Europa League - Berthold exklusiv: "Wofür steht der VfB?"

Nach fünf Niederlagen befindet sich der VfB Stuttgart im freien Fall. Thomas Berthold, selbst lange im VfB-Trikot aktiv, analysiert die Lage am Neckar. Der Ex-Nationalspieler spricht im Exklusiv-Interview mit eurosport.yahoo.de über eklatante Fehler, den Unterschied zwischen guten und schlechten Mannschaften sowie über den ungünstigen Zeitpunkt der Vertragsverlängerung mit Bruno Labbadia.

Herr Berthold, was geht Ihnen als erstes durch den Kopf, wenn Sie aktuell an den VfB Stuttgart denken?

Thomas Berthold: "Ich habe den VfB zuletzt nur einmal live gesehen, das war gegen Bayern München. Doch allgemein macht die Mannschaft einen sehr verunsicherten Eindruck. Nach jedem Gegentor wirkt sie so erschüttert, als ob sie nicht die Kraft aufbringen könnte, sich dagegen zu stellen oder ein Spiel zu drehen. Viele der etablierten Spieler sind dazu außer Form oder machen im Defensivverbund kapitale Fehler, die dann zu Gegentoren führen."

Gibt es eine einfache Erklärung für die vielen haarsträubenden Fehler der letzten Wochen?

Berthold: "Die Fehler waren eklatant. Aber ich nehme ja nicht am Trainingsbetrieb teil und weiß nicht, wie da gearbeitet wird. Die Gegentore, die der VfB bekommt, passieren immer wieder auf die gleiche Art: Eigener Fehler, Konter oder Gegenangriff - Tor! Oder: Flanke von außen, vor allem über die rechte Angriffsseite des Gegners, in der Mitte kommt jemand frei zum Abschluss - Tor!"

Serdar Tasci, gestandener Profi und VfB-Kapitän sagt, man sei "mental nicht die stärkste Mannschaft". Wessen Aufgabe ist es, das zu ändern?

Berthold: "Was ist das denn für eine Aussage? Geändert werden muss das jedenfalls im Verbund aus Trainer und Mannschaft. Im Fußball ist es eben so, dass im Training immer wieder die gleichen Dinge auf hohem Niveau abgerufen werden müssen. Da festigen sich diese Automatismen, die diese Fehlerquellen abstellen. Das ist der Unterschied zwischen guten und durchschnittlichen Mannschaften: Die guten Mannschaften machen weniger Fehler. Und weil die weniger guten Mannschaften eben mehr Fehler machen, stehen sie auch in der Tabelle weiter hinten."

Wäre Cacau, der nun angekündigt hat, Mitte oder Ende März zurückzukehren, eine Figur, die dem Spiel des VfB wieder mehr Sicherheit geben könnte?

Berthold: "Nach so einer schweren Verletzung macht es keinen Sinn, Prognosen abzugeben. Medizinische Gesundheit ist ein Thema, aber Spielfitness zu erlangen - das sieht man auch bei Nuri Sahin in Dortmund - dauert auch eine gewisse Zeit. Und dass er tatsächlich die Persönlichkeit ist, die die Mannschaft aufrüttelt, bezweifele ich."

Hat der Verein es verpasst, in der Winterpause zu reagieren und vielleicht noch einen Führungsspieler zu holen?

Berthold: "In der Winterpause ist es generell schwierig, jemanden zu bekommen, besonders wenn man von Persönlichkeiten oder Führungsspielern spricht. Die Führungsspieler will jeder halten. Außerdem sollte man den Spielern, die im Winter dazukamen auch Zeit geben. Es ist unfair, zu erwarten, dass ein Spieler nach ein paar wenigen Trainingseinheiten sofort funktioniert. Aber der VfB muss auch an der taktischen Ausrichtung arbeiten."

In welcher Hinsicht?

Berthold: "Das Problem sind ja nicht nur die Gegentore, sondern auch das Erarbeiten eigener Chancen und das Spiel nach vorne. Wie sieht die taktische Spielausrichtung aus? Ich tue mich schwer zu sagen, welche Art von Fußball der VfB zurzeit spielt. Sie stehen weder für einen kompakten Fußball auf Konter ausgelegt, noch für kreatives Offensivspiel oder das Spiel über die Außen, von wo der reine Strafraumstürmer Ibisevic mit Flanken bedient wird."

