen haben Karl Geiger, Michael Neumayer und Andreas Wank allesamt schon die WM-Norm erfüllt. So hoch sind die Erwartungen der Öffentlichkeit für die bevorstehende Vierschanzentournee inzwischen, dass Bundestrainer Werner Schuster diese relativieren muss. Podiumsplatzierungen in den Einzelspringen und gute Ränge in der Gesamtwertung seien das Ziel, so Schuster.

Ein gutes Stück weiter von der Weltspitze entfernt sind ihre Teamkolleginnen. Nur Carina Vogt als Vierte von Lillehammer hat an der absoluten Weltspitze geschnuppert. Mit ihr hat Svenja Würth mit zwei Top-15-Rängen das WM-Ticket schon gelöst. Die ehemalige Vize-Weltmeisterin Ulrike Grässler dagegen ist weit von Platzierungen im Vorderfeld entfernt.

Alpin: Siege und Stürze

Voll im Soll liegen die alpinen Damen. Doppelolympiasiegerin Maria Höfl-Riesch hat wie fast erwartet schon in jeder Disziplin das WM-Ticket gelöst, gewann unter anderem den Slalom in Levi und wurde Dritte bei der Abfahrt in Lake Louise. Für Riesenslalom-Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg lief es in ihrer Spezialdisziplin anfangs noch nicht ganz ideal, doch dann ließ sie in Are einem zweiten und einem dritten Rang den ersten Saisonsieg folgen.

Mit den beiden Medaillenkandidaten können auch Abfahrerin Gina Stechert, Slalom-Spezialistin Christina Geiger und Lena Dürr für die Welttitelkämpfe in Schladming planen. Neben ihren zumindest erhofft starken Leistungen im Slalom setzte Dürr auch im Speed ein Ausrufezeichen, überzeugte beim Kombinations- und beim Spezial-Super-G in St. Moritz.

Überraschender ist aber, dass auch die Herren vor allem in den technischen Disziplinen regelmäßig mit positiven Ergebnissen aufwarten. Fritz Dopfer kam etwas schwerer in die Saison im Vorjahr, ließ bei seinem starken vierten Riesenslalom-Rang auf der Gran Risa in Alta Badia aber vor allem im zweiten Durchgang aufhorchen. Felix Neureuther wurde nicht nur Zweiter bei den Slaloms in Val d’Isère und Madonna di Campiglio, sondern präsentiert sich auch im Riesenslalom mit zwei Top-Acht-Resultaten in der Form seines Lebens.

Zu den beiden gesellte sich völlig überraschend Stefan Luitz, vergangene Saison Zweiter in der Gesamtwertung des Europacups, als Zweiter des Riesenslaloms in Val d’Isère. Kleinere Rückschläge bei Luitz sind einkalkuliert und werden kommen, aber dass er sowohl bei seinem Coup in Frankreich als auch bei seinem in der Öffentlichkeit untergegangenen 13. Rang in Beaver Creek jüngster Läufer im zweiten Durchgang war, lässt hoffen.

Die Stimmung im deutschen Herrenlager könnte noch besser sein, wenn das Verletzungspech nicht zugeschlagen hätte. Philipp Schmid, Zehnter beim Slalom in Levi, verletzte sich bei einem Europacup-Rennen am Knie und wird lange ausfallen. Im Speedlager sorgte Tobias Stechert mit einem fünften Platz bei der Abfahrt in Lake Louise für Aufsehen. Noch überraschender war aber, dass der lange als Gleitspezialist geltende Stechert sich auch im technischen Bereich stark verbessert zeigte und in den Trainingsläufen und bis zur Hälfte des Rennens auch in der Abfahrt von Beaver Creek mit den Besten mithielt.

