Bundesliga - Weis: "Champions League war zu viel"

Tobias Weis spricht im exklusiven Interview der Woche mit eurosport.yahoo.de über die Krisen-Situation in Hoffenheim, die Philosophie des neuen Trainers und die Wutrede des Managers. Zudem verrät der 27-Jährige, dass er fast einmal beim FC Bayern gelandet wäre.

Das Interview führte Jens Sitarek

Nach der Niederlage in Frankfurt steht Hoffenheim erstmals in dieser Saison auf einem Abstiegsplatz. Was macht Sie sicher, dass die Mannschaft den Klassenerhalt noch schafft?

Weis: In den letzten beiden Spielen geht der Daumen leicht nach oben, wenn man das Ganze mit der Vorrunde vergleicht. Man sieht auf dem Platz, dass der eine für den anderen kämpft. Ich denke, wenn wir da nachhaltig dranbleiben, dann werden in den nächsten ein, zwei Spielen drei Punkte kommen.

Ist es nur das kämpferische Element, auf das Marco Kurz gesteigerten Wert legt?

Weis: Da ist noch mehr. Er führt ziemlich viele Einzelgespräche. Er schenkt jedem einzelnen Vertrauen, was ich sehr wichtig finde. Nach der Vorrunde gehen wir nicht gerade mit großem Selbstvertrauen in jedes Spiel. Jeder Spieler auf dem Platz weiß nun, was er zu tun hat. Die taktischen Vorgaben sind ganz klar.

Einzelgespräche, Vertrauensbildung, taktische Anweisungen. Sollte das eigentlich nicht selbstverständlich für einen Trainer sein?

Weis: Ja, normalerweise schon. Aber jeder Trainer hat da seine eigene Philosophie. Wir haben jetzt nicht so viel Selbstvertrauen und deswegen ist es wichtig, dass der Trainer ein bisschen mehr mit den einzelnen Spielern spricht. Wir sind ja noch eine relativ junge Mannschaft.

Auch diese Zahlen dürften wenig Anlass für mehr Selbstvertrauen geben: Hoffenheim hat lediglich eines der vergangenen 14 Spiele gewonnen und wartet seit neun Partien auf einen Sieg. Magere 13 Punkte bedeuten Platz 17, der Abstand zum rettenden Ufer beträgt acht Zähler.

Weis: Ich versuche in letzter Zeit so wenig wie möglich zu lesen, weil einfach viel Negatives geschrieben wird, ob wir jetzt ordentlich gespielt haben oder nicht. Natürlich fehlen die Ergebnisse, da ist es irgendwie normal, dass viele draufhauen und uns als Krisenklub sehen. Wir dürfen uns aber nicht beirren lassen. Wir müssen Ruhe bewahren, so weiterarbeiten wie in den letzten Wochen und dann auch mal drei Punkte holen.

Dann hat Manager Andreas Müller mit seiner Wutrede vor dem Frankfurt-Spiel der Mannschaft aus dem Herzen gesprochen?

Weis: Er hat Klartext gesprochen, Sachen auf den Punkt gebracht – und das öffentlich. Das war wichtig. Damit hat er ein bisschen den Druck von der Mannschaft genommen, so dass wir uns aufs Frankfurt-Spiel konzentrieren konnten.

Tim Wiese hat nach seinem Wechsel zu Hoffenheim gesagt, er wolle mit dem Klub Champions League spielen. Wie realistisch war das?

Weis: Das war vielleicht ein bisschen hochgegriffen. Wir hatten schon das Ziel, einen internationalen Platz zu erreichen, aber es wäre damals vielleicht besser gewesen, man hätte das intern geregelt und nach außen hin kleinere Brötchen gebacken.

Mit Marvin Compper hat einer der letzten Spieler der Aufstiegself von 2008 Hoffenheim verlassen. Bleiben nur noch Sejad Salihovic, Andreas Beck, Matthias Jaissle und Sie. Wehmütig?

Weis: Ich erinnere mich gerne zurück. Ich hätte auch noch gerne den einen oder anderen Spieler hier, weil es einfach eine tolle Zeit war. Wir haben viel zusammen erlebt und durchgemacht. Es bringt aber alles nichts. Wir haben jetzt drei, vier Monate, in denen wir die persönlichen Befindlichkeiten zurückstecken und alle an einem Strang ziehen müssen.

Gilt Ihr Vertrag, den Sie im vergangenen Sommer bis 2016 verlängert haben, eigentlich auch für die zweite Liga?

Weis: (lacht) Das sind Vertragsdetails, zu denen möchte ich gar nichts sagen.

Es heißt, Sie hätten mal ein Angebot vom FC Bayern bekommen?

