Levi - Waibel: "Felix soll um die Kugel mitfahren"

Herren-Trainer Karlheinz Waibel spricht im Interview über die ersten Eindrücke der junge Saison, das neue Material und über die Zielvorgaben im WM-Jahr.

Herr Waibel, kann man nach einem Rennen - dem Riesenslalom in Sölden - schon erste Schlüsse für die Saison ziehen und wenn ja, welche?

Karlheinz Waibel: Nach dem Rennen in Sölden ist es erst mal schwer, Schlüsse zu ziehen. Die Bedingungen waren extrem mit dem starken Schneefall und eigentlich guten Piste. Einige Fahrer hatten Nebel, andere wieder Sonnenschein und beste Sicht. Was am Ende bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Grundform bei unseren Jungs stimmt. Sie haben sich da recht gut verkauft, dann geht beiden im zweiten Lauf die Bindung auf. Das ist natürlich extremes Pech.

Ansonsten sieht man, dass die Geschwindigkeit da ist. Gerade Stefan Luitz als junger Kerl, der im letzten Jahr mit der Strecke in Sölden schwer gekämpft hat, hat sich dieses Mal als 24. für den zweiten Lauf qualifiziert und war bis zur Ausfahrt Steilhang richtig schnell unterwegs. Beide haben unten leider viel Zeit verloren - Fritz Dopfer auch bedingt durch die frühe Nummer und den vielen Schnee. Wir gehen offensiv und positiv in die nächsten Rennen. Der einzige richtige Schluss ist, dass Ted Ligety uns allen eine Lehrstunde im Riesenslalom erteilt hat.

In Sölden schien es, als kämen die deutschen Athleten schon recht gut mit den neuen Ski zurecht. Erklären Sie uns doch bitte kurz, was sich geändert hat.

Waibel: Im Wesentlichen sind sie schmaler und länger geworden. Durch geometrische Änderungen wurde versucht, Aggressivität und diese Selbststeuermechanismen aus dem System Ski-Schuh-Bindung zu nehmen, das ja für viele der schweren Knieverletzungen in den letzten Jahren mit verantwortlich gemacht wurde. Inwieweit das gelungen ist, wird man frühestens am Ende der Saison sehen, vielleicht auch erst nach zwei oder drei Saisons.

Was man jetzt schon weiß, ist, dass die Athleten deutlich mehr Kraft, Energie und Wucht brauchen, um die Ski durch die Kurven zu bringen. Dass man damit auch enge Radien fahren kann, hat unter anderem der Weltcup in Sölden gezeigt.

Wie haben Sie als Trainer auf die Umstellung reagiert?

Waibel: Es hat schon im Verlauf der letzten Saison begonnen, dass man die neuen Ski - sobald sie verfügbar waren - hier und da mal ins Training eingebaut hat, um dann diesen abrupten Umstieg weicher zu gestalten. Aber ab dem Frühjahr wurde nur noch auf dem neuen Material trainiert. Das war die ersten Tage schon schwierig, weil es besonders bei der Länge eine Umstellung war. Auch das neue Timing hat die Athleten vor enorme Herausforderungen gestellt. Es geht eben nicht mehr einfach über in die Kurve kippen, man muss aktiv etwas dazu tun.

Mit welchen Zielvorgaben gehen Sie in die WM-Saison?

Waibel: Für uns ist es wichtig, da anzuknüpfen, wo wir letztes Jahr aufgehört haben. Für Felix und Fritz bedeutet das, sich vorne festzubeißen. Dazu soll Felix im Slalom um die Disziplin-Kugel mitfahren - das ist seit Jahren das Ziel. Es fehlt ihm da so ein bisschen an Konstanz. Da haben wir noch mal dran gearbeitet. Für Fritz geht es darum, seine Entwicklung in beiden Disziplinen voranzutreiben. Denn wir wissen aus der Vergangenheit: In die Weltspitze vorzustoßen, ist das eine, sich dort zu etablieren, birgt schon noch einmal eigene Herausforderungen.

Der Druck ist ein anderer, die eigenen Ansprüche auch. Wenn Felix die Leistung, die er im Riesenslalom in der Lage ist abzurufen, auch endlich einmal in Form von Weltcuppunkten aufs Papier bringt, wäre das schön. Er fährt eigentlich seit Jahren gut mit, wird aber immer wieder von Verletzungen gebremst. Mit dem neuen Material hat er sich schon sehr gut angefreundet, das kommt seinem Stil entgegen und lässt uns hoffen, auch wenn er in Sölden das erste Rennen gleich wieder verpasst hat.

Was kommt hinter den beiden Aushängeschildern?

Waibel: Stefan Luitz soll sich nach Möglichkeit im Windschatten mitziehen lassen und von den beiden anderen profitieren. Er soll in die erweiterte Weltspitze vorfahren. In Sölden hat er den ersten Schritt getan. Ich bin mir sicher, dass er in diesem Jahr noch einen Schritt nach vorne machen wird. Mit Philipp Schmid und Dominik Stehle haben wir in dieser Techniktruppe noch zwei reine Slalomfahrer, für die es darum geht, sich unter den Top 30 der Welt zu etablieren.

Als Athleten, die ausschließlich Slalom fahren, müssen sie das schaffen. Philipp hat sich schon immer mal wieder qualifiziert und muss sich über gute Platzierungen im Europacup die Voraussetzungen für den Weltcup zu schaffen. Dominik kommt nach fast dreijähriger Verletzungspause wieder zurück. Es ist praktisch die erste Saison, in der er wieder voll durchtrainieren konnte. Er hat enormes Talent, aber er muss einfach mal gesund bleiben, dann schafft er es auch.

DSV-Generalsekretär Thomas Pfüller hat gesagt, er erwartet in dieser Saison von den alpinen Rennläufern und den Skicrossern vier WM-Medaillen. Wären Sie damit in Schladming zufrieden?

Waibel: Ganz sicher. Wenn man Damen und Herren zusammennimmt, braucht man sein Licht ja auch nicht unter den Scheffel zu stellen. Die Damen mit Viktoria Rebensburg, die ja beim Saisonfinale in Schladming gezeigt hat, wie man dort gewinnen kann, und Maria Höfl-Riesch, die in mehreren Disziplinen an den Start geht oder auch wir mit Fritz Dopfer, der im Riesenslalom in Schladming nach einem Durchgang auf dem dritten Platz lag, und Felix Neureuther haben gezeigt, dass sie die Hänge im Griff haben und die Atmosphäre mögen.

Wenn die Form passt, sollten wir in der Lage sein, um die Medaillen mitzufahren. Um sie dann auch wirklich zu gewinnen, muss an dem Tag alles passen. Die Voraussetzungen haben sie, den Rest macht der Kopf.

TV-Tipp:

Der Winter nimmt Fahrt auf. In Levi kämpfen die Technik-Asse unter den Alpinen um erste Slalom-Punkte. Eurosport überträgt am 10. und 11. November LIVE im TV und im Eurosport Player.

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