Serie A - Boateng: "Klopp einer der besten Trainer der Welt"

Deutschland, England, Italien sind seine Stationen: Kevin-Prince Boateng ist einer der technisch stärksten und polarisierendsten deutschen Fußballer. In seiner DNA stecken Zellen Helmut Rahns, Weltmeister von 1954 und Cousin seines Großvaters mütterlicherseits. Nach dem Foul an Michael Ballack in der englischen Liga 2010 galt der Mittelfeldspieler eher als berüchtigt denn berühmt. Zu Unrecht.

Das Gespräch führte Antje Luz

Der Beidfüßer gibt schlicht alles dafür, woran er glaubt. Nicht nur damit hat sich "Boa" in Rekordzeit in die Fußballherzen der italienischen Fans gespielt. Er kann nachdenklich sein und ist nachsichtig mit Menschen, denen Fehler passieren – auf dem Platz und im Leben.

Herr Boateng, ein ehemaliger Nachbar aus Ihren Kindheitstagen soll gesagt haben: "Kevin ist ohne Ball nicht mal zum Mülleimer gegangen." Ist das heute noch so?

Kevin-Prince Boateng: (lacht) Heutztage gehe ich zum Glück nicht mehr zum Mülleimer! Wir haben so einen Müllschlucker, der es sofort runtertransportiert. Aber ja, es stimmt, ich bin 24 Stunden mit dem Ball herumgelaufen, auch zum Müll, weil meine Aufgabe zu Hause war, den Müll runter zu bringen. Der Ball war immer dabei, auch zur Schule, das hat die Lehrer ein bisschen genervt, aber ich habe immer gesagt, ich werde Fußballer!

Sie sagten mal, dem Käfig an der Panke, einem Bolzplatz in Berlin-Wedding, hätten Sie "alles zu verdanken". Was haben Sie dort gelernt? Und was mussten Sie verlernen?

Boateng: Es war hart, weil man auf Stein spielte und wenn man hingefallen ist, hat man gelernt, gleich wieder aufzustehen. Man hat gegen ältere Männer gespielt, die schon 35 waren und ich war immer der Kleinste, Dünnste, Jüngste... Das hat mir sehr geholfen, mich immer durchzusetzen. Auf der Straße ist es er oder du. Das ist im Profibereich nicht mehr so extrem. Verlernen musste ich, dass man zielstrebiger spielen muss und den Ball nicht durch die Beine spielen, sondern einfach reinschieben, wenn man vor dem Tor ist.

Kommen wir zu heute: Generationenwechsel bei Milan - neun erfahrene Spieler sind weg, schlechtester Saisonstart seit Jahrzehnten, teilweise aufgeholt, aber Juve und Inter fliegen vorneweg. Welches Ziel hat der Klub und was tun Sie (alle), um es zu erreichen?

Boateng: Das Ziel bei Mailand ist klar: man muss gewinnen. Natürlich ist es nicht einfach dieses Jahr. Wir haben einen Riesenumbruch, wir haben sehr viele junge Spieler und wir formen gerade die Mannschaft. Wir wollen natürlich nach oben angreifen, da ist noch sehr viel Platz. Wir werden sehr hart arbeiten, als Mannschaft noch mehr zusammenrücken und dann hoffentlich unter die ersten drei kommen. In der Champions League muss man sehen. Wir haben jetzt ein schwieriges Los, aber da ist in zwei Spielen alles möglich.

In der Champions League-Auslosung wurde AC Mailand gegen Barçelona gezogen. Wie denken Sie darüber?

Boateng: Gegen die beste Mannschaft der Welt spielen, was soll man da denken?! Das ist eine super Chance, ein super Spiel.

Sie hatten im November 2011 an Eric Abidal vorbei ein Tor gegen Barcelona geschossen...

Boateng: Ja. Das ist jetzt schon das dritte Jahr, in dem wir gegen Barcelona spielen. Es wird ein riesiger Rummel um das Spiel sein und am Ende sind es zwei Spiele, die man hat, in denen alles passieren kann. David wird Goliath schlagen oder Goliath wird David überrollen, es kann alles passieren. Wie es am Ende ausgeht, wer mehr Glück hat oder besser spielt, das werden wir dann sehen. Ich freue mich jedenfalls auf das Spiel.

Historisch gesehen war die Champions League immer Milans Lieblingsziel. Es war auch das Ihrige als Kind - und nicht die WM. Warum?

Boateng: Ich habe immer davon geträumt, Champions League zu spielen und natürlich zu gewinnen. Ich wußte ja nie, ob ich Nationalspieler werde, aber ich wußte, dass ich irgendwann zu einem Verein komme, wo ich Champions League spiele und deswegen wollte ich die Champions League gewinnen. Und weil es der bedeutendste Pokal für den Vereinsfußball ist, weil die Besten der Besten gegeneinander spielen. Und nur die Besten gewinnen.

Lernt man mehr beim Gewinnen oder beim Verlieren?

