Olympia: Europas Tops und Flops

Die Olympischen Spiele in London haben zahlreiche Höhepunkte gesehen. Das Freud des Einen war dabei nicht selten das Leid des Anderen. Höhepunkte und Tiefpunkte liegen demnach im Auge des nationalen Betrachters. Im Eurosport-Netzwerk sieht das folgendermaßen aus:

Peter Kwiatkowski für EUROSPORT POLEN

Höhepunkt: Erinnerungen an 1956

Am Jahr 1956 kommen wir in Polen nicht vorbei, wenn wir auf London 2012 zurückblicken. Tomasz Majewski war der erste Kugelstoßer, der nach 1956 wieder Gold für Polen gewinnen konnte. Alle hatten auf ihn gesetzt und er enttäuschte die Hoffnungen nicht. Ebenso Gewichtheber Adrian Zieliński mit der zweiten und letzten Gold-Medaille für Polen in London. Beide Entscheidungen fielen quasi zeitgleich und markierten somit aus unserer Sicht den schönsten, aber auch kürzesten Moment bei Olympia. Eine schöne Überraschung war Sylwia Bogackas Silber-Medaille beim Schießen, gleich am ersten Tag der Spiele. Ein toller Start. Dachte man.

Tiefpunkt: Erinnerungen an 1956

Denn auf diesen tollen Start folgten miese Spiele. Und da sind wir wieder im Jahr 1956. Denn London 2012 waren aus polnischer Sicht die schlechtesten Spiele seit Melbourne '56. In Peking und Athen gewannen wir zwar unterm Strich auch zehn Medaille, hatten dabei aber mehr Gold eingesammelt. In Polen fehlt ein allgemeines Konzept für den Sport, es gibt keine Vision, keine Ideen, keine Innovation. Und so verantworten unsere einst erfolgreichen Volleyballer und Tennis-Star Agnieszka Radwanska die prägendsten Tiefpunkte. Im Volleyball unterlagen wir Russland mit einer völlig indiskutablen Leistung, das war grausam! Ebenso der Auftritt von Radwanska. Aus in der ersten und zweiten Runde in Einzel und Doppel. Das wäre grundsätzlich keine Drama, wenn sie nicht Interviews gegeben hätte, in denen sie ihre völlige Gleichgültigkeit über das olympische Tennis zum Ausdruck gebracht hätte. Und jetzt kommt's: sie war unsere Fahnenträgerin! Noch Fragen?

Onur Yunus Akmeric für EUROSPORT TÜRKEI

Höhepunkt: Gold auf der Laufbahn

Eine olympische Medaille in der Leichtathletik für die Türkei? - In der Regel bleibt es beim Traum. In der gesamten Geschichte der Spiele hatten wir bis London zwei Leichtathletik-Medaillen geholt, eine goldene war nicht darunter. In Peking gewann Elvan Abeylegesse Silber über die 5.000 Meter und 10.000 Meter. Der Rest ist Schweigen. Umso schöner war es, als im Finale der Frauen über die 1.500 Meter in London zwei Türkinnen einen Doppelerfolg feierten. Asli Cakir Alptekin holte die erste Leichtathletik-Goldmedaille für die Türkie überhaupt, Silber gewann Gamze Bulut. Ein toller Augenblick!

Tiefpunkt: Keine Errungenschaft

Unsere Medaillen sammeln wir ohnehin eher beim Ringen und im Gewichtheben. Bis London hatten wir acht Ringer-Medaillen und zehn beim Gewichtheben. An der Themse gab es an der Hantel keine einzige Medaille! Und beim Ringen, wo wir schon 58 Medaillen gewinnen konnten, nahmen wir diesmal wir lediglich eine mit, die geringste Ausbeute überhaupt - und die größte Enttäuschung.

Henric Larsson für EUROSPORT SCHWEDEN

Höhepunkt: Himmelsstürmende Handballer

Abgesehen von unserem Olympia-Sieg im Segeln muss man die Vorstellung unserer Handballer hervorheben. Seit dem EM-Titel 2002 haben unsere Jungs eigentlich nichts mehr gerissen. Und obwohl wir das Finale in London gegen Frankreich verloren haben, ist ganz Schweden mächtig stolz auf dieses Team. Niemand hätte vor den Spielen in seinen kühnsten Träumen an eine Medaille gedacht. Aber diese Mannschaft hat es tatsächlich fertig gebracht und damit ein neues Handball-Fieber in Schweden entfacht.

Tiefpunkt: Das schwedische Pech

Wir waren auch in London so oft so nah dran und am Ende kam doch nichts dabei rum. Die Handballer verloren mit einem Tor Differenz. Michel Tornéus fehlten acht Zentimeter zu Bronze im Weitsprung. Lisa Nordén verpasste Gold im Triathlon um zwei Tausendstel. Lassi Karonen ruderte knapp an Bronze vorbei. Linda Algotsson Ostholt verpasste um Haaresbreite Gold im Springreiten. Die olympische Glücksfee war jedenfalls keine Schwedin.

Jonathan Symcox für EUROSPORT UK

Höhepunkt: Olympische Atmosphäre

Als Katarina Johnson-Thompson vor Beginn des Siebenkampfes im Stadion vorgestellt wurde, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen, grinste über das ganze Gesicht und rief nur "Oh mein Gott!" Wer gedacht hatte, dass sich alles nur auf Jess Ennis fokussieren würde, wurde positiv überrascht. Die ohrenbetäubende Begrüßung für die 19-jährige Johnson-Thompson war exemplarisch für die fantastische Atmosphäre, die nicht nur britische Athleten begeisterte.

Tiefpunkt: Gute Frage...

