Premier League - Ferguson: "Deutschland ist im Kommen"

Sir Alex Ferguson ist der dienstälteste Trainer in Europas Topligen. Im exklusiven Interview der Woche spricht Schotte über seine Spielphilosophie mit Manchester United, die Qualitäten von Robin van Persie und der englischen Premier League. Ferguson lobt den deutschen Fußball, hält das Transferfenster im Winter für überflüssig und stellt Lionel Messi und Pep Guardiola beste Zeugnisse aus.

Sir Matt Busby hat immer gesagt: Ist Manchester United zu Weihnachten nicht weiter als sechs Punkte von der Tabellenspitze entfernt, werden sie auch Meister. Diese Tradition der starken zweiten Halbserie setzt sich auch unter Ihrer Führung fort. Jetzt führen Sie die Tabelle sogar an, aber hat die von Ihnen neu zusammengestellte Mannschaft auch das Potenzial, an diesen Brauch anzuschließen?

Sir Alex Ferguson: "Die meisten Spieler haben ja schon mal eine zweite Saisonhälfte gespielt. Manchmal mit besserem Ausgang, manchmal mit schlechterem, aber wir waren immer dabei. Das ist doch die Quintessenz dessen, was Sir Matt meinte - immer dranbleiben und in der zweiten Saisonhälfte noch einmal alles versuchen."

Als Sie Robin van Persie unter Vertrag genommen haben, sagten Sie, Sie erhofften sich dadurch eine ähnliche Wirkung wie sie einst von Eric Cantona ausging. Glauben Sie jetzt, vier Monate später, dass der Transfer diese Strahlkraft hatte?

Ferguson: "Es gibt da Ähnlichkeiten zwischen Robin und Eric, was Alter und Reife angeht. Er hatte eine großartige Zeit bei Arsenal und war schon in der Premier League angekommen. Er kam von einem großen Klub zu einem anderen und ist ein gestandener Nationalspieler. All diese Dinge seiner Persönlichkeit passten perfekt zu unseren Ansprüchen."

Man sagt, der Wechsel von Cantona hätte damals alle Spieler auf eine neue spielerische Ebene gehoben. Können Sie so etwas auch bei van Persie beobachten?

Ferguson: "Ich glaube schon, dass das passiert. Das Angriffsspiel hat sich definitiv verbessert. Dazu haben nicht zuletzt seine vielen Tore beigetragen. Chicharito hat neun Tore gemacht, Rooney sieben - insgesamt haben wir als Team 43 Tore erzielt, das ist für diesen Zeitpunkt ein ziemlich guter Wert."

Viele Mannschaften spielen mittlerweile mit einem Stürmer, Spanien oftmals sogar ganz ohne echten Angreifer. Sie hingegen bauen darauf, einen Kern an torgefährlichen Stürmern im Team zu haben. Warum?

Ferguson: "Eigentlich spielt nur Barcelona wirklich ohne Stürmer - alle anderen haben einen. Ich selbst habe nur in Aberdeen mit einem Angreifer gespielt. Das war vor 30 Jahren. Das Spiel mit zwei Spitzen gibt einem einfach mehr Möglichkeiten in der Offensive, man kann an mehreren Stellen ansetzen. Das ist jetzt schon eine ganze Weile die normale Taktik gewesen, bis eben Barcelona angefangen hat, das zu ändern. Barca operiert mehr mit Ballbesitz und will die Gegner verhungern lassen, um dann am Ende doch in den Strafraum zu kommen - meistens mit Messi."

Trotz der gegenläufigen Tendenz scharen Sie ein paar der besten Torjäger in Ihren Reihen. Wie würden Sie Ihre heutigen Stürmer mit dem Quartett aus dem Jahr 1999 vergleichen, als Sie das Triple holten?

Ferguson: "Die Ähnlichkeit ist definitiv die Anzahl. Vier Stürmer zu haben, ist ein Vorteil. Yorke, Cole, Solskjaer und Sheringham - die vier von 1999 - waren fantastisch. Sie haben sich nie wirklich beschwert, wenn sie mal draußen bleiben mussten, weil sie alle gemerkt haben, dass sie ihren Anteil am Triplegewinn hatten. Das hat die Sache für mich leichter gemacht. Ich hoffe, das wird wieder passieren, denn wenn wir gewinnen wollen, muss jeder seinen Beitrag leisten - das ist keine Frage."

Über das Winter-Transferfenster haben Sie einmal gesagt, es hätte keinen Wert. Gibt es dennoch Mannschaftsteile, die Sie im Januar verstärken wollen?

Ferguson: "Nein, der Januar war nie die beste Möglichkeit für Transfers. Das zeigt auch die geringe Anzahl der wirklich großen Wechsel, die dort passieren. Alle großen Transfers spielen sich im Sommer ab."

Das Jahr geht zu Ende, welches Zeugnis würden Sie dem englischen Fußball für 2012 ausstellen?

