Behindertensport - Deutsches Team unter den Top-Nationen

Der fantastische Gastgeber London hat die Paralympics in neue Dimensionen geführt und den Athleten aus aller Welt ideale Wettkampf-Bedingungen geboten. Das deutsche Team hat es unter die Top-Ten-Nationen geschafft. Nur der Eklat um Wojtek Czyz vermieste die Stimmung zum Abschluss.

Das Fazit der 14. Behindertenspiele: Mit Pistorius, Zanardi und Co. haben Profisport und Starrummel Einzug gehalten. Die Athleten gehen offen mit ihren Handicaps um und die sportbegeisterten Briten setzten ganz neue Maßstäbe für Rio de Janeiro 2016. "Wir haben alle Ziele erreicht, das Ergebnis von Peking übertroffen und freuen uns über die exzellenten Leistungen", sagte der deutsche Chef de Mission Karl Quade.

66 Medaillen mit 18 Mal Gold, 26 Mal Silber und 22 Mal Bronze - das bedeutet Platz acht in der Nationenwertung. Vor vier Jahren hieß die Bilanz: 59 Mal Edelmetall (14 Gold) und Rang elf. "Das ist wunderbar, ich habe bei den Erfolgen unserer Athleten mehr als einmal feuchte Augen gekriegt", betonte Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Die Abschlussparty im deutschen Haus ging bis in den frühen Sonntagmorgen.

Techno-Doping und Psychospielchen

So positiv das Auftreten der goldenen Basketball-Mädels, der erfolgreichen Radsportler, der Leichtathleten um Heinrich Popow und Birgit Kober, der Schwimmer um Kirsten Bruhn und der jungen Tischtennis-Asse war, so sehr schockte alle der Ausbruch von Czyz gegen Popow. "Das ist unfair und gehört sich nicht", sagte Beucher, "das sind die Niederungen des Hochleistungssports und erinnert an Verhaltensweisen wie bei Boxern, die sich wie zwei Kampfstiere gegenüberstehen", sagte Beucher. "Das zeugt von Unprofessionalität".

Der Kaiserslauterer Sprinter Czyz hatte Popow (Leverkusen) vor dem 100-Meter-Finale aufs Schärfste attackiert und ihm "technisches Doping" am künstlichen Kniegelenk vorgeworfen. "Ich bin kein Betrüger", entgegnete Popow. Prothesen-Hersteller Ottobock forderte eine Entschuldigung, weil das Gelenk entgegen Czyzs Vorwürfen allen Athleten zugänglich gewesen sei. Sanktionen gegen den 32-jährigen Bronzemedaillengewinner im Weitsprung und Sprint wird es nicht geben, ein Nachgeschmack bleibt. "Das war richtig heftig", fand Quade, der die Diskussion nach diesen "Psychospielchen" nun versachlichen will.

Wie schon bei der Niederlage des südafrikanischen Stars Oscar Pistorius im 200-Meter-Finale gegen einen Brasilianer mit ungewöhnlich langen Stelzen gibt es immer wieder Diskussionen um das Material. "Wir brauchen bessere Regeln, die für alle transparent sind", forderte Quade, der sich noch in London mit den führenden Nationen zu einem Austausch um das dringendste Thema der Paralympics traf. Die Debatte um technische Hilfsmittel muss bis Rio entscheidend vorangetrieben werden, lösen wird man sie wegen der unterschiedlichen Handicaps vermutlich nie.

Deutsches Team unter Top-Nationen

Sportlich standen am Abschlusswochenende die Leichtathleten mit dem