Formel 1 - "Schumacher fehlte Selbstbewusstsein"

Jock Clear und Michael Schumacher verbindet eine bewegte Geschichte. Der Brite war Renningenieur von Jacques Villeneuve, als dieser 1997 in der WM gegen den Ferrari-Star kämpfte. Über zehn Jahre später arbeitete Clear für Mercedes, als "Schumi" dort sein Comeback gab, doch der 49-Jährige war damals auf der anderen Seite der Garage - als Renningenieur von Nico Rosberg.

Der Teamkollege ist dein größter Gegner, heißt es in der Formel 1. Und somit versuchten Rosberg und Clear gezielt, sich gegen den Rekord-Weltmeister durchzusetzen und diesen aus dem Konzept zu bringen. "Als ich Ingenieur von Nico war", erinnert sich Clear gegenüber "Autosport", "da hatte ich immer im Blick, wann wir Michael reizten, ich versuchte herauszufinden, was wir tun mussten, damit er denkt, dass wir einen Vorteil haben, damit er sein Setup infrage stellt."

Auf der Suche nach den richtigen Leuten

Doch das war der Zeitpunkt, als Clear zu verstehen begann, warum Schumacher so viele Titel wie kein anderer gewonnen hat. Laut dem Renningenieur machte sich der Mercedes-Superstar keine Sorgen wegen des nächsten Qualifyings, sondern dachte langfristiger: "Er suchte nach einem Vorteil, der sich bei den kommenden vier oder fünf Rennen auszahlen würde." Während sich also andere über Stabilisatoren den Kopf zerbrachen, konzentrierte sich Schumacher laut Clear darauf, "die richtigen Leute auf seine Seite zu ziehen."

Und so kam es, dass sich auch Clear bald auf Schumachers Seite befand: Vor dem Grand Prix von Belgien 2011 kam es bei Mercedes zu einer Personalrochade - Peter Bonnington ersetzte Mark Slade, der nun für Kimi Räikkönen bei Lotus arbeitet, als Schumachers Renningenieur, Clear wurde beim ehemaligen Rivalen Performance-Ingenieur. Der Wechsel zeigte tatsächlich Wirkung, und Schumachers Leistungen wurden merkbar besser.

Das bestätigt auch Schumacher gegenüber 'Autosport': "Ich habe einen großen Schritt gemacht, als mein Ingenieursteam gewechselt wurde, denn die Kommunikation und die Geschwindigkeit, in der wir am Wochenende das Auto weiterentwickelten, verbesserten sich deutlich."

"Er kann verletzlich sein"

Dennoch trat Clear Schumacher zuerst mit Misstrauen gegenüber. "Ich war immer einer von denen, die ihn als arrogant und überheblich wahrgenommen haben." Die Villeneuve-Jahre hallten nach, doch durch die direkte Zusammenarbeitet änderte sich das Bild Clears von Schumacher. "Am meisten hat mich seine unglaubliche Offenheit überrascht", sagt er. Dass sich der sonst so unnahbare Superstar so öffnete, führt der Renningenieur darauf zurück, dass dies für ihn vermutlich als einziger Weg zu einem möglichen Erfolg erschien. "Das geschah in den ersten zwei oder drei Rennen unserer Zusammenarbeit."

Doch es kam für Clear zu weiteren unerwarteten Erlebnissen. "Ich war überrascht, wie verletzlich er sein kann", erzählt er. "Er hat zwar den Atem eines Menschen, der sieben WM-Titel gewonnen hat, aber man erkennt schnell, dass es ihm in gewissen Bereichen an Selbstvertrauen fehlt - wie jedem anderen auch."

Der Brite verweist auf den Grand Prix von China 2012, als Rosberg eine halbe Sekunde vor dem Rekordweltmeister die Pole-Position holte. Ein Ereignis, das bei "Schumi" anscheinend Selbstzweifel aufkommen ließ. "Er dachte: 'Bin ich von der Rolle? Wie kann ich eine halbe Sekunde hinter ihm sein?'", gibt Clear interessante Einblicke. Ihn überraschte vor allem, dass der Superstar so offen mit seinen "Selbstzweifeln" umging: "Er suchte förmlich nach Bestätigung und einer Stärkung seines Selbstvertrauens."

Video: Schumacher "Legende des Sports"

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