Tennis - Barthel exklusiv: "Ein komplett anderes Leben"

Tennis-Profi Mona Barthel nutzt ihre Chancen. Obwohl erst im zweiten Jahr komplett auf der WTA Tour unterwegs, hat es die 22-Jährige bei drei Final-Teilnahmen auf zwei Titel gebracht. Im Exklusiv-Interview mit eurosport.yahoo.de verrät die Bad Segebergerin, woher sie schon in jungen Jahren ihre mentale Stärke nimmt. Darüber hinaus spricht Barthel über Zeltnächte, Kugelstoßen und die Konkurrenz.

Das Interview führte Tobias Laure

Sie haben gerade das WTA-Turnier von Paris gewonnen und dabei mit Marion Bartoli und Sara Errani zwei Top-10-Spielerinnen geschlagen. Dazu haben Sie während des Turnierverlaufs keinen Tiebreak abgegeben. Woher nehmen Sie diese mentale Stärke?

Mona Barthel: Ich habe ja schon in der vergangenen Saison einige gute Spiele auf der Tour gemacht, unter anderem gegen Victoria Azarenka, die Nummer eins der Welt. Dazu kamen Partien gegen andere Topspielerinnen, wo ich allerdings viele Tiebreaks verloren habe. Diese Erfahrungen helfen mir aber jetzt, denn ich weiß, dass ich auch gegen sehr gute Kontrahentinnen meine Chance habe. Ich bin nun viel besser in der Lage, in den wichtigen mein stärkstes Tennis zu spielen und im Tiebreak voll da zu sein. Selbst wenn es nicht perfekt läuft, der Glaube und die Ruhe sind immer da.

Einen Tag nach ihrem Sieg von Paris haben Sie auf Ihrer Homepage geschrieben: "Zurück im richtigen Leben". Die großen Erfolge sind Ihnen offenbar noch ein wenig fremd.

Barthel: Da ist was dran - und ganz besonderes dieser Erfolg in Paris kam unerwartet. Als ich angereist bin habe ich absolut nicht damit gerechnet, dieses große und so stark besetzte Turnier zu gewinnen. Ich musste dafür drei Spielerinnen aus den Top 15 schlagen. Dass mir das gelingt, war schon eine ziemliche Überraschung und ein Durchbruch für mich.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Sie bei Turnieren im Zelt übernachtet haben und widrigen Umständen trotzen mussten. Vermissen Sie diese Zeiten schon?

Barthel: Man kann diese Phasen nicht vergleichen. Damals habe ich noch die kleinen Turniere gespielt. Da gab es oft nicht einmal Zuschauer. Aber es stimmt: Ich habe gezeltet, teilweise bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Das war ein komplett anderes Leben. Jetzt spiele ich dagegen große Turniere auf großen Courts gegen die besten Spielerinnen der Welt. Dass ich die alten Zeltplatz-Zeiten vermisse, würde ich nicht sagen. Aber ich bin sehr froh, dass es sie gab. Ich konnte so viel lernen dadurch. Und nun genieße ich eben die Hotels und tollen Stadien auf der WTA Tour. Für mich waren und sind beide Welten wichtig.

2012 haben Sie Ihr erstes komplettes Jahr auf der Tour gespielt und im australischen Hobart gleich den ersten Titel eingeheimst. Zehren Sie noch von diesem Schlüsselerlebnis?

Barthel: Daran denke ich natürlich immer wieder, denn auch dieser erste Titel kam total unerwartet. Ich bin damals von der Qualifikation ins Hauptfeld gekommen und habe dann das Turnier gewonnen. Dieses Jahr bin ich dann erneut im Finale von Hobart gestanden und es war für mich trotz der Niederlage gegen Jelena Wesnina ein Erfolg. Also Hobart verbinde ich immer mit sehr schönen Erinnerungen.

Inzwischen stehen Sie auf Rang 28 der Weltrangliste, so hoch wie nie zuvor. Wie weit nach oben kann es denn in dieser Saison noch gehen?

Barthel: Puh, das ist schwer zu sagen. Ich hoffe schon, dass es weiter nach oben geht. Zunächst aber bin ich unglaublich froh, dass ich erstmals die Top 30 geknackt habe. Sicher, das Potenzial für mehr ist da, zumal ich in der Mitte des Saison wenig Punkte zu verteidigen habe. Der Fokus liegt aber nicht auf dem Ranking, sondern darauf, mein Spiel weiterzuentwickeln und diese Fortschritte im Match abzurufen.

Das deutsche Damen-Tennis ist seit Jahren im Aufwind. Sabine Lisicki, Andrea Petkovic, Julia Görges und zuletzt vor allem Angelique Kerber haben für Furore gesorgt und stehen im Mittelpunkt des medialen Interesses. Macht es das für Sie leichter, Sie können sich ja quasi im Windschatten der anderen ungestört entwickeln.

Barthel: Es ist nicht abzustreiten, dass ich dadurch mehr Zeit und Ruhe habe. Wenn mein erster WTA-Titel ein paar Jahre früher gekommen wäre, wo die deutschen Erfolge noch nicht da waren, dann wäre das sicher ganz anderes gewesen. So ziehe ich aber meine Vorteile aus der Situation, dass wir in Deutschland so viele starke Spielerinnen haben.

Wie gehen die Konkurrentinnen auf der Tour mit Ihnen als Newcomerin um?

Barthel: 2012, in meinem ersten Jahr auf der Tour, kannten mich nicht viele. Nach dem Erfolg von Hobart und einigen guten Matches hat sich das drastisch geändert. Da haben viele gemerkt, dass es da noch eine Spielerin aus Deutschland gibt. Inzwischen kennen die Konkurrentinnen mich und mein Spiel sehr gut. Von daher bin ich umso glücklicher, dass ich trotzdem in Paris bestehen und gewinnen konnte.

Man kann bei Ihrer Karriere von einem Familien-Unternehmen sprechen. Ihre Mutter begleitet Sie auf der Tour, der Vater, früher ein sehr guter Kugelstoßer, ist für das Krafttraining zuständig. Wie gut sind Sie denn im Kugelstoßen?

Barthel (lacht): Das habe ich eigentlich erst einmal gemacht und nie richtig betrieben. Ansonsten aber ich vieles probiert, von Tischtennis über Hockey bis hin zur Leichtathletik - da aber kein Kugelstoßen!

Werden Sie das familiäre Karriere-Modell beibehalten?

Barthel: Meine Eltern sind die wichtigsten Personen in meiner Karriere, mein ganzes Leben habe ich mit ihnen trainiert. Das beschränkte sich nicht nur auf Tennis, sondern beinhaltete auch Kraft- und Konditionstraining. Das war bei uns schon immer so. Aber ich bin auch offen für neue Wege, neue Ansätze. In Paris habe ich zum Beispiel zum ersten Mal mit Coach Jacek Szygowski zusammengearbeitet. 2012 war ich übrigens auch auf der Suche nach einem Trainer, aber das muss eben passen...

... also arbeiten Sie ab sofort fest mit Szygowski zusammen?

Barthel: Für so eine Entscheidung ist es noch zu früh. Die Zusammenarbeit mit Jacek kam sehr spontan zusammen. Ich hatte ihn zuvor noch nie getroffen und er mich auch nicht. Der Kontakt kam bei den Australian Open zustande, durch den Trainer Robert Orlik. Er hat die Kooperation vorgeschlagen und dann haben wir das in Paris einfach mal ausprobiert.

Auf der Tour geht es für Sie nun mit den Turnieren in Doha, Dubai, Indian Wells und Miami weiter - allesamt wichtige Hartplatz-Turniere. Welche Erwartungen haben Sie?

Barthel: Ich nehme mir nie Ziele vor wie Halbfinale oder Endspiel. Denn es kommt auch sehr auf die Umstände an, die Auslosung, das Gefühl. Von daher konzentriere ich mich auf mein Spiel, um mich zu verbessern.

Dann lassen Sie mich ein konkretes Ziel vorschlagen: Wie wäre es denn mit einem neuen Rekord bei Grand-Slam-Turnieren? Bislang steht als bestes Resultat die 3. Runde bei den Australian Open zu Buche.

Barthel: Ja, das wäre in der Tat schön. Zuletzt hat es bei den Grand-Slam-Turnieren für mich nicht so gut funktioniert, das würde ich gerne ändern. Aber da ich bei den letzten vier Major-Wettbewerben jeweils in der 1. Runde gescheitert bin, kann es eigentlich nur besser werden (lacht).

Frau Barthel, ich bedanke mich für das Gespräch!

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