Tops & Flops: Wo war eigentlich Rujano?

Die überraschende Podiumsbesetzung stach in Mailand ins Auge - ganz ohne Italiener. Doch abgesehen von den offensichtlichen Gewinnern der 95. Italien-Rundfahrt: Wer waren die Gewinner und Verlierer des Giro? eurosport.yahoo.de hat die Tops & Flops für Sie zusammengetragen - und zwei Härtefälle.

TOP:

Ryder Hesjedal: Klar, wer eine dreiwöchige Rundfahrt gewinnt, der kann nicht viel falsch gemacht haben. Doch Hesjedal war wirklich beeindruckend. Bis wenige Tage vor Schluss unterschätzten ihn seine Kontrahenten noch. Die 26 gewonnenen Sekunden von Cervinia auf der 14. Etappe waren ein echtes Geschenk der viel zu coolen Konkurrenz. Am Ende war der Kanadier dann selbst der Coole: "31 Sekunden reichen Rodriguez nicht", prognostizierte er - und sollte Recht behalten.

Thomas De Gendt: Man darf sich streiten, was die größere Sensation ist: Hesjedals Gesamtsieg oder De Gendts Podiumsplatz? Der Vacansoleil-Fahrer bot am Stilfser Joch eine heldenhafte Leistung und belohnte sich nicht nur mit dem Etappensieg. De Gendt bewies nach der Tour im Vorjahr (Platz fünf in L’Alpe d'Huez und Rang drei im Zeitfahren von Grenoble) erneut, dass er am Ende einer dreiwöchigen Rundfahrt noch riesige Reserven hat.

Damiano Cunego: Acht Jahre nach seinem geschichtsträchtigen Ritt ins Rosa Trikot kehrte die Italien-Rundfahrt nach Pfalzen zurück. Cunego wiederholte seinen Coup zwar nicht, sorgte im Verlauf der drei Wochen aber immer wieder dafür, dass ihn die Tifosi feiern konnten. Der Lampre-Profi gewann zwar keine Etappe, war aber sehr aktiv und bot von allen Fahrern in den Top Ten die offensivste Fahrweise. Belohnung: Rang sechs, sein bestes Resultat seit fünf Jahren.

Sky-Kolumbianer: Nicht nur Cavendish, nein die gesamte Sky-Truppe machte beim Giro einen großartigen Job. Hervorzuheben sind dabei vor allem die Kolumbianer Rigoberto Uran und Sergio Henao, die sich beide einen Platz in den Top Ten sicherten, gemeinsam die Nachwuchswertung dominierten und das Team so auf den dritten Rang der Mannschaftswertung führten. Und das Beste: Beide hatten einen schlechten Tag, es ist also noch Luft nach oben.

Andrei Amador: Am 19. Mai schrieb Andrei Amador Bipkazakova in Cervinia Geschichte: Als erster Costa Rikaner gewann der 25-Jährige eine Etappe beim Giro d’Italia. Doch damit nicht genug. Amador begnügte sich nicht mit seinem Tageserfolg, sondern wollte mehr und griff immer wieder an. So sammelte der Movistar-Fahrer 422 Kilometer in Spitzengruppen und schaffte außerdem den Sprung in die Top 30 der Gesamtwertung. Kein anderer Top-30-Fahrer brachte es auf mehr als 150 "Führungskilometer".

Matteo Rabottini: Der Sieg auf der 15. Etappe nach Lecco weckte in ihm eine Idee, die er anschließend eine Woche lang hartnäckig verfolgte: Auf dem Weg zum Südost-Ende des Comer Sees übernahm Rabottini die Führung in der Bergwertung. Anschließend sprang der Italiener auch auf den Etappen 17 und 20 in Ausreißergruppen um weiter Punkte zu sammeln und sich das Blaue Trikot endgültig zu sichern.

Team NetApp: Weil NetApp auch ein Sponsor der Rundfahrt ist, musste sich das Team nach dem Erhalt der Wildcard viele dumme Sprüche anhören. Doch die deutsche Mannschaft bewies vor allem in den ersten zwei Rundfahrt-Wochen, dass sie die Einladung auch sportlich verdient hatte. Sie sammelten viele Kilometer als Ausreißer und um ein Haar hätte es für Bartosz Huzarski in Assisi sogar fast zum Etappensieg gereicht.

Auslands-Start: Nach dem Start in den Niederlanden vor zwei Jahren begann auch der diesjährige Giro weit weg von seiner Heimat: in Dänemark. Im Gegensatz zu den hektischen Rennen auf winkligen Kursen und mit vielen Stürzen damals, war der Ausflug nach Skandinavien aber ein voller Erfolg mit sehr vielen Zuschauern. Darauf wäre auch Jan Trojborg sehr stolz gewesen. Der Bürgermeister von Etappenort Horsens starb einen Tag bevor das Rennen in seine Stadt kam.

FLOP:

Tyler Farrar: Bis auf die Deutschen André Greipel und Marcel Kittel war die gesamte Sprinter-Prominenz beim Giro vertreten. Die Konkurrenz war groß, doch für Farrar sind ein dritter sowie ein vierter Platz dennoch eine zu geringe Ausbeute. Die Enttäuschung perfekt machte der frühzeitige Ausstieg. Das einzig Positive: Dadurch hat der US-Amerikaner die schweren Bergetappen nicht in den Beinen und kann frischer in die Tour- und Olympia-Vorbereitung gehen.

