Radsport - 2012? Kein britisches Understatement!

Im Radsport wird mehr und mehr Englisch gesprochen. Doch sind es nach den Amerikanern jetzt eher die Briten, die das Peloton aufmischen. Allerdings sind sie nicht die alleinigen Protagonisten. Das Radsportjahr 2012 war ein buntes und endete dann zusätzlich noch mit einem Paukenschlag.

Im Zuge der Ermittlungen der USADA wurde die Beweislast der Kronzeugenaussagen um Tyler Hamilton zu erdrückend, um Lance Armstrong weiterhin ungestraft davonkommen zu lassen.

Dementsprechend zog UCI-Präsident Pat McQuaid die Konsequenzen und annullierte rückwirkend alle Ergebnisse des einstigen Tourminators seit dem 1.1.1998 mit den Worten: "Lance Armstrong has no place in cycling". Diese Aussage könnte symbolisch dafür stehen, wie der Radsportweltverband zumeist agiert, denn Lance Armstrong war auch schon vor 1998 sehr erfolgreich - Weltmeister 1993, Tour-Etappensieger 1993 und 1995, Sieger des Fleche Wallone 1996.

Der Texaner wird nicht so einfach aus den Gedächtnissen zu streichen sein, wie aus den Geschichtsbüchern. Vollständige Aufklärung sieht anders aus, aber dafür müsste die UCI ja auch vor der eigenen Haustür kehren.

Drei spannende Grand Tours

Der Tour-Thron bleibt also für sieben Jahre unbesetzt. Erklommen hat ihn dieses Jahr zum ersten Mal ein Brite: Bradley Wiggins. Es ist jedem selbst überlassen, zu urteilen, ob die Tour ein spannendes Rennen war. Der Giro d’Italia bestach durch epische Etappen und ein Herzschlagfinale mit dem besseren Ende für Ryder Hesjedal. Der spanische Dreikampf von Alejandro Valverde, Joaquim Rodriguez und dem späteren Sieger Alberto Contador hielt die Fans bei der Vuelta über die gesamten drei Wochen in Atem.

Aber die große Schleife durch Frankreich ist und bleibt das größte Rennen der Welt und wenn das Rennen nicht die großen Kämpfe hergibt, muss eben das teaminterne Duell Wiggins gegen Chris Froome als Aufmacher herhalten.

Es ist jedoch unbestritten, dass die Serie von "Wiggo" mit Siegen bei Paris-Nizza, in der Romandie, bei der Dauphiné und eben der Tour beispiellos ist. Mark Cavendish konnte mit seinem erneuten Erfolg auf dem Champs Elysées den vierten Sieg im vierten Jahr feiern. Das britische Olympia-Märchen war dann wiederum aber nur Wiggins mit dem Sieg im Einzelzeitfahren vergönnt.

Boonens tolle Siegesserie

Nicht minder erfolgreich war Routinier Tom Boonen. Auch seine Vier-Gewinnt-Serie, angefangen beim E3-Preis, gefolgt von Gent-Wevelgem, der Flandern-Rundahrt und, wie könnte es anders sein, dem vierten Pflasterstein im Velodrom von Roubaix, steht für ein Novum in der Geschichte des Radsports.

Der Belgier war die Speerspitze seines Omega Pharma - Quick-Step-Teams, das eines der erfolgreichsten des Jahres war und sich mit dem Titel bei der Teamzeitfahr-WM krönte. Darüber kann sich auch Tony Martin freuen, der aufgrund von Stürzen und Defekten zwar lange auf seine Erfolge warten musste, dann allerdings mit olympischem Silber und nach einem Sekundenthriller mit dem zweiten WM-Titel im Einzelzeitfahren mehr als entschädigt wurde.

Deutsche trumpfen auf

Auch die anderen Deutschen zeigten eine starke Saison. André Greipel veredelte seine Tour mit drei Etappensiegen, Marcel Kittel konnte sich in der Sprinterelite etablieren und John Degenkolb zeigte nach einem famosen Frühjahr eine tolle Herbstform, die mit fünf Etappensiegen und dem Punktetrikot bei der Vuelta belohnt wurde.

Degenkolb wird es in Zukunft besonders bei den Klassikern oft mit Senkrechtstarter Peter Sagan zu tun bekommen. Der Slowake wird nach zahllosen Siegen und dem Grünen Trikot bei der Tour nicht umsonst als der neue Eddy Merckx geadelt.

Nicht so gut hingegen verlief die Saison für Andy Schleck. Seine anhaltende Formschwäche gipfelte in den Sturz bei der Dauphiné, welcher dem Tour-Sieger von 2010 alle Hoffnungen zu Nichte machte. Auch Teamkollege Fabian Cancellara hatte sich die Saison sicherlich anders vorgestellt. Körperlich war der Schweizer auf Top-Niveau, was Siege bei der Strade Bianche und der Tour beweisen, doch Stürze beim E3-Preis, der Flandern-Rundfahrt und beim Olympischen Straßenrennen lassen einen gemischten Eindruck zurück.

Gilbert rettet seine Saison bei der WM

Beinahe wäre auch Phillipe Gilbert in dieser Kategorie gelandet, doch der belgische Seriensieger von 2011 konnte seine Saison mit dem Regenbogentrikot in Valkenburg mehr als nur retten. An gleicher Stelle krönte sich die zweifellos beste Dame im Radsportzirkus, Marianne Vos, vor ihrem Heimpublikum nach fünf Vize-Titeln endlich wieder zur Weltmeisterin. Den Giro-Sieg und das Olympia-Gold hatte sie da natürlich schon in der Tasche. Ihre langjährige Rivalin Judith Arndt verabschiedete sich mit Olympia-Silber und WM-Gold jeweils im Zeitfahren in den Ruhestand ins sonnige Australien.

Auch bei den Herren hängten große Namen das Rad an den Nagel, darunter George Hincapie, Oscar Freire, Robbie McEwen, David Moncutie und wohl nun wirklich auch Alexander Winokurow. Nicht unerwähnt bleiben soll aber auch Rabobanks ewiger Edelhelfer Grischa Niermann.

Motivationshilfen für den Winter

Die Saison 2012 war eine voller Höhepunkte. Iljo Keisses verrückter Etappensieg in der Türkei, Matteo Rabbotinis und Thomas de Gendts epische Solofahrten beim Giro, Marc Madiots emotionale Achterbahn beim Tour-Etappensieg seines Schützlings Thibaut Pinot sowie Rodriguez‘ Regenschlacht in der Lombardei sind nur eine kleine Auswahl an Motivationsvideos für den Winter.

2013 hält aber bestimmt nicht minder Spannung bereit, wenn Wiggins das Rosa Trikot seiner Sammlung hinzufügen möchte, die 100. Austragung der Tour de France Alpe d’Huez gleich zwei Mal erklimmt und das Peloton durch das eifrige Transferkarussel bunt gemischt am Start stehen wird.

Lange müssen wir auch gar nicht mehr warten. Schon im Januar rollt das Peloton wieder bei der Tour de San Luis in Argentinen und der Tour Down Under in Australien.

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