Moderner Fünfkampf - Schöneborn: "Magath ist gar nicht furchtbar"

Eine Olympiasiegerin als Praktikantin? Fünfkämpferin Lena Schöneborn ist eben vielseitig. Im Interview der Woche spricht sie über tuschelnde Beobachter, Mehrfachbelastung, Laufpartner, Karnevals-Kostüme und Felix Magath.

Herbst in Herzogenaurach - in Scharen strömen die Journalisten in die Adidas-Firmenzentrale: Der Skiverband hat geladen, die Topathleten und Trainer stehen zum Gespräch bereit.

Eine freundliche junge Dame begleitet uns durchs Gelände - und kommt einem irgendwie bekannt vor. Dabei heiß es doch am Empfang: "Die Praktikantin führt sie rüber?!" Dann endlich, nach einem weiteren Kontrollblick, die Gewissheit: Hier ist neben Riesch, Rebensburg, Greis & Co. noch eine Olympiasiegerin versteckt.

Also schnell die Chance genutzt und nach einem Dutzend Winter-Assen schnell noch die Sommersportlerin ans Mikrofon geholt...

Was verschlägt Sie hier mitten unter die Wintersportler?

Lena Schöneborn: Ich bin gerade hier zum Praktikum und deshalb ausnahmsweise in einer komplett anderen Rolle: Ich kann schauen, wie es auf der Gegenseite, bei den Journalisten, so aussieht.

Wie hoch ist die "Wiedererkennunsgquote"? Wie viele Leute schleichen um einen herum und sind sich nicht ganz sicher, ob ihnen das Gesicht nicht bekannt vorkommt?

Schöneborn: Es sind schon einige... Manche trauen sich nicht, etwas zu sagen - da wird getuschelt, rübergeschaut... Andere sagen: Was machst Du denn hier? Dann erkläre ich das. Denn schließlich muss man irgendwann ja auch mal Geld verdienen und dafür versuche ich jetzt, hier etwas Praxis-Erfahrung zu sammeln.

Lässt sich das halbwegs mit dem doch sehr zeitintensiven Training einer Top-Athletin verbinden - oder ist das Pensum für diese Wochen reduziert?

Schöneborn: Unser Höhepunkt ist immer Olympia, entsprechend ist auch die Vierjahresplanung aufgebaut. Entsprechend ist in dem halben Jahr nach den Olympischen Spielen die einzige Zeit, in der ich dann auch sportlich etwas kürzer treten kann. Da kann ich mich dann um andere Dinge, in diesem Fall die Ausbildung, intensiver kümmern. Das mache ich jetzt hier. In die nächste Saison werde ich deshalb auch etwas später einsteigen.

Den Rückstand versuche ich dann aufzuholen - immerhin spielen ja die technischen Disziplinen bei uns eine große Rolle - und die Technik an sich verlernt man nicht so schnell. Ich muss darauf achten, eine gute Basis-Fitness zu haben, auf die ich schnell aufbauen kann - auch wenn ich sicher nicht morgen eine Bestzeit laufen werde...

Die Chancen stehen also gut, dass einem hier beim herbstlichen Joggen eine Olympiasiegerin begegnet?

Schöneborn: Das ist gerade hier bei Adidas wahnsinnig toll: Die sind hier alle sportverrückt! Wirklich alle, egal in welcher Abteilung. Ich habe mir hier schon ganz viele verschiedene Laufpartner an Land gezogen, weil ich auch ungern alleine renne. Da telefoniert man kurz, schreibt sich ein paar Emails - und schon geht es in der Mittagspause los.

Wie groß ist allgemein die Mehrfachbelastung aus Fünfkampf und als sechster Disziplin die Ausbildung/Studium?

Schöneborn: Eine Sache muss immer etwas zurückstehen. Jetzt aktuell ist es der Sport, da mache ich "nur" ein wenig Fitness für Laufen und Schwimmen, am Wochenende dann auch etwas mehr. Aber ansonsten habe ich hier eine ganz normale Arbeitswoche. Im Studium ist es einfacher zu koordinieren, da ist man flexibler. Wie sich ein echter Job mit dem Sport verbinden lässt, weiß ich noch gar nicht. Sicherlich ist es nicht möglich, neben einem Vollzeitjob unseren Sport auf höchstem Niveau zu betreiben.

Der Moderne Fünfkampf hat sich ja ein wenig hin zum Biathlon orientiert, der Geländelauf ist jetzt mit den Schießeinheiten an der Laserpistole kombiniert. Ein sinnvoller Schritt aus Ihrer Sicht?

Schöneborn: Am Anfang fand ich die Umstellung schwierig, aber auch weil ich mit der alten Variante gut klargekommen bin und wusste, wie ich das trainieren muss. Im Nachhinein habe ich viel positives Feedback bekommen - es sei sehr spannend, das jetzt in dieser Kombination aus Laufen und Schießen verfolgen zu können.

Was viele Leute dabei gar nicht wissen, ist: Wir Modernen Fünfkämpfer waren sehr lange mit den Biathleten in einem gemeinsamen Weltverband, der UIPMB. Jetzt sind wir nur noch die UIPM und die Biathleten haben die IBU. Vielleicht hätten wir zusammen bleiben sollen...