Fehlt Ihnen da die Handschrift des Trainers?

Berthold: "Der Trainer muss ja seine taktische Spielausrichtung immer passend zum vorhandenen Spielermaterial wählen. Dazu fehlt im Mittelfeld ein Kreativspieler, der eine gewisse Qualität hat - einer, der sich mal alleine durchsetzt, einen Freistoß schießen kann oder mal den tödlichen Pass spielt. Sie haben zwar Tamas Hajnal, der aber bei allem Respekt eher am Ende seiner Karriere steht."

Aber das taktische Konzept hat ja eine Zeit lang funktioniert, denn der VfB stand nach dem 16. Spieltag noch auf dem sechsten Platz.

Berthold: "Das liegt eher daran, dass die Liga in diesem Jahr sehr instabil ist. Die Tabelle ist sehr eng beisammen und viele Mannschaften haben zum Teil große Schwankungen - dazu gehört eben der VfB auch. Das Problem ist, dass jetzt fünf Spiele in Folge verloren wurden und die Tendenz alles andere als positiv ist."

Der Vertrag mit Bruno Labbadia wurde erst vor zwei Wochen verlängert. Hat man sich damit vielleicht auch um eine branchenübliche Option gebracht, die Saison wieder in eine positive Bahn zu lenken?

Berthold: "Ich kenne die Details des Vertrages nicht und weiß nicht, ob es Klauseln über Abfindung oder Beurlaubung gibt. Grundsätzlich hätte man was diese Position angeht sicherlich einen Kostenfaktor, den man berücksichtigen muss."

Können Sie sich vorstellen, warum man den Vertrag verlängert hat, obwohl man gerade drei Spiele in Folge verloren hatte?

Berthold: "Der Zeitpunkt ist natürlich ungünstig gewesen. Man kann sich ungefähr vorstellen, was nach dieser weiterführenden Niederlagenserie da jetzt los ist. Mir ist schon beim Bayern-Spiel etwas aufgefallen: Als ich beim VfB gespielt habe, da haben die Fans uns ausgepfiffen, wenn wir schlecht gespielt haben. Jetzt hatte ich das Gefühl, dass im Stadion eine gewisse Lethargie herrschte, obwohl es zum ersten Mal in dieser Saison ausverkauft war - übrigens auch ein schlechtes Zeichen, wenn das Stadion nur einmal voll ist. Eine solche Teilnahmslosigkeit oder Zuschauer, die früher nach Hause gegangen sind, das gab es früher in der Form nicht."

Jetzt steht die Europa League an, ein Wettbewerb, dem man vor der Saison nicht die größte Bedeutung beigemessen hatte. Ein Sieg im ungeliebten Cup wäre doch nun Balsam auf die Wunden, oder?

Berthold: "Ich finde, man sollte generell sagen, dass alle Wettbewerbe Priorität genießen, solange man in ihnen spielt. Da sollte man nicht anfangen zu klassifizieren, sonst gibt man den Spielern ja von vornherein ein Alibi. Ein Sieg gegen Genk wäre nicht nur für den VfB wichtig. Es ist ja auch immer noch ein internationaler Wettbewerb, in dem man auch für Deutschland spielt. Die Gelegenheit ist günstig, mal viele Mannschaft bis ins Viertelfinale oder weiter zu bringen. Das gilt für den VfB ebenso wie für Hannover, Gladbach oder die anderen Klubs, die noch in Europa League und Champions League dabei sind."

Blicken wir noch ein Spiel weiter. Was sagt die langjährige Erfahrung von Thomas Berthold im Fußballgeschäft, passiert, wenn der VfB am Sonntag gegen 1899 Hoffenheim wieder verliert?

Berthold: "Puh. Da ist schon genug Feuer unterm Dach. Es gab ja mal Egon Cordes, der nach sieben Niederlagen in Stuttgart entlassen worden ist. Und als Verein muss man immer alle Möglichkeiten durchspielen, wenn Sie verstehen, was ich meine."

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