Skispringen - Goldberger: "Dann bist du ein Volksheld"

Zweimal hat Andreas Goldberger die Vierschanzentournee gewonnen. Der Österreicher spricht im Exklusiv-Interview mit eurosport.yahoo.de über Reiz, Wert und Probleme beim prestigeträchtigen Vierkampf über den Jahreswechsel, erklärt, warum ihn das starke Auftreten der Deutschen nicht überrascht und schildert gut ein Jahr vor den Spielen in Sotschi seine Eindrücke vom Olympia-Ort für 2014.

Herr Goldberger, Sie sind Weltmeister und Olympiadritter, haben den Gesamtweltcup dreimal und die Vierschanzentournee zweimal gewonnen. Welcher dieser Erfolge bedeutet Ihnen im Rückblick am meisten?

Andreas Goldberger: "Rein sportlich gesehen ist der Gesamtweltcupsieg schon immer das Höchste. Aber wenn man es emotional betrachtet, hängen Tourneesiege oder WM-Titel wieder ein Stück höher, weil es einfach der Moment ist, der da mehr bedeutet. Ein Sieg im Gesamtweltcup zeichnet sich über eine ganze Saison ab, aber mit einem Sieg bei der Tournee - bei mir vor allem mit meinem ersten - geht ein Kindheitstraum in Erfüllung. Von der Emotion her ging da nichts drüber, auch wenn der WM-Titel am Kulm oder der Weltrekord auch sensationell waren. Generell ist die Vierschanzentournee für uns Österreicher, aber auch für die Deutschen immer ein Highlight."

Welches Erlebnis kommt Ihnen als erstes in den Kopf, wenn Sie an die Tournee denken?

Goldberger: "Da kommen viele Erinnerungen auf, aber als erstes ist das immer mein letztes Springen - das Finale in Bischofshofen."

Was macht den Reiz der Tournee aus?

Goldberger: "Das Prestige und die Tradition sind sicher ein Punkt. Aber der Reiz, innerhalb von einer Woche auf vier verschiedenen Schanzen, in vier Wettkämpfen der Beste zu sein, unterscheidet die Tournee von normalen Weltcups. Da braucht es eine gewisse Konstanz und auch ein Stehvermögen, denn mit der Qualifikation und den Probedurchgängen können da recht viele Sprünge in recht kurzer Zeit auf die Athleten zukommen."

Ist der sportliche Stellenwert Ihrer Meinung nach höher als bei der WM oder Olympia, weil man gleich bei vier Springen eine Topleistung abrufen muss?

Goldberger: "Auf alle Fälle. Rein sportlich liegt der Gesamtweltcup da noch drüber, aber dann kommt die Tournee. Bei Weltmeisterschaften oder Olympia kann man auch mal Glück haben. Da reicht dir vielleicht schon ein guter Tag - das geht bei der Tournee nicht. Da braucht man eine sehr gute Woche."

Stehen die Deutschen und die Österreicher bei den vier Springen nochmal unter stärkerem Druck als ohnehin?

Goldberger: "Ich habe das immer als positiven Druck gesehen. Aber natürlich stehen die Deutschen und Österreicher viel stärker im Fokus. Wenn du da gut bist, erwarten die Leute natürlich auch viel mehr von dir. Das ist für mich auch einer der Gründe, warum es bei der Tournee schon viele norwegische und finnische Siege gab, weil diese Athleten einfach locker herkommen können. Sie haben ihre Ruhe, brauchen rundherum nicht viele Termine wahrzunehmen. So können sie befreiter auftreten. Auf der anderen Seite ist der Anreiz, die Tournee zu gewinnen für einen Österreicher oder Deutschen natürlich noch ein bisschen größer, denn wenn du gewinnst, bist du ein Volksheld in deinem Land."

Ist es eigentlich für einen Österreicher noch schöner in Oberstdorf oder Garmisch zu gewinnen? Stichwort Schadenfreude...