Der Fünfkampf hat sich in jedem Fall entwickelt, mein Olympiasieg hat dazu auch beigetragen und es wird spannend zu verfolgen sein, wie das jetzt nach London weitergeht. Es ist für mich persönlich auf jeden Fall schön zu sehen, dass Partner und Sponsoren trotzdem zu mir halten, zu einer langfristigen Zusammenarbeit bereit sind und mir vertrauen, wenn ich sage, dass ich in Rio 2016 noch einmal angreifen will!

Wie groß ist die "Wellenbewegung" in der Aufmerksamkeit um Ihre Person: Erst nur Experten ein Begriff, nach dem Peking-Gold plötzlich medial sehr präsent, dann wieder für die große Maße von der Bildfläche verschwunden...

Schöneborn: Der Unterschied zu der Zeit vor 2008 ist auf jeden Fall sehr groß - und das wird auch so bleiben. Natürlich gibt es zu den Olympischen Spielen immer ein riesiges Hoch, so war es auch in diesem Sommer. Vor London musste ich viele Anfragen absagen. Das war eine Luxussituation, sogar auswählen zu können - denn sonst wäre es zeitlich nicht gegangen neben Training und Studium. Ich bin gespannt, wie sich das jetzt mit den Anfragen entwickelt: Ein gewisses Maß an Interesse wird es immer geben, darüber bin ich auch froh, aber ich kann auch immer noch in Ruhe einkaufen gehen. Es ist ein gutes Mittelmaß gewesen bisher und ich freue mich über Anfragen. Und wenn ich erkannt werde, freut mich das auch - das ist eher Anerkennung als Belastung.

Die Winter-Mehrkämpfer hier wie Biathleten und Nordische Kombinierer werden oft bewundert, weil sie zwei jeweils ganz unterschiedliche Disziplinen meistern müssen. Doch darüber kann man als Fünfkämpferin doch nur müde schmunzeln...

Schöneborn: Die Biathleten und Kombinierer haben einfach für zwei Disziplinen die Zeit und Energie, die wir für fünf haben. Auch die müssen genau abwägen, was sie wo investieren, um sich entsprechend zu verbessern. Bei uns ist das noch vielfältiger, wir können da noch individueller spielen und die Schwerpunkte anpassen.

Wie sieht ein typischer Trainingstag beim Modernen Fünfkampf aus?

Schöneborn: Optimal ist es für uns, wenn wir vier der fünf Disziplinen trainieren können. Nicht alle gleich intensiv, das geht nicht - wir müssen uns schließlich auch erholen. Laufen und Schwimmen muss aufeinander abgestimmt sein - wenn die eine Disziplin sehr intensiv trainiert wird, ist die andere Einheit eher ein Ausdauerprogramm - und am nächsten Tag umgekehrt. In diesen beiden Disziplinen machen wir die meisten Einheiten. Beim Fechten etwa ist es individueller abzustimmen. Wenn ich morgens gelaufen bin, kann ich z.B. abends noch zwei Stunden fechten. Wenn wir gut sind, kommen wir so am Tag auf vier bis fünf Stunden Training.

Wie viel Zeit bleibt dann noch, abgesehen vom Studium, für außersportliche Aktivitäten - und was steht dann an?

Schöneborn: Das ist sehr begrenzt... natürlich habe ich auch mal einen Samstagabend frei und kann ins Kino gehen oder mit Freunden ein Glas Wein trinken. Da ist unser Sport doch noch sehr Amateursport, man ist bereit, sehr viel aufzugeben. Wir sind alle sehr idealistisch in unserem Sport, da gibt es nur intrinsische Motivation und wenig finanzielle Reize. Aber für mich ist zumindest ein kleines bisschen Sozialleben unheimlich wichtig - ein paar Kontakte pflegen, mit alten Freunden ein Kaffee trinken.

Nächstes Jahr bin ich ausnahmsweise mal über Karneval nicht im Trainingslager und da fahre ich in meine Heimat ins Rheinland und werde mich verkleiden und feiern.

Als was verkleidet man sich denn als Fünfkämpferin, da hat man ja viele "Kostüme" direkt parat...

Schöneborn: Ganz unterschiedlich, da bin ich ganz kreativ! Bei uns im Dorf bin ich früher auch immer im Zug mitgegangen, da ist es dann vorgegeben: da waren wir schon Lucky Luke oder Kühe. Die Biene Willi war ich besonders gerne... Da ist alles offen!

Vielen kennen Sie durch die Werbekampagne mit Felix Magath. Und viele haben ein ganz klares Bild von ihm als Trainer mit drakonischen Methoden und eigenwilligem Stil. Wie haben Sie ihn denn erlebt? Ist er so furchtbar, wie ihn seine Spieler - im Nachhinein - gerne schildern?

Schöneborn: Nein, zu mir war er gar nicht furchtbar! Er war sehr interessiert an anderen Sportarten, er hat die Leistung, die wir bringen und die doch ganz anders honoriert wird, sehr zu schätzen gewusst und das auch zum Ausdruck gebracht. Wir hatten eine sehr angenehme, sehr gute Zeit miteinander, er war mir sehr sympathisch, man konnte sich mit ihm sehr gut unterhalten. Das, was er gemacht hat, das hat er ernst gemeint - dem Sport und den anderen Sportarten gegenüber. Dieser Einsatz, den er da gebracht hat, der war mit voller Leidenschaft. Das sind eigentlich nur positive Charaktereigenschaften, die ich kennengelernt habe.

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