Dass er sich auf der Birds of Prey dann ohne Sturz verletzte und mehrere Wochen ausfällt ist ein herber Schlag für das deutsche Team, besonders da die DSV-Herren in Abfahrt und Super G im Gegensatz zu den technischen Disziplinen mannschaftlich noch dünner aufgestellt. Stephan Keppler laboriert noch an den Folgen einer Verletzung aus dem Vorjahr und fuhr seiner Bestform bisher ebenso hinterher, wie der ehemalige Junioren-Weltmeister Andreas Sander. Josef Ferstl verletzte sich bei einem Sturz ebenso wie Fabio Renz, zuvor Zweiter bei einem Europacup-Super-G. Noch hat man Hoffnung auf einen WM-Einsatz von Stechert, aber die Zeit wird knapp.

Langlauf: Premiere und freie Plätze

An seinem 23. Geburtstag gelang Tim Tscharnke der ganz große Coup. Im Klassikrennen von Canmore feierte der 23-Jährige den ersten Weltcupsieg seiner Karriere. Da Tobias Angerer als Dritter und Hannes Dotzler als Sechster gemeinsam mit Tscharnke dort das WM-Ticket für Val di Fiemme lösten, geht das Rennen als eines der erfolgreichsten des DSV seit Jahren in die Geschichte ein. Dass ein Teil der Weltelite in Kanada fehlte, soll hier nicht verschwiegen werden.

Dennoch stellte das Rennen unter Beweis, dass die deutschen Herren weiterhin über ein kompaktes Team verfügen, das sowohl in der Staffel als auch an guten Tagen in den Einzelwettbewerben um Spitzenplatzierungen mitlaufen kann. Und sowohl der Olympiazweite Tscharnke als auch Dotzler stehen nach wie vor am Anfang ihrer Karriere und haben durchaus das Potential, irgendwann in die Fußstapfen von Tobias Angerer oder Axel Teichmann zu treten.

Auch drei Langläuferinnen haben die WM-Teilnahme bereits sicher. Den stärksten Eindruck hinterließ bisher Nicole Fessel mit zwei Top-10-Platzierungen im finnischen Kuusamo. Auch die junge Denise Herrmann startete stark in die Saison, wurde unter anderem Vierte beim Sprint in Canmore und mit Hanna Kolb Zweite beim Teamsprint in Quebec. Hinter Fessel, Herrmann und Kathrin Zeller klafft auf den Distanzstrecken allerdings eine große Lücke. Stefanie Böhler ist nach langer Krankheit weit von ihrer Topform entfernt, andere Läuferinnen haben den Anschluss noch nicht geschafft. Wer den vierten Startplatz in der Staffel ausfüllen soll, steht zur Zeit in den Sternen.

Kombination: Sorgen auf hohem Niveau

Wie hoch die Erwartungen in der Nordischen Kombination sind zeigen die Reaktionen auf den Saisonstart der Deutschen. Podiumsränge durch Fabian Rießle und Eric Frenzel, weitere Top-10-Ergebnisse durch Björn Kircheisen und Johannes Rydzek und zusätzlich die WM-Qualifikation für Manuel Faisst sind alles andere als ein katastrophaler Start. Aber das Team hat ein noch höheres Potential, besonders im Springen läuft es noch nicht ideal. Teilweise große Rückstände von der Schanze müssen zugelaufen werden, wodurch das eine oder andere Mal die letzten Körner im Zielsprint gefehlt haben.

Fazit: In manchen Teilbereichen hat der DSV einen Sprung nach oben gemacht, in anderen gilt es, die eine oder andere Lücke zu schließen. Wenn in Schladming, Val di Fiemme und Nove Mesto Edelmetall verteilt wird, entscheiden auch Tagesform und Glück.

Aber eines zeichnet sich jetzt schon ab: Chancenlos werden die deutschen Vertreter nicht sein. Im Gegenteil: Wenn die Kombinierer wieder zu alter Stärke finden, dürfte die Gesamtbilanz von 15 Medaillen aus den letzten Titelkämpfen in Ruhpolding, Garmisch und Oslo sogar übertroffen werden.

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