Goldberger: "Klar ist es schön, in Deutschland zu gewinnen. Aber der Bergisl in Innsbruck, das ist die Schanze, auf der ein Österreicher gewinnen will. Ich hatte immer das Glück, in Deutschland wahnsinnig fair behandelt worden zu sein. Aber am Ende gilt natürlich: Bevor ich gar nicht gewinne, gewinne ich lieber in Garmisch oder Oberstdorf. Bei meinem ersten Tourneesieg habe ich in Oberstdorf geführt und dann hat mich Christoph Dufner im zweiten Durchgang noch mit zwei oder drei Zehnteln abgefangen. Trotzdem waren wir über unsere gesamte Karriere immer gute Freunde - Schadenfreude gab es da nicht."

In diesem Jahr sieht es nach einem Zweikampf zwischen Deutschland und Österreich aus...

Goldberger: "Darauf freue ich mich besonders. So stark, wie die Deutschen in diesem Jahr sind, waren sie wohl die letzten zehn Jahre nicht mehr. Das gilt für die ganze Mannschaft. Du musst nicht nur auf einen Athleten schauen, sondern hast ein starkes Team, das ernsthaft mit drei oder vier Athleten um den Sieg mitspringen kann. Das ist gut, und das werden wir auch in den Stadien merken. Ich denke, wir werden eine Stimmung erleben, wie es sie schon lange nicht mehr gegeben hat."

Überrascht Sie das derart starke Auftreten der Deutschen?

Goldberger: "Nein, überhaupt nicht! Vielleicht nur, dass die Jungen wie Wellinger oder Geiger so stark in die Saison gestartet sind. Für mich war das aber nur eine Frage der Zeit, dass das passiert. In der Hochzeit mit Schmitt und Hannawald haben die Deutschen ein wenig die Nachwuchsarbeit vernachlässigt. Als sie das erkannt hatten, dauerte es ein bisschen, die Kurve zu kriegen - so fünf bis zehn Jahre. Das ist normal. Aber schon seit einigen Jahren wird da gut im Nachwuchs gearbeitet. Wenn man gesehen hat, was Severin Freund oder Richard Freitag schon in der letzten Saison angedeutet haben, hätte es mich gewundert, wenn sie in naher Zukunft nicht so aufgezeigt hätten. Das ist das Ergebnis harter Arbeit."

Trauen Sie Andreas Wellinger oder Karl Geiger zu, ihre stabile Form zu halten?

Goldberger: "Puh, beim Wellinger bin schon gespannt. Der hat was. Der hat eine Art an sich, das ist ein Typ. Der könnte ein Star werden. Für einen Sieg bei der Tournee ist es vielleicht noch ein wenig zu früh. Aber dass er seine gute Form hält und vorne mitmischt, glaube ich schon. Die Topfavoriten aus deutscher Sicht bleiben aber Severin und Richard."

Wer kann sich denn in den Zweikampf zwischen den Deutschen und den Österreichern noch einmischen?

Goldberger: "Klar, nach Engelberg, wo unter den ersten Sechs drei Österreicher und drei Deutsche waren, sieht alles nach einem Zweikampf aus. Aber das hat man schon oft gedacht und am Ende gab es einen lachenden Dritten - früher war das meist Janne Ahonen. Diesmal könnte das ein Simon Ammann sein oder ein Anders Bardal, der es ausnutzt, dass sich da vorne zwei Nationen gegenseitig aufreiben."

Haben Sie Angst, dass die neue Anzugregel in die Entscheidung reinspielen könnte?

Goldberger: "Das Schlimmste, also eine Disqualifikation, sollte nicht eintreten. Wenn da jemand so hoch pokert, dann ist er selbst schuld. Alle hatten ausreichend Zeit, sich auf das Material einzustellen und es auszuprobieren."

Was halten Sie generell von der neuen Anzugregelung?