Weis: Ja, das war so. Es gab Gespräche mit Uli Hoeneß, Christian Nerlinger und Louis van Gaal. Wir waren uns nicht zu hundert Prozent sicher, dass ich den Durchbruch dort schaffen würde. Da habe ich mich dann für Hoffenheim entschieden.

Das sagt sich jetzt so leicht. Aber da sind Sie bestimmt einer der wenigen Spieler auf dieser Welt, der so einem Angebot widerstehen konnte.

Weis: Das war eine tolle Sache – und das hat mich natürlich auch geehrt. Aber ich war mir einfach nicht sicher. Ich wollte den Weg, den ich in Hoffenheim eingeschlagen hatte, weitergehen.

Unter Trainer Ralf Rangnick war die Welt in Hoffenheim noch in Ordnung. Was ist danach schiefgelaufen?

Weis: Es ist ein schnelllebiges Geschäft, klar, es müssen Punkte und Erfolge her, aber man müsste dem einen oder anderen Verantwortlichen mehr Zeit geben – das ist ja ein generelles Problem in der Bundesliga. Was bei uns in den vergangenen zwei Jahren alles gelaufen ist, da könnte ich ein Buch drüber schreiben.

Ex-Coach Markus Babbel hat Sie sogar mal aus dem Kader geworfen. Angeblich wegen schlechter Trainingsleistungen. Die wurden auch Marvin Compper vor seinem Wechsel nach Florenz vorgeworfen.

Weis: Mir hat noch nie jemand schlechte Trainingsleistungen unterstellt. Wer mich kennt vom Typ, weiß, dass ich gewillt bin, alles zu geben. Das hatte einfach andere Gründe, aber es ist besser, ich sage dazu nichts. Nachkarten bringt nichts.

Sie haben noch etwas mit Marvin Compper gemeinsam: ein Länderspiel. Ihr Debüt war im Juni 2009, ich kann mich noch gut an die Nutella-Werbung erinnern, in der auf einmal Tobias Weis auftauchte. Im Nachhinein betrachtet müsste Ihnen das wie ein Traum vorgekommen sein.

Weis: Das ist schon ein paar Jahre her, aber ich habe den Traum gelebt. Es war eine tolle Zeit mit tollen Erfahrungen. Jetzt denke ich überhaupt nicht an die Nationalmannschaft, ich möchte mit Hoffenheim konstante Leistungen bringen, gesund bleiben – und dann kommt alles andere von alleine.

Träumen Sie den Traum nicht immer noch?

Weis: Im Fußball ist alles möglich. Träumen ist erlaubt, aber ich bin auch Realist. Um da wieder hinzukommen, wo ich mal war, muss ich über ein, zwei Jahre konstante und gute Leistungen bringen und unverletzt bleiben. Wichtig ist auch, Erfolg mit dem Verein zu haben. 

Der Erfolg wird scheinbar unterschiedlich definiert. Manager Andreas Müller gibt Platz 16 als Saisonziel aus, Trainer Marco Kurz dachte bei seiner Vorstellung an Platz 15. Was sagt Tobias Weis?

Weis: Mein persönliches Ziel ist Platz 15. Wenn es sein muss, spielen wir auch die Relegation. Ich bin überzeugt, dass wir die dann erfolgreich bestreiten werden.

"Wenn man unsere Chancen sieht, dann wünscht man sich schon jemanden, der die Tore macht“ – sagt Manager Andreas Müller. Er wollte einen Torjäger holen, nun ist es Igor de Camargo geworden. Der Stürmer hat in 58 Bundesliga-Spielen 14-mal getroffen. Ist das die erhoffte Verstärkung?

Weis: Vielleicht schlägt er ein wie eine Bombe, das weiß man ja nie. Vielleicht macht er in 15 Spielen 15 Tore. (lacht) Wir hoffen, dass wir einen Mann geholt haben, der vorne für Furore sorgt und mit einem Quäntchen Glück die Tore macht, die wir nicht gemacht haben. Er kennt die Bundesliga und wird sich sicher schnell eingewöhnen.

Kann Trainer Marco Kurz aus den vielen Individualisten – und mit de Camargo ist noch einer hinzugekommen – in der Kürze der Zeit überhaupt eine Mannschaft formen?

Weis: Seit drei, vier Wochen herrscht ein anderer Geist in der Mannschaft, das ist jetzt keine Floskel. Man merkt auf dem Platz, dass ein Ruck durch die Mannschaft geht. Es fehlen nur die Ergebnisse.

“Love is pain and pain is love”, steht da neuerdings auf ihrer Brust geschrieben. Wie kam es zu diesem Tattoo?

Weis: Das habe ich seit dem Sommer. Der Spruch passt zu mir und zu meinem Beruf und zu dem, was ich liebe. Das schmerzt manchmal.

VIDEO: Die Wutrede vom Manager

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