Ferguson: "Die Premier League ist weiter die aufregendste Liga in Europa, das steht außer Frage. Das Tolle an unserer Liga ist doch die Tatsache, dass jedes Team jedes andere schlagen kann und sich der Einsatz bei den Spielen fast immer am Maximum bewegt. Das wissen die Fans zu schätzen. Im Augenblick ist der deutsche Fußball auch sehr erfolgreich. Die Zuschauer sind fantastisch und die Eintrittskarten im Vergleich zu England erschwinglich. Das lockt die Leute natürlich in die Stadien, die selbst ebenfalls großartig sind. Deutschland ist auf jeden Fall im Kommen, weil die Qualität der Liga hoch ist und viele Tore fallen, aber die Premier League bleibt die interessanteste Liga in Europa."

Im kommenden Jahr sind mit dem FC Arsenal und Ihrer Mannschaft nur noch zwei englische Teams in der Champions League vertreten. Hat die Premier League im Vergleich zu den anderen europäischen Ligen an Qualität verloren?

Ferguson: "Manchmal gibt es eben Ausreißer. Ich denke nicht, dass das eine dauerhafte Sache ist. Englische Mannschaften werden immer darum kämpfen, unter den letzten Teams in den europäischen Wettbewerben zu sein. Klar gab es in den letzten Jahren auch immer wieder Enttäuschungen für die englischen Teams in Europa, aber es gab auch Zeiten, in denen zwei oder sogar drei Mannschaften im Halbfinale standen. Im Jahr 2008 gab es ein rein englisches Finale zwischen Chelsea und uns - die Premier League hat immer geholfen, uns auch in Europa gut zu präsentieren."

Lionel Messi hat vor kurzem den Torrekord von Gerd Müller gebrochen. Glauben Sie, die Marken, die Messi setzt, können jemals wieder erreicht werden?

Ferguson: "Das ist schwer zu sagen. Er ist ohne Frage ein außergewöhnlicher junger Mann. Das Gute am Fußball ist aber, dass es immer große Spieler geben wird. Geht man zurück in die 60er Jahre sind das di Stefano, Puskas und Eusebio, in den 70ern gab es Cruyff und Beckenbauer, in den 80ern van Basten. Im Moment sehen wir mit Messi eben neben Cristiano Ronaldo den herausragenden Spieler dieses Jahrzehnts. Diese beiden nehmen sich nichts, sie sind beide die besten Spieler der Welt."

Glauben Sie, diese Rivalität treibt beide zu noch größeren Taten an?

Ferguson: "Nein, ich glaube, diese Rivalität langweilt sie. Beide haben ihren persönlichen Stolz, der Beste zu sein. Zumindest von Cristiano weiß ich das, er hat schließlich sechs Jahre bei mir gespielt."

Wo wir gerade bei Barcelona waren... Es gibt eine Menge Klubs, die um Pep Guardiola buhlen und ihn im Sommer verpflichten wollen. Können Sie sich an eine Situation erinnern, in der ein Trainer so umworben war wie ein Star-Spieler?

Ferguson: "Schwer zu sagen. Aber ich habe mit Pep vor einiger Zeit gesprochen und er sagte mir, dass er im Augenblick wirklich kein Interesse hat, als Trainer zu arbeiten."

Was sagen Sie über ihn und seine Qualitäten als Trainer?

Ferguson: "Seine Bilanz ist fantastisch. Die Titel, die er mit Barcelona gewonnen hat, waren außergewöhnlich - das ist sein Lebenslauf, er gewinnt die Titel.

Und die Art, wie seine Mannschaft gespielt hat...

Ferguson: "Klar, aber Barcelona hat immer schon diesen Stil gehabt und attraktiven Fußball gespielt. Er hat das verstärkt und mit einer neuen Art von Arbeit verbunden. Die Spieler arbeiten sehr hart, um den Ball zurückzugewinnen. Das, gepaart mit dem hohen Ballbesitz, ergibt ein fantastisches Team."

Die UEFA plant die Einführung des Financial Fairplay. Welche Auswirkungen werden diese Auflagen mit sich bringen?

Ferguson: "Wenn es so angewandt wird, wie es geplant ist, wird es fraglos jeden Klub in Europa betreffen und das womöglich durch eine größere Ausgeglichenheit."

Als wir in der vergangenen Saison gesprochen haben, erwähnten Sie Ihre Bewunderung für den schottischen Gewerkschaftler Jimmy Reid. Wie sehr beeinflussen Ihre sozialistischen Wurzeln Sie und Ihre Art, ein Team zu führen?

Ferguson: "Es hat mich geprägt, dass ich in einer sozialistischen Umgebung aufgewachsen bin und meine Eltern beide Sozialisten waren. Mein Vater hat in einer Werft gearbeitet, ich habe mit Maschinenbau angefangen und bin in die Gewerkschaft eingetreten. Mein sozialer Hintergrund hat sicherlich meine Art der Beteiligung gefördert und auch den Respekt, denn jeder gehört zur Arbeiterklasse. Jimmy Reid hat nur ein paar Kilometer von mir gelebt, er war ebenfalls aus Govan. Ich erinnere mich daran, wie Jimmy jeden Tag mit einem Stapel Bücher unter dem Arm in die Bücherei ging. Ihn hat der Fußball nicht so sehr interessiert wie uns andere, die alle immer spielen wollten. Jimmy war eingenommen von seiner Bildung und zeigte, dass er ein sehr intelligenter Kerl war."

Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen