Radsport - "Ein Taiwanese bei der Tour wäre toll"

Der Vize-Präsident des neuen Lampre-Ausrüsters Merida, William Jeng spricht im Exklusiv-Interview über die Ambitionen seiner taiwanesischen Firma und erklärt auch, warum der zweitgrößte Hersteller der Welt erst jetzt auf höchstem Niveau im professionellen Straßenradsport investiert. Typisch asiatisch bemüht Jeng dabei mehrere Lebensweisheiten. Die Doping-Problematik sei nebensächlich gewesen.

Das Interview führte Felix Mattis

Mister Jeng, die Zusammenarbeit mit Lampre bedeutet für Merida das erste Engagement in der Weltspitze des Straßenradsports. Was sind die Ziele hinter dem Einstieg in die World Tour?

William Jeng: "Merida ist im Mountainbike-Sport seit vielen Jahren sehr erfolgreich. Dadurch sind fast 80 Prozent der Räder, die wir verkaufen, Mountainbikes. Wir glauben, dass wir durch Investitionen im Straßenradsport jetzt ein ausgeglicheneres Verhältnis bei unseren Verkaufszahlen herstellen können und dadurch gleichzeitig wachsen werden. Es ist uns wichtig, den Leuten zu zeigen, dass wir mehr können. In 41 Jahren Fahrrad-Produktion haben wir gelernt, dass der Unterschied zwischen Mountainbikes und Straßenrädern in der Herstellung eigentlich nicht allzu riesig ist. Die großen Unterschiede liegen eher in der marketingtechnischen Herangehensweise an diese beiden Felder."

Und warum fiel die Wahl auf das Lampre-Team?

Jeng: "Schon im Jahr 2008 hatten wir auf der Eurobike erste Kontakte zu Lampre. Sie fragten uns, ob wir über ein Sponsoring sprechen könnten. Aber wir waren ehrlich: Ich habe gesagt, dass wir dafür mit unseren Produkten noch nicht bereit seien. Letztes Jahr trafen wir uns dann wieder - diesmal in einem Restaurant etwas außerhalb von Friedrichshafen. Sie erinnerten sich, dass wir damals nicht bereit gewesen waren und sprachen uns noch einmal darauf an. Jetzt waren wir bereit und Lampres Ausrüster-Vertrag war gerade ausgelaufen."

Dass Merida erst so spät in den Straßenradsport einsteigt liegt also nur daran, dass Sie vorher noch nicht dafür vorbereitet waren?

Jeng: "Natürlich wollten wir auch nicht mit irgendeinem Team starten. Uns war wichtig, dass es ein europäisches Team ist, weil wir auch gerade den europäischen Markt erreichen wollten. Und weil vor allem Südeuropa sehr eng mit dem Straßen-Radsport verbunden ist, waren uns Italien oder Spanien am liebsten. Aber das ist wie im richtigen Leben: Wenn eine Traumfrau verheiratet ist, kann man diese Ehe auch nicht einfach brechen. Man muss warten, bis sie wieder zu haben ist."

Haben Sie auch mit anderen "Frauen" geflirtet?

Jeng: "Wir hatten einige Gespräche im Jahr 2010, aber die sind alle im Sand verlaufen. Lampre ist ein guter Partner für uns, denn das Team hat eine große Tradition."

Ein großes, negatives Thema im Straßenradsport ist Doping. Durch die aktuellen Geständnisse vieler (Ex-)Fahrer scheint sich der Sport allmählich zu säubern. Spielte das auch eine Rolle bei den Überlegungen, jetzt einzusteigen?

Jeng: "Den konkreten Plan des Einstiegs verfolgen wir ja bereits seit 2010, der Zusammenhang ist also nicht direkt gegeben. Natürlich ist Doping allerdings ein Thema, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Darüber haben wir intern auch viel diskutiert. Aber der Mensch kann nicht aufhören zu essen, nur weil man davon Magenschmerzen bekommen kann. Ansonsten würde er sterben. Und dasselbe gilt auch im Sport: Gerade wir als Fahrradhersteller können nicht einfach aufhören, den Radsport zu unterstützen, nur weil einige Sportler dopen. Wir wollen das von der positiven Seite sehen: 99 Prozent der Athleten sind sauber und wir werden unser Bestes geben, Doping zu verhindern."

Inwiefern?

Jeng: "Wir müssen den Menschen Mut machen. Die jungen Fahrer müssen lernen, dass der Preis für Doping zu hoch ist. Man wird zwar vielleicht nicht sofort erwischt, dann aber nachträglich in fünf Jahren. Alles, was man dann in fünf oder zehn Jahren seines Lebens erreicht hat, könnte zerstört werden - das sieht man an den aktuellen Beispielen. Deshalb ist es eine sehr gute Sache, dass jetzt so offen darüber gesprochen wird. Das ist eine sehr gute Entwicklung. In unserem Team wird niemand die Fahrer dazu bewegen, verbotene Mittel zu nehmen."

Woher kommt eigentlich der Firmen-Name Merida - das klingt nicht wirklich asiatisch?

Jeng: "Merida besteht aus drei chinesischen Wörtern. Asiatische Firmen benutzen oft Namen, die für Glück stehen - oder etwas anderes positives, was man mit seinen Produkten vermitteln möchte. Wir haben drei Worte gewählt: "Me" bedeutet schön, "Ri" ist komfortabel und praktisch und "Da" heißt, dass etwas erreichbar ist. Und, dass der Name nicht zu Chinesisch klingt, ist ja sogar gut. Merida könnte auch ein italienischer oder spanischer Begriff sein. Das macht den Zugang zum internationalen Markt einfacher."

Der europäische Markt ist Ihr Ziel, aber wie entwickelt sich der Radsport denn in Asien?

Jeng: "Das Wachstum ist enorm. In China hatten wir im letzten Jahr einen Verkaufszuwachs von 70 Prozent. Anders als in Europa geht es dabei aber nicht in erster Linie um das Fahrrad als energiesparendes Fortbewegungsmittel. Die Asiaten benutzen es als Sportgerät - und Merida-Räder sind schließlich auch Sport-Fahrräder."

Da der asiatische Markt sehr schnell wächst: Wie wichtig wäre es für Sie, einen oder mehrere asiatische Fahrer bei Lampre-Merida unterzubringen?

Jeng: "Das ist natürlich mein Traum. Es wäre toll, einen chinesischen oder sogar taiwanesischen Fahrer im Team zu haben und vielleicht sogar bei der Tour de France mit ihm anzutreten. Das wäre eine tolle Geschichte für alle Fahrer in China und Taiwan. Wir haben jetzt eine Basis geschaffen, die die Sportler in Asien motivieren soll. Die Fahrer sehen, dass die Möglichkeit da ist, wenn sie hart genug arbeiten."

Haben Sie darüber auch schon mit Lampre-Teamchef Giuseppe Saronni und den anderen Verantwortlichen gesprochen?

Jeng: "Ja, Lampre gefällt diese Idee. Aber letztendlich kommt es darauf an, wie hart die Fahrer arbeiten und wie sehr sie es wollen. Wir können ihnen nur die Möglichkeiten aufzeigen. Und das tun wir durch unseren Einstieg."

VIDEO: Basso und Jaksche belasten Fuentes (engl.)

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