Boateng: Gute Frage. Ich will natürlich immer gewinnen, aber für mich selber kann ich sagen, dass ich mehr lerne, wenn ich verliere. Das kann ich nicht auf jeden beziehen, es gibt verschiedene Charaktere und ich weiß nicht, wie andere das sehen. Aber für mich selber, wenn ich verliere, dann setze ich mich hin und frage mich, warum, was habe ich nicht gut gemacht und wo muss ich noch lernen...

Sie lernen auch als Mannschaft: 4-3-2-1, 4-4-2, 3-4-3, 4-3-1-2,... Milan spielt diese Saison mit vielen Spielsystemen. Welches liegt Ihnen persönlich am besten?

Boateng: Wir haben viele Sachen ausprobiert, weil wir neue Spieler hatten, eine neue Mannschaft. Ich habe immer gesagt, ich liebe es, auf der 10 zu spielen, hinter den Spitzen. Ob es dann ein 4-2-3-1 ist oder 4-4-2 mit Raute, ist mir letztendlich egal. Wenn ich auf der 10 spiele, habe ich meinen Freiraum, da weiß ich auch genau, wo ich hinlaufen muss, welchen Raum ich bedecken muss und deswegen ist es meine Traumposition.

Trainer Massimo Allegri sieht Sie auch gerne auf der 6...

Boateng: Auch, ja. Aber da habe ich noch nicht oft gespielt. Es gibt mehrere Trainer, die mich auf der 6 sehen. Ich sehe mich selber nicht da, weil ich nicht der Beste im Defensivverhalten bin, aber da hat jeder Trainer seine eigene Philosophie. Ich sehe mich am besten auf der 10.

Darum ist sie jetzt auch auf dem Rücken.

Boateng: (lacht.)

Auf dem Trikot steht über der 10 Ihr zweiter Vorname "Prince", wie bereits zur WM 2010 auf Ghanas Jersey. Wollten Sie im Sommer 2010 ein neues Image, bzw. eine neue Identität schaffen?

Boateng: Ich habe mich für diesen Namen entschieden, weil ich für mich selber einen neuen Weg einschlagen wollte, vielleicht auch eine neue Identität entwickeln, weil es vorher viele Geschichten über mich gab und mein Image nicht so super war auf der Welt und in Deutschland. Deswegen war es für mich eine Chance, ein neues "Chapter" einzulegen. Und natürlich auch, weil es in der Zeit viele Boatengs gab – meinen Bruder Jèrôme, den Niederländer George Boateng oder Derek Boateng, der mit mir bei Ghana gespielt hat... Da habe ich mir gedacht, so ein schöner Name, den kann man auch auf dem Trikot benutzen und das wird jetzt auch immer so bleiben.

Sie spielten vergangene Saison mit Ibrahimovic und Nocerino in einer tollen Syntonie zusammen und machten gemeinsam mehrere Tore. Was fehlt Ihnen - außer Ibrahimovic - dieses Jahr dazu?

Boateng: Ein überragender Stürmer wie Ibrahimovic hat Räume frei gemacht, viele Spieler auf sich gezogen und da hatten Nocerino und ich mehr Platz, somit mehr Torchancen und mehr Tore gemacht. Jetzt ist es ein bisschen schwieriger, aber wir haben schon viel verbessert und ich denke, dass wir noch ‘ne Schippe drauflegen können. Und wir haben ja fast schon einen neuen Ibrahimovic: wenn El Shaarawy so weitermacht, wird er auf jeden Fall ein Ibrahimovic werden.

Wo ist die Meisterschaft ist am kompetitivsten: in Deutschland, England oder Italien? Und wo ist der Druck am größten?

Boateng: Der Druck ist, so wie ich ihn selber fühle, in Italien am größten. Also gerade, wenn du bei Mailand spielst, bei so einem Riesenverein, da ist der Druck extrem groß, weil man immer gewinnen und gut spielen muss. Wenn nicht, hauen sie drauf. Und die schwerste Liga von den Spielen her ist in England. Weil sie sehr schnell spielen und es auch dann sehr schwierig ist, wenn ein großer Verein gegen einen kleineren Verein spielt. Da sind die meisten "Battles".

Wie hat sich aus Ihrer Sicht der Fußball in Deutschland entwickelt?

Boateng: Er hat eine sehr positive Entwicklung in den letzten fünf, sechs Jahren genommen. Man sieht auch, wie viele Mannschaften sich jetzt im europäischen Fußball qualifiziert haben, ob es Schalke oder Dortmund ist, die beide erster in der Gruppe geworden sind. Also das sagt eigentlich schon alles über den deutschen Fußball, der sehr stark geworden ist.

In Deutschland haben Sie einen zweifelhaften Ruf. In Italien werden Sie geliebt. Gibt es in Italien mehr Raum für impulsive Spieler?

Boateng: Ich denke, in Deutschland hatte ich einen zweifelhaften Ruf, weil ich mich nur noch auf Fußball konzentriere. Und in Italien... Es ist normal, wenn du als junger Spieler irgendwo aufwächst und ein paar Sachen machst, die vielleicht nicht gut waren oder nicht gut angekommen sind und dann das Land wechselst - da weiß keiner, was du gemacht hast. Deswegen hatte ich hier einen neuen Start. Die Leute wussten nur, dass ich Fußballer bin und auf dem Platz manchmal ein bisschen verrückt bin. Was auch die Vereine, wo ich gespielt habe, dazu bewogen hat, mich zu holen, weil ich ein Verrückter sein kann und man die manchmal auch braucht.

