DOSB und Politik verteidigen Zielvereinbarungen

Richtige Feierlaune kam bei der DOSB-Spitze in der Abschlussbilanz der London-Spiele nicht auf. Das verheerende Echo auf die unrealistischen Zielvereinbarungen drängte sogar den gestoppten Negativtrend bei der Zahl der gewonnenen Medaillen fast in den Hintergrund.

DOSB-Präsident Thomas Bach und -Generaldirektor Michael Vesper wirkten am Samstag in London sichtlich angespannt und sahen sich nach der erstmaligen Veröffentlichung der internen Zielvereinbarung zwischen dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und seinen Fachverbänden in Erklärungsnot.

Immerhin räumte Bach Kommunikationsdefizite ein. Man müsse eingestehen, "dass wir uns mit dem Namen Zielvereinbarung vergriffen haben", sagte der deutsche Ober-Olympier. "Das sollten in Zukunft besser Fördervereinbarungen sein, um deutlich zu machen, um was es hier geht - nämlich um vier Jahre vor Olympischen Spielen ein abstraktes Potenzial zu identifizieren." Das Bundesinnenministerium (BMI) hatte am Freitag die internen Zielvereinbarungen erstmals veröffentlicht. Demnach hätten die deutschen Athleten in London 86 Medaillen gewinnen sollen, davon 28 aus Gold.

Tatsächlich blieb das deutsche Team deutlich unter diesen Zahlen. Nach etwa 90 Prozent der 302 Entscheidungen hatte die 391-köpfige Mannschaft 44 Mal Medaillen gewonnen. Immerhin stieg damit erstmals seit den Spielen 1992 in Barcelona die Zahl der Medaillen wieder - vor 20 Jahren hatte die erste deutsche Mannschaft nach der Wiedervereinigung 82 Medaillen gesammelt. In Peking 2008 waren es nur 41 Medaillen. "Dass sie im härtesten Wettbewerb aller Zeiten mehr Medaillen als in Peking hat, hätte ich nicht erwartet", sagte Bach. "Das ist großartig. Wir sind stolz auf diese Olympia-Mannschaft."

"Nie als Prognose zu verstehen"

Chef de Mission Vesper bemühte sich noch einmal klarzustellen: "Die Zielvereinbarungen waren nie als Prognose zu verstehen oder gar als Medaillen-Planwirtschaft", sagte er. Es seien keine einseitigen Vorgaben des DOSB gewesen, sondern mit jedem einzelnen Sportverband gemeinsam entwickelte Einschätzungen über die Potenziale. Dieses System der Leistungssteuerung "erfreue sich weiter großer Zustimmung in den Fachverbänden".

Eberhard Gienger, als damaliger DOSB-Vize Leistungssport maßgeblich an den vor vier Jahren vereinbarten Ziele beteiligt, verteidigte die unrealistischen Ziele. "Die internen Vorgaben waren keine Luftschlösser, sie beruhten auf konkreten Ergebnissen der einzelnen Verbände bei vergangenen Höhepunkten", sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete der dpa. "Sicher waren die Ansätze sehr hoch. Doch es ist nötig, sich immer höhere Ziele zu setzen, als sie dann am Ende erreicht werden können."

Laut der Zielvereinbarungen haben von den 23 in London vertretenen Sportarten bisher lediglich Leichtathletik, Tischtennis und Kanuslalom das angepeilte Ziel erreicht. Als große Verlierer kehren vor allem Schwimmer, Fechter und Schützen nach Hause zurück.

Zunächst keine Kürzungen

Mit Konsequenzen wie Mittelkürzungen haben die Verbände vorerst nicht zu rechnen. "Wer keine Medaille vorweisen kann, wird dafür nicht bestraft. Es wird gerade geschaut, woran hat es gelegen, was sind die Gründe dafür, was muss man tun, um das zu verbessern auf Sicht", betonte Vesper. Von diesem System habe zum Beispiel die Leichtathleten profitiert, sagte DOSB-Leistungssportdirektor Bernhard Schwank. Sie hatten in Athen 2004 nur zweimal Silber-, in Peking nur eine Bronzemedaille gewonnen. Bis zum Samstag waren es schon acht Plaketten.

Um den Anschluss an der Weltspitze zu halten, sieht DOSB-Präsident Bach die Politik in der Verantwortung. Der DOSB habe schon vor vier Jahren in der mittelfristigen Finanzplanung des BMI einen höheren Bedarf angemeldet. Allerdings wisse er auch, dass sich die Finanzlage geändert habe. Derzeit gibt das Ministerium jährlich rund 132 Millionen in den Spitzensport. Insgesamt bezahlen alle Ministerien rund 240 Millionen für die Sport-Elite. Vesper forderte dagegen konkret: "Wenn Deutschland international weiter mithalten will, brauchen wir mehr Mittel, um dies sicherzustellen."

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