Testspiele - Ribéry: Gespaltene Persönlichkeit

Der Prophet ist im eigenen Land nichts wert, so sagt man. Im Fall von Franck Ribéry wird diese Redensart zur Punktlandung. Es scheint, als leide der Franzose unter einer öffentlich gespaltenen Persönlichkeit, als gäbe es ihn zwei Mal: den Franck in München und den Ribéry in Frankreich.

So wie jetzt vor dem Gipfeltreffen von "Les Bleus" mit dem deutschen Team (ab 21 Uhr im Liveticker).

Bei den Bayern gehört der 29-Jährige längst zum Inventar, ist ein hochgeschätzes Mitglied des verschworenen "Familien-Clans" um Pate Uli Hoeneß.

Und die Fans, sie lieben ihn.

Sobald sich der Franzose vor der Südkurve sehenswert in Aktion setzen kann, dröhnt es geradezu ritualisiert von den Rängen: "Ribery! Ribéry! Ribéry! Ribéry!".

Von dieser Art der Zuneigung kann der Mittelfeld-Star in seinem Heimatland nur träumen. Und doch hat sich die Wahrnehmung in Frankreich verschoben. Schließlich gab es auch eine Zeit, in der Ribéry in die französische Heimat zu intensiven Auswärtsspielen fliegen musste. Zuerst war da erst mal nur der laue Zweifel an seiner tatsächlichen Klasse. Schludrigkeit und Phlegma wurden im unterstellt.

2010: Das Jahr des Grauens

Doch dann kam das Jahr 2010 und tiefschwarze Gewitterwolken brauten sich über Ribéry zusammen. Mit der Prostitutionsaffäre durchzogen tiefe Risse das moralische Fundament des Nationalspielers. Und mit der WM in Südafrika wurde dieses Fundament regelrecht gesprengt: die "Schande von Knysna". Ribéry wurde in Frankreich zur Persona non grata erklärt, auf ihn als Rädelsführer projizierte sich die nationale Abscheu vor der unsäglichen Meuterei am Kap.

Doch es gelang Ribéry, sich selbst aus diesem Sumpf der Unsportlichkeiten mit Sportlichem herauszuziehen. Anfang 2012 erlebte er im wahrsten Sinne des Wortes seinen zweiten Frühling. "Im ersten Vorbereitungsspiel auf die EURO gegen Island platzte der Knoten", meint Maxime Dupuis. "Da wirkte er erstmals befreit."

Danach, erklärt der Fußball-Redakteur von Eurosport Frankreich, "spielte Ribéry eine gute EM und hielt seine Leistung bis zum Ende des Jahres.“ Der Nationalspieler selbst hat den Stimmungswandel dankbar registriert: "Früher, als ich nach Frankreich flog, fühlte ich, dass ich nicht so willkommen war", erzählt er dem 'kicker'.

Alles war negativ

Er stand unter Druck, konnte sich kaum aufs Wesentliche, auf den Fußball, konzentrieren. "Andere Dinge standen im Vordergrund, alles war sehr negativ. Aber diese Stimmung hat sich ganz schön gedreht.“ Ein Umstand, an dem auch Frankreichs National-Coach seinen Anteil hat. Mit Didier Deschamps habe er sehr viel geredet, erzählt Ribéry. "Und da ging es nicht nur um Fußball, sondern um ganz praktische Dinge, um den Alltag, das Leben."

Ribéry ist ein äußerst sympathischer Typ, ein sehr sensibler Mensch aber auch. Er legt Wert auf Ehrlichkeit und zieht seine Motivation aus der Verlässlichkeit regelmäßiger Streicheleinheiten. "Das Vertrauen des Trainers" ist eine Floskel, die er oft benutzt.

Hat er das Vertrauen des Trainers, bekommt der Trainer als Gegenleistung einen Weltklassespieler auf dem Platz und einen Fürsprecher daneben. "Dann habe ich auch Lust, mich für den Trainer auf dem Platz zu zerreißen", verrät Ribéry. "Doch wenn er mich an der Nase herumführt, dann braucht er nicht auf mich zu zählen." Louis van Gaal dürfte ahnen, was damit gemeint ist.

Damoklesschwert Knysna

Ribéry braucht Liebe und Harmonie. Geliebt wird Ribéry in Frankreich zwar immer noch nicht. Aber das wäre auch der zweite vor dem ersten Schritt. Und dieser erste Schritt ist ihm gelungen, es war der größte, der schwerste: Ribéry wird als Mensch wieder respektiert und als Fußballer wertgeschätzt. Das Verhältnis zwischen ihm und den Fans von "Les Bleus" ist wieder harmonisch.

"Im Moment schießt niemand mehr gegen ihn", bestätigt Dupuis. "Natürlich hat ihm Knysna eine weitere Narbe fürs Leben zugefügt. Und wenn er mal drei schlechte Spiele am Stück macht, kann es auch sein, dass sich die Leute im Jahr 2013 auch wieder gerne an 2010 erinnern wollen."

Bisher aber läuft alles rund für Monsieur. Und letzten Endes weiß Frankreichs Ribéry auch immer, wo er bekommt, was er braucht. Die Harmonie und die Liebe. Bayerns Franck wird ihn zweifellos daran erinnern.

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