Welche drei Dinge brauchen Sie - außer Fußball - im Leben?

Boateng: Als Erstes meinen Sohn Jermaine, der kommt vorm Fußball. Die zweite Sache ist meine jetzige Freundin, mit der ich sehr, sehr, sehr glücklich bin. Ich denke, dass es für jeden Menschen wichtig ist, einen Partner zu haben, mit dem man glücklich ist, tagein tagaus lachen kann und alle Probleme, die man vielleicht in seinem Leben hat, bewältigen kann. Und als drittes die Gesundheit, weil ein Leben, auch als Fußballprofi, ganz schnell vorbei sein kann. Deswegen sollten wir danken, wer auch immer da oben ist, ob Gott, Allah, Buddha oder wie auch immer, dass wir gesund sind und so ein Leben führen können.

Was ist das Schönste an Italien und am italienischen Fußball?

Boateng: Das Schönste in Italien ist das Essen. Und im italienischen Fußball ist es das fanatische, dass die Menschen so verrückt nach Fußball sind, ihn so sehr verfolgen und vielleicht auch vor ihre Arbeit stellen.

Ibrahimovic hat als Kind mal ein Fahrrad gestohlen, um ins Training zu kommen. Haben Sie mal etwas Ähnliches gemacht?

Boateng: Nicht so etwas, aber ich erinnere mich, dass ich mal in Berlin war und wir am nächsten Tag morgens Training in Mailand hatten, aber mein Flug "gecancelt" war, weil es einen Schneesturm gab. Da bin ich dann mit dem Auto von Berlin nach Mailand gefahren, um pünktlich beim Training zu sein.

Wenn Sie einen Kollegen zum Kicken wählen könnten, welcher wäre es?

Boateng: Ich kann glücklicherweise sagen, dass ich mit ihm schon trainiert und gespielt habe: das war Ronaldinho. Leider nicht in seiner besten Zeit, aber noch in einer, wo er mir im Training oder im Spiel manchmal den Atem geraubt hat, weil er überragende Fähigkeiten hatte - was ich mir selber nicht erklären kann, wie ein Fußballer so gut sein kann. Er hat mir gezeigt, was möglich ist mit zwei Füßen und einem Ball.

Was hat Ihnen die Zeit bei Portsmouth, Borussia Dortmund und Milan gezeigt?

Boateng: Portsmouth war Absteiger, das war neu für mich, dass man erst die Null halten muss, bevor man ein Tor macht, dass man im Abstieg einen anderen Fußball spielen und sich durchkämpfen muss. In Dortmund war es für mich sehr, sehr positiv so einen Trainer (Jürgen Klopp, Anm.d.Red.) zu haben, der mir geglaubt hat, der mir vertraut hat, der meine fußballerischen Fähigkeiten gebaut hat. Das hat mich so weit gebracht, dass ich auch wieder selber an mich geglaubt habe – an Sachen, wo ich vielleicht gesagt habe, das kann ich nicht. Und das habe ich Klopp zu verdanken. Ein super Trainer, für mich der beste Trainer in Deutschland, wenn nicht sogar einer der besten der Welt. Und AC Mailand, das hat mir sehr viel gegeben, bei so einem Riesenverein anzukommen. Ich war in Italien ein "No-Name" und erstmal hatte ich das Vertrauen der anderen Spieler bekommen, weil ich gezeigt habe, was ich kann und Mailand hat mir die Chance gegeben, mich auf der internationalen Bühne so zu zeigen.

Welches war Ihr wichtigstes Tor?

Boateng: Da gibt es drei: Als wir 3:0 hinten lagen in Lecce (24.10.2011, Anm.d.Red.). Da bin ich eingewechselt worden und durfte gleich drei Tore machen.

In 14 Minuten.

Boateng: Genau. Ich konnte das Spiel alleine drehen und das war einfach ein schönes Gefühl.

Sie wollten damals den Ball mit nach Hause nehmen. Haben Sie ihn noch?

Boateng: Ja, der ist zu Hause. Jeder Spieler nimmt nach einem Hattrick den Ball mit nach Hause, das ist so ein Aberglaube. Jetzt ist die Luft raus, aber der wird immer einen guten Platz bei mir haben.

Schlußfrage: 15.05.2010. Ihr Foul an Michael Ballack - wie hat die Situation Ihr Leben verändert?

Boateng: Verändert hat es mein Leben eigentlich nicht, außer dass ich in Deutschland vielleicht von vielen Menschen gehasst wurde. Aber das war halt so, das ist Fußball, das kann mal passieren. Dass es so eine Tragweite hatte, das hätte ich nicht gedacht. Aber es ist jetzt fast drei Jahre her, ich denke gar nicht mehr darüber nach.

Wären Sie gern zu Ballacks Abschiedsspiel eingeladen?

Boateng: Wenn er mich einlädt, spiele ich gerne.

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