Leichtathletik - Harting: Mit voller Kraft voraus

Markige Sprüche, martialische Gesten, goldene Würfe: Der Mann, der sich bei großen Siegen mit wildem Urschrei das Trikot vom Leibe fetzt und durch verbale Rempler das Image des Bad Boy pflegt, wurde als erster Diskuswerfer zeitgleich Olympiasieger, Welt- und Europameister. Jetzt ist Robert Harting, der die Konkurrenz seit 2010 als Seriensieger "abwatscht" Deutschlands "Sportler des Jahres."

Harting nimmt den Preis als erster Diskuswerfer entgegen.

Harsche Kritik verabreichte der 2,01 m große deutsche Olympiastar, liiert mit der 1,92 m langen Diskus-Kollegin Julia Fischer, auch Thomas Bach. Den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes bezeichnete er als "selbstgefällig und einfach blass" und warf dem DOSB vor, er züchte über den Beirat der Aktiven "einen kranken Funktionärsbaum", fahre mit dem Fördermodell gegen den Baum: "Wer mit Bananen zahlt, wird Affen kriegen."

Harting nimmt kein Blatt vor den Mund

Bach reagierte fast väterlich als er meinte: "Der eine oder andere wirft schon mal mit dem polemischen Diskus." Ansonsten freue er sich, wenn Athleten sich Gedanken machten über die stark verbesserungswürdige Sportförderung. Da kann er Robert Harting nun beim Wort nehmen, denn der Systemkritiker hatte angekündigt: "Ich habe Kontakte zu einem finanzstarken Unternehmer und werde bis Ende des Jahres etwas ganz Tolles präsentieren."

Monatelang wurde Harting, der momentan in Berlin-Weißensee ein Loft als Domizil ausbaut, in fast allen TV-Talkshows serviert, nahm selten ein Blatt vor den Mund. "Er ist ein offener Typ, dafür mögen ihn die Leute", sagt Marcel Göllnitz, Sportmarketing-Manager der Beratungs- und Betreuungs-Agentur Triceps, die Dutzende Athleten betreut, in Magdalena Neuner auch die "Sportlerin des Jahres." Laut Göllnitz hat Harting seit London die Zahl seiner Sponsoren um 50 Prozent gesteigert. Doch die Einnahmemillion (geschätzter Jahresverdienst: 450.000 Euro) ist noch nicht in Sicht.

"Ich brauche diesen Sieg"

Harting (28), der angesichts seiner latenten Knieprobleme ständig über den Schmerz trainierte ("Es ist, als ob Du die Hand einfach auf der heißen Herdplatte liegen lässt"), gibt gern den Widersprüchlichen: Der gebürtige Spreewälder wird als Sportsoldat gefördert, hat Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Berliner Universität der Künste studiert, präsentiert sich auf seiner Homepage (DerHarting) auch mal in Ketten, bezeichnet sich als Unternehmer und sensiblen Künstler.

Vor London hat der Schützling von Trainer Werner Goldmann ("mit Robert ist es nicht immer leicht") seine Fans durch ein Interview irritiert, sich als ein von Selbstzweifeln geplagter Athlet mit Beinahe-burn-out offenbart. "Um nicht zu zerbrechen" müsse er unbedingt sein erstes Olympiagold holen: "Ich brauche diesen Sieg, um die negativen Sachen aus meinem Leben zu spülen.

Harting, der sich vor Topevents den Bart kunstoll rasiert ("meine Kriegsbemalung") setzt sich gezielt unter Druck, um am Ende wieder der Sieger zu sein. Um wie bei den WM-Titeln 2009 und 2011 das Trikot zu zerfetzen. "Meine Art, Gefühle rauszulassen", sagt der Mann, der längst vom zweiten Olympiagold 2016 träumt: "Ich möchte mich dann mit der Medaille an den Strand legen, durch den Sonnenbrand einen riesengroßen Abdruck erzeugen, so dass die Medaille immer an meinem Körper ist."

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