Ivan Basso und Liquigas: "Die drei schwersten Etappen kommen noch und ich bleibe sehr, sehr zuversichtlich", sagte Ivan Basso vor der Schlusswoche des Giros und versuchte damit, die kräftezehrende Taktik seiner Liquigas-Mannschaft zu verteidigen. Seine Helfer arbeiteten extrem viel, doch Basso hielt sich stets zurück. Und am Ende reichte die vor dem Start schon in Frage gestellte Form des 34-Jährigen einfach nicht, um um den Sieg zu fahren.

Die Italiener: Immerhin: Sechs Etappen gingen bei der 95. Auflage des Giro d’Italia an einen Fahrer vom Stiefel. Doch da es weniger italienische Etappensieger seit 1989 nur im Jahr 2010 gab, ist diese Zahl eher besonders niedrig als besonders hoch. Und da zusätzlich zum ersten Mal seit 1995 kein Italiener aufs Podium gefahren ist, dürften die Gastgeber in diesem Jahr enttäuscht sein - auch wenn sich die Radsport-Welt über die Internationalität freut.

Roman Kreuziger: Ist es hart, einen Etappensieger als Flop zu bezeichnen? Vielleicht. Aber im Fall von Kreuziger war der Erfolg auf der Alpe di Pampeago tatsächlich nicht mehr als ein Trostpflaster. Sein Astana-Team arbeitete zu Rundfahrtbeginn viel für ihn, dann aber löste Paolo Tiralongo den Tschechen zwischenzeitlich sogar als Kapitän ab. Der Gesamtsechste des Vorjahres droht im Stile eines Jaroslaw Popowitsch ein "ewiges Rundfahrt-Talent" zu bleiben.

José Rujano: Ja, er ist auch mitgefahren. Bis auf ein, zwei zaghafte Angriffsversuche war vom Venezuelaner aber kaum etwas zu sehen. Auf der Etappe zur Alpe di Pampeago stieg er als Gesamt-37. sang- und klanglos aus. Das ärgerte auch Androni-Teamchef Gianni Savio: "Ich bin froh, dass sein Vertrag nach dieser Saison endet. Er hat nichts in diesem Giro getan, nur jedem erzählt, dass er Etappen gewinnen und um den Gesamtsieg kämpfen würde."

Rabobank: Mit einer Doppelspitze für die Sprints reisten die Niederländer an, doch heraus kam kaum Zählbares. Lediglich drei Mal schaffte Mark Renshaw bei Massensprints den Sprung in die Top Ten, Theo Bos scheiterte auf ganzer Linie. Da blieb schon eher der von Bos ausgelöste Massensturz im Finale von Herning in Erinnerung. Spaß machte lediglich der 22-jährige Tom Jelte Slagter mit ein paar mutigen Antritten am Berg.

RadioShack-Nissan-Trek: Die Equipe mit dem längsten Namen im Peloton befindet sich im Streit. Teamchef Johan Bruyneel kritisierte Frank Schleck für dessen frühzeitige Aufgabe beim Giro und holte dann zum Rundumschlag aus: "Es ist nicht akzeptabel. Die Ergebnisse in diesem Jahr waren sehr, sehr dünn und weit hinter den Erwartungen", so der Belgier. Bester RadioShack-Fahrer im Gesamtklassement: Thomas Rohregger auf Rang 31.

Saxo Bank: Der Giro begann im Heimatland des Teamchefs und führte sogar durch seine Heimatstadt. Doch die Mannschaft von Bjarne Riis brachte im Verlauf der drei Wochen kaum etwas zustande. Sicher war sie nominell nicht stark besetzt, doch etwas mehr als den vorletzten Platz in der Teamwertung hätte man doch erwarten dürfen. Saxo Bank leidet in dieser Saison weiterhin schwer unter der Dopingsperre von Alberto Contador.

HÄRTEFÄLLE:

Mark Cavendish: Zu Beginn der drei Wochen war der Weltmeister unschlagbar. Lediglich durch Roberto Ferraris Manöver in Horsens, Filippo Pozattos Sturz in Frosinone und einen Steuerfehler seiner Anfahrer in Montecatini Terme konnte „Cav“ am Siegeszug durch Italien gehindert werden. Doch am Ende der Rundfahrt setzten dem Briten die schweren Bergetappen zu, so dass er erst einen Sprint gegen Andrea Guardini und anschließend das Rote Trikot um einen Punkt an Joaquim Rodriguez verlor.

Joaquim Rodriguez: Auf den ersten Blick ist der Verlust der Gesamtführung am Schlusstag einer Rundfahrt eine herbe Niederlage. Doch Rodriguez feierte in Assisi sowie Cortina d‘Ampezzo zwei Etappensiege und sammelte auch bei den anderen Ankünften mit unwiderstehlichen Sprints um jede Position fleißig Punkte. Am Ende belohnte er sich dafür mit dem Gewinn des Roten Trikots. Und am Berg war Rodriguez zweifellos der Stärkste im gesamten Peloton.

TV-Tipp:

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