Ski-WM - Österreich am Boden: Hirscher hilf!

Die Ski-Nation ist außer sich. Als wäre die unheimliche Serie an Pleiten, Blech und Pannen bei der Heim-WM in Schladming nicht genug, vergreift sich jetzt auch noch jemand an ihrem Nationalhelden. Marcel Hirscher, der Mann, der Österreich in der zweiten WM-Woche im Alleingang aus dem Jammertal führen soll, hat bei seinem Slalom-Sieg in Kitzbühel angeblich eingefädelt.

Dieser Vorwurf irgendwo aus dem Nirwana Internet ist längst ausgeräumt, der Aufschrei in der Alpenrepublik war jedoch unüberhörbar.

Die Kronenzeitung schrieb von einer "bösen Intrige gegen den Superstar". Die Kollegen der Kleinen Zeitung nannten die Anschuldigung "verabscheuungswürdig und unfair", jammerten: "Jetzt geht der Nervenkrieg richtig los." Hans Pum, der Alpindirektor des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV), verstieg sich sogar zu einer Verschwörungstheorie. "Das ist kein Zufall", sagte er blass: "Man will Marcel böswillig aus dem Tritt bringen." Ausgerechnet Hirscher, den überragenden Torläufer des Winters, den Gesamtweltcupführenden.

Wenn nicht im Team, wann dann?

Hirscher (23), ein 173 cm kleines Kraftpaket, greift am Dienstag im Teamwettbewerb (ab 17:00 Uhr im Liveticker auf eurosport.yahoo.de) ins WM-Geschehen ein - und soll Österreich gleich zu Gold führen, zum ersten Titel dieser verkorksten Titelkämpfe von Schladming. "Wir sind zu favorisieren, weil wir die besten Skifahrer haben", sagt Frauen-Chefcoach Herbert Mandl über das Nationenduell. Doch auch er ahnt: "Wenn wir da nichts reißen, ist alles aus." Das debakulöse Abfahrtswochenende hat Spuren hinterlassen. Das Versagen der Ski-Helden ist Thema Nummer eins zwischen Bregenz und Wien.

"Wo sind die acht versprochenen Medaillen, Herr Präsident?", will der aufgebrachte Leser Heinz Vielgrader aus Rappoltenkirchen in der "Krone" von ÖSV-Chef Peter Schröcksnadel wissen. Am Montagabend, in der Super-Kombination der Männer, holte Romed Baumann immerhin die zweite Bronzemedaille. Doch die Kombi, meinte der Kurier, sei ein "Bewerb, dessen Stellenwert so bescheiden ist, dass ihn außerhalb Österreichs kaum jemand registriert".

"Laft hoit a weng lob", raunen sich die Fans in "Schlappming" (Tiroler Tageszeitung) zu, "es läuft halt ein bisschen schlecht." Warum? Verantwortliche und Medien tun sich bei der Ursachenforschung schwer. "Vierter oder Fünfter, das ist kein Pech. Dann warst du zu schwach", sagt Männer-Chef Mathias Berthold. "Glück? Pech? Kein Mumm!", schreibt das Blatt Die Presse: "Höchste Zeit, dass Hirscher eingreift."

Hirscher als Retter in der Not

Hirscher, schreiben die Salzburger Nachrichten, sei der "letzte personifizierte Heilsbringer der Skination". Ein letzter Strohhalm in Menschengestalt. "Jetzt", bangt auch die Kronenzeitung, "kann uns nur noch Marcel retten." Auf dem Titel der WM-Beilage des Blattes winkt Held Hirscher zufrieden, ein breites Grinsen im Gesicht. Nur: Das Foto zeigt ihn in München, wo er das Finale im Parallel-Slalom gegen Felix Neureuther verlor. Der nennt den Kumpel im Interview mit dem SID ein "Jahrhunderttalent". Aber, ach, die "Einfädler-Debatte".

"Es bleibt zu hoffen, dass Marcel Nerven bewahrt und sich von so etwas nicht beeinflussen lässt", sagt Pum. Der Druck auf den kleinen Helden jedoch sei "unmenschlich", meinen die Salzburger Nachrichten: "Die Befürchtung, dass so etwas schiefgeht, wächst täglich."

Hirscher hat in den vergangenen Tagen versucht, dem Trubel, dem Druck auszuweichen. Hier und da ließ er sich blicken im WM-Ort, gab einige Interviews. Die letzte Vorbereitung bestritt er allerdings in Hinterreit und zu Hause in Annaberg. "Er hat null Druck", behauptet Trainer Mike Pircher: "Er hat so viel gewonnen, dass es längst eine höchst erfolgreiche Saison ist." Erfolg? Ohne WM-Gold, sagen sie in Österreich, "is ois a Schas". Alles Scheiße.

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