Die sind ehrlich gesagt schwer zu finden. Man kann vielleicht bei unseren Schwimmern auf ganz hohem Niveau meckern, weil Becky Adlington ihre Titel über 400 und 800 Meter Freistil nicht verteidigen, sondern "nur" Bronze gewinnen konnte. Oder Mark Cavendish, von dem man sich auf der Straße eine Medaille gewünscht hätte. Allerdings nur dann, wenn man nicht berücksichtigt, dass der Kurs nicht gerade auf ihn zugeschnitten war.

José Luís Prados für EUROSPORT SPANIEN

Höhepunkt: Kein Korb für unsere Basketballer

Marina Alabaus Auftritt beim Windsurfen war schon sehr eindrucksvoll. Ihr Gold-Medaille war nicht zwingend zu erwarten. Auch die beiden Silber-Medaillen durch Mireia Belmonte beim Schwimmen sind hervorzuheben. Über allem schwebt aber natürlich der Auftritt unserer Basketballer. Zwar musste man sich im Finale dem "Dream Team" der USA geschlagen geben, aber die Jungs aus Amerika hatten ganz schön zu kämpfen.

Tiefpunkt: Nix mit "Tiki-taka"

Na klar, der liegt beim Fußball. Zwar hat man sich auch in der Leichtathletik mehr versprochen, aber nach den Erfolgen bei der EURO und im U-Bereich war dieser Auftritt unserer Fußballer schon die krasseste Enttäuschung.

Davide Bighiani für EUROSPORT ITALIEN

Höhepunkt: Gefährlich gut

Für die Höhepunkte aus italienischer Sicht haben unsere Fechter mit insgesamt sieben Medaillen gesorgt. Auch beim Schießen wurde eine fantastische Leistung mit zwei Mal Gold und drei Mal Silber belohnt. Aber die wohl schönste Überraschung gab es im Taekwondo. Bis vor kurzem war Carlo Molfetta in Italien ein unbekannter Sportler. Nach seinem Olympiasieg ist er ein Nationalheld.

Tiefpunkt: Land unter

Da geht's uns wie Euch Deutschen. Beim Schwimmen sind wie ziemlich abgesoffen. Von Federica Pellegrini haben wir uns Medaillen erhofft, aber daraus wurde nichts. Die einzige Medaille im Schwimmen holte Martina Grimaldi mit Bronze über die 10 Kilometer. Als amtierender Weltmeister hätte man sich zudem von unseren Volleyball-Damen mehr erwartet. Aber auch das hat nicht sollen sein.

Laurent Vergne für EUROSPORT FRANKREICH

Höhepunkt: Frankreich mach Wellen

Im Aquatics Centre ging aus französischer Sicht echt die Post ab. Ein neuer Top-Star wurde geboren: Yannick Agnel. Aber auch die Staffel konnte begeistern. Insgesamt hat Frankreich vier Mal Gold aus dem Wasser gefischt, dazu zwei Mal Silber und eine Bronze-Medaille. Da kann man nicht motzen.

Tiefpunkt: Demaskierte Nation

Fechten! Zum ersten Mal nach Rom 1960 haben wir keine einzige Medaille beim Fechten gewonnen. In Peking hatten wir noch vier Medaillen gewonnen. Seit 1896 hat Frankreich in diesem Sport 115 Medaillen geholt. Insofern war London ein herber Rückschlag in dieser französischen Parade-Disziplin. Und das Problem wird von Dauer sein, denn Nachwuchs ist rar.

Andreas Schulz für EUROSPORT DEUTSCHLAND

Höhepunkt: Historischer Gold-Sand

Kein Olympia-Tourist kam an der "Horse Guards Parade" vorbei. Am Anfang pilgerten die Zuschauer zum Austragungsort des olympischen Beachvolleyballs, um die fantastische Atmosphäre zu erleben. Zweifellos auch wegen der attraktiven Sportbekleidung der Damen-Konkurrenz. Und ja, auch wegen des Sports an sich. Mit der Zeit wurde die Motivation des Besuchs aus deutscher Sicht aber tatsächlich richtig ernsthaft. Die "Horse Guards Parade" wurde zum Schauplatz einer der großartigsten Leistungen im deutschen Sport. Die Protagonisten: Julius Brink und Jonas Reckermann. Mit ihrem atemberaubenden Final-Krimi und dem Sieg über eines der weltbesten Teams aus Brasilien fesselten sie ein Millionenpublikum vor den TV-Geräten. Ein historischer Triumph, nicht nur aus deutscher Sicht. Schließlich bedeutete das Gold im Sand der "Horse Guards Parade" den ersten Olympiasieg für ein europäisches Beachvolleyball-Duo überhaupt.

Tiefpunkt: Unerwartete Enttäuschungen

Die Nullnummern in einigen sehr erfolgsverwöhnten Sportarten kamen äußerst überraschend. Die Darbietung der Schwimmer im "Aquatics Centre" ohne Medaillen darf als fulminantes Kollektiv-Debakel gewertet werden. Auch die deutschen Schützen ballerten in den "Royal Artillery Barracks" an den Zielen vorbei. Die Segler navigierten nicht auf der Erfolgswelle und die Springreiter vergaloppierten sich im "Greenwich Park". Ohne die Medaillen der Ruderer und Kanuten auf dem Dorney Lake stünde Deutschland im Medaillenspiegel weitaus tiefer. Was zudem nicht vergessen werden darf: für die prominenten Ballsportarten verpassten die deutschen Teams sogar die Qualifikation: Im Fußball, Handball, Basketball und Wasserball waren sowohl Männer wie Frauen außen vor statt voll dabei. Es bleibt also viel zu tun, auf dem Weg nach Brasilien 2016.

Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen