Premier League - Der tiefe Fall des Nuri Sahin

Er war Denker und Lenker im Spiel von Borussia Dortmund. Der "kreative Kopf", der die Fäden im Mittelfeld zog und seine Mannschaft 2011 als bester Bundesliga-Spieler der Saison zum Meistertitel schoss. Beim Weltklub Real Madrid wollte Nuri Sahin noch höher hinaus, und ist umso tiefer gefallen. Neuen Schwung versucht der 24-Jährige seither in Liverpool zu holen - doch das bislang vergebens.

Es waren Bilder, die den Fußball-Fans bekannt vorkamen.

Wie bereits Schalkes Manuel Neuer einen Monat zuvor, verkündete im Mai 2011 erneut ein Bundesliga-Spieler unter Tränen seinen Abschied von seinem Verein - von seiner Fußball-Liebe, für die er seit Jahren aus tiefster emotionaler Überzeugung den Rasen betrat. Dieses Mal war es Nuri Sahin, der der Dortmunder Borussia, für die er zehn Jahre lang das schwarz-gelbe Trikot trug, den Rücken kehrte.

"Es ist mir sehr schwer gefallen, ich habe hier alle Höhen und Tiefen erlebt. Ich vermisse Euch jetzt schon", sagte der damals 22-Jährige bei der Bekanntgabe seiner Entscheidung, Dortmund zu verlassen.

Für den BVB ein schwerer Schlag, der, so dachte man zumindest, nur schwer zu kompensieren sein würde. "Ohne Nuri wären wir nicht Meister geworden", wusste Trainer Jürgen Klopp um die immensen Verdienste seines Mittelfeld-Strategen.

"Keine bequeme Entscheidung"

Doch als das Lob reichte Sahin nicht aus, um beim BVB zu bleiben. Der inzwischen 36-malige türkische Nationalspieler, 2005 zum besten Spieler der U17-Europameisterschaft gekürt, wollte den nächsten Schritt gehen und mit Real Madrid zu einem Klub von Weltformat wechseln. "Ich hätte es mir einfach machen und bei Borussia bleiben können, aber ich wollte keine bequeme Entscheidung treffen", begründete Sahin seinen Wechsel.

Der Türke entschloss sich, für sechs Jahre beim Star-Ensemble der "Königlichen" anzuheuern. "Für Nuri war es eine Lebensentscheidung, es war ein Lebenstraum", sagte ein verständnisvoller BVB-Sportdirektor Michael Zorc damals, der aus Spanien aufgrund einer Ausstiegsklausel in Sahins Vertrag lediglich zehn Millionen Euro für seinen scheidenden Schützling aufs Dortmunder Vereinskonto überwiesen bekam.

Madrid sollte also eine weitere Etappe im stetig andauernden Reifeprozess des technisch versierten Mittelfeldstrategen sein, der von seinem kommenden Trainer in höchsten Tönen schwärmte. "Unter José Mourinho spielen zu dürfen, ist wie ein Sechser im Lotto."

Doch wie bei so vielen Lottogewinnern ließ der Fall auf den harten Boden der Realität nicht lange auf sich warten: Im defensiven Mittelfeld herrschte mit Xabi Alonso, Sami Khedira, Lassana Diarra und Esteban Granero eine extreme Konkurrenzsituation, der sich Sahin zu Saisonbeginn nicht einmal stellen konnte.

Wegen einer Ende August 2011 erlittenen Innenbanddehnung im Knie verpasste der gebürtige Lüdenscheider bereits frühzeitig den Anschluss. Vier Einsätze in der Primera Division, davon keiner über die komplette Distanz - so lautete die magere Saison-Bilanz des jüngsten Spielers (16 Jahre, elf Monate) der Bundesliga-Geschichte am Ende.

Neuanfang in Liverpool bereits gescheitert?

Sahin zog die Konsequenzen und forcierte einen Wechsel auf Leihbasis. Liverpool und der FC Arsenal waren interessiert, letztlich entschied sich der Mittelfeld-Regisseur für die "Reds" - und somit für einen Verein, bei dem er die Bedeutung der sportlichen Entwicklung seiner Fähigkeiten über die der monetären Entwicklung seines Bankkontos stellte. "Wenn es um Geld, würde ich nicht hier sein. Ich hatte eine Menge Angebote, die mir erlaubt hätten, drei Mal so viel zu verdienen", sagte ein hoch motivierter Sahin dem "Mirror" nach seiner Ankunft an der Anfield Road. "Der einzige Grund, warum ich hier bin, ist, dass ich weiß, ich kann hier Fußball spielen. Ich habe einen Trainer, der mir und der Art, wie ich spiele, vertraut, und darum bin ich bei diesem großen Klub."

Es waren hoffnungsfrohe Aussagen Sahins, die einmal mehr von der Realität brutal zerschmettert wurden. Schließlich verläuft Sahins Zeit in England bislang genauso ernüchternd wie in Spanien. Auch bei den "Reds" absolvierte der ehemalige Dortmunder noch keine Partie über 90 Minuten. Beim jüngsten 4:0-Erfolg Liverpools gegen den FC Fulham saß Sahin zum fünften Mal in Folge das komplette Match auf der Bank. Dieses Schicksal dürfte ihm wohl auch im Spiel bei Stoke City (Mittwoch, 20:45 Uhr im Liveticker bei eurosport.yahoo.de) wiederfahren.

Der 24-Jährige hinkt weiterhin seiner Bestform weit hinterher, und das aus diversen Gründen: Liverpool-Coach Brendan Rodgers setzte den Mittelfeldspieler häufig auf der "Zehn" ein. "Ich mag es, ein Spiel zu organisieren. Ich liebe es, wenn meine Mannschaft auf einem taktisch sehr hohen Level agiert", sagt der ehemalige Borusse. Für Sahin besteht die Organisation einer Partie allerdings aus der Tiefe der Sechser-Position, die er in Dortmund mit seiner Kreativität, Spielübersicht und Passgenauigkeit ideal ausübte.

Rückkehr zum BVB?

Es ist fraglich, ob Sahin in Liverpool sein Glück noch finden wird. Sollte er an der Anfield Road weiterhin kaum Einsätze verbuchen, dürfte es für ihn auch in Madrid beinahe unmöglich werden, sich an die erste Elf heranzutasten.

Daraus resultiert der logische mediale Gedankenprozess, das über eine Rückkehr Sahins nach Dortmund spekuliert wird. Und auch beim BVB ist man dieser Vorstellung nicht abgeneigt. "Ich habe ihm gesagt: Wenn er zu mir kommt und sagt, er will nichts anderes, als in Dortmund zu spielen, dann beschäftigen wir uns mit dem Thema. Aber es muss realisierbar sein", sagte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke in der "Sport Bild" zu diesem Thema.

Die Anzahl potenzieller Mitbieter, die sich auf einem gleichen sportlichen Niveau wie Dortmund befinden, dürfte sich momentan jedenfalls in Grenzen halten.

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