Tour Down Under - "Spanien will nicht, dass Fuentes auspackt"

Der französische Sportjournalist Stéphane Mandard beschäftigt sich seit Jahren mit der "Operacion Puerto" um den spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes. Der Sportchef der renommierten Tageszeitung Le Monde gehört zu den wenigen Journalisten, die persönlich mit Fuentes Kontakt hatten. Unmittelbar vor dem Prozess gegen Fuentes in Madrid warnte Mandard im SID-Interview vor zu hohen Erwartungen.

Am Montag beginnt der Prozess gegen Eufemiano Fuentes und dessen Komplizen - werden Ihrer Meinung nach neue Hintergründe bekannt werden, weitere Sportarten neben dem Radsport in Bedrängnis geraten?

Stéphane Mandard: Wünschenswert wäre natürlich, wenn Fuentes wie Lance Armstrong auspacken würde. Aber leider ist mit Blick auf die Anklage zu befürchten, dass die Hauptverhandlung sich nur mit einer technischen Frage befasst, ob Doktor Fuentes und andere Mitangeklagte die öffentliche Gesundheit und die Gesundheit von Sportlern gefährdet haben. Darüber hinaus wird sich der Prozess höchstwahrscheinlich nur mit dem Radsport beschäftigen. In der Anklage ist nur die Rede vom Radsport. Die Zeugen, die eingeladen worden sind, kommen ausschließlich aus diesem Sport, wie Jörg Jaksche, Ivan Basso oder Alberto Contador. Ich erwarte nicht viel und fürchte, wir werden am Ende alle sehr enttäuscht sein.

Wie könnte das Urteil am Ende aussehen?

Mandard: Den Angeklagten droht eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und hohe Bußgelder. Wie das Urteil aussehen wird, ist ungewiss. Klar ist, dass die spanischen Behörden nicht wollen, dass Fuentes auspackt und enthüllt, welche Sportler noch zu seinen Kunden zählten. Es ist offensichtlich, dass es nicht nur Radfahrer waren. Im Dezember 2006, als ich mit Fuentes gesprochen habe, erzählte er mir viel mehr als der Justiz. Er hat mir beispielsweise erklärt, dass die Polizei seine Büros in Las Palmas nicht durchsucht hat, wo er alle seine Akten aufbewahrte. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen: Zu seinen Kunden zählten nicht nur Radfahrer. Aber die Ermittlungen der spanischen Justiz wurden eingestellt, und Fuentes hat sich mehr oder weniger entschuldigt bei den Fußball-Vereinen, die damals beschuldigt wurden (u.a. FC Barcelona und Real Madrid, d. Red.). Also wurde er davon überzeugt zu schweigen. Es war für alle Beteiligten besser, dass diese Geschichte sich auf den Radsport begrenzt. Der Wahrheit entspricht dies aber nicht.

Wie würden Sie Fuentes als Mensch beschreiben?

Mandard: Er erinnert mich an Lance Armstrong, der behauptet: 'Ja ich habe gelogen, aber ich ich hatte damals nicht das Gefühl zu betrügen.' Wenn Fuentes behauptet, EPO zu verordnen sei nicht gefährlicher, als während der Tour de France über vier Bergpässe Fahrrad zu fahren, dann meint er das auch wirklich ernst. Allerdings sitzt unter den Nebenklägern im Prozess Jesus Manzano. Der ist als Profi während der Tour 2004 krank geworden, wahrscheinlich, weil seine Blutbeutel schlecht konserviert worden waren und damals in der Sonne gelegen hatten. Natürlich können die Folgen schwerwiegend sein. Wir haben viele Unfälle erlebt, sogar ungeklärte Todesfälle, die wahrscheinlich mit EPO und Doping in Zusammenhang stehen, insbesondere mit schlecht durchgeführten Bluttransfusionen.

Sie haben in Hinblick auf Doping vor einigen Jahren Spanien mit der DDR und den ehemaligen Sowjetrepubliken verglichen. Wird der Fuentes-Prozess dazu beitragen, die Glaubwürdigkeit des spanischen Sports zu erhöhen?

Mandard: Heute weiß jeder, dass der Radsport ein gravierendes Dopingproblem hat. Wir werden keinen Schritt weiterkommen, wenn wir nicht darüber hinausgehen und das grundsätzliche Problem im kompletten Hochleistungssport anpacken - vor allem in Spanien.

Also ist Doping in Spanien ein noch größeres Problem als anderswo?

Mandard: Es ist kein Zufall, dass die Ärzte, die in die letzten Doping-Skandale verwickelt waren, aus Spanien stammen. Die geopolitische Entwicklung des Dopingsystems ist sehr aufschlussreich. Zuerst waren es die Sowjetunion und die Ostblockländer, dann hat es sich Richtung USA bewegt, anschließend nach West-Europa mit Italien in den 1990 Jahren und dann Spanien. Dort haben die Behörden zwar die Doping Gesetze verschärft, an der Spitze des Anti-Doping-Kampfes sind sie aber nicht. Genauer gesagt sind sie weit davon entfernt ...

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