Goldberger: "Jede Regeländerung hat positive und negative Seiten. Das Gute ist, dass es für die Kontrolleure jetzt einfacher zu messen ist. Aber für die Athleten wird es schwieriger. Ihnen werden weniger Fehler verziehen und vor allem bei Rückenwind kann es große Unterschiede geben."

Dafür gibt es ja dann die Wind-Kompensation...

Goldberger: "Die finde ich auch gut. Die Springen werden so fairer. Früher hattest du mal schlechte Bedingungen und hast dadurch die Tournee verloren. Jetzt kannst du dich noch ins Finale retten oder den Punkterückstand zumindest in Grenzen halten. Richtige Zufallssiege wird es so jedenfalls nicht mehr geben."

Werfen wir mal einen Blick noch ein Stück weiter voraus: Sie waren in Sotschi, dem Olympia-Ort von 2014. Was für einen Eindruck haben Sie von der Anlage?

Goldberger: "Es ist zwar nur auf der kleinen gesprungen worden, aber die Schanzen selbst schauen gut aus. Und auch die Athleten, die ich gesprochen habe, haben gesagt, dass ihnen die Anlage richtig taugt. Rundherum ist aber alles noch eine große Baustelle. Für mich wäre es wichtig, dass diese tolle Anlage auch nachhaltig genutzt werden würde. Wenn das passiert, bin ich begeistert, wenn nicht dann wäre es total schade. Olympia kann sich aber in jedem Fall auf eine geile Anlage freuen."

Kann man über den Olympia-Ort Sotschi überhaupt schon etwas sagen oder ist das alles noch Baustelle?

Goldberger: "Da trau ich mir kein Urteil zu, weil es da in einem Jahr schon wieder ganz anders aussehen kann. So wie es jetzt aussieht, kann man da keinen Eindruck bekommen. Zurzeit ist das eine 15 Kilometer lange Baustelle, auf der Tag und Nacht gearbeitet wird. Das habe ich noch nicht gesehen. Wenn alles fertig wird, können das aber sicher tolle Olympische Spiele werden. Umso mehr wäre es schade, wenn diese Anlagen, die mit einem solchen Aufwand gebaut werden, später nicht nachhaltig genutzt würden. Aber das kann man erst in ein paar Jahren sagen."

Wie war das bei den Test-Wettkämpfen mit dem Zuschauerzuspruch?

Goldberger: "Die Zuschauerplätze waren noch nicht fertig. Da hätten die Organisatoren ein großes Problem gehabt, wenn da 500 Zuschauer gekommen wären. Das war nicht vorgesehen und schon richtig komisch, so ein Wettkampf ohne Zuschauer. Das werden wir bei der Tournee nicht erleben."

Und hoffentlich auch nicht bei der WM in Val di Fiemme...

Goldberger: "Nein, die Veranstalter da bemühen sich sehr, viele Zuschauer zu den Wettkämpfen zu locken. Von Innsbruck oder Garmisch sind es nur rund zwei Stunden bis Val di Fiemme. Und die Region bietet viel, dazu sind die Karten recht günstig. Die Organisation hätte es einfach verdient, wenn auch viele Leute kommen würden. Auch die Anlagen sind perfekt. Da wurde wirklich schon super gearbeitet."

Auf was freuen Sie sich besonders?

Goldberger: "Den Mixed-Team-Wettkampf finde ich klasse. Der hat großes Potenzial, weil sich alles ein bisschen besser durchmischt."

Welche Erinnerungen haben Sie an den WM-Ort?

Goldberger: "Zu einer WM war ich nie dort, aber ich habe in Val di Fiemme oft trainiert und bin oft da gesprungen. Mir hat das immer sehr gut gefallen. Ich werde auch bei der WM als Kameraspringer im Einsatz sein. Die Schanzen sind lässig, aber es kommt oft drauf an, wann die Springen angesetzt sind, denn in Predazzo kann es schon auch sehr windig sein. Ich habe nur gute Erinnerungen an die Schanzen, außer vielleicht, dass wenige Zuschauer da waren. Aber das wollen wir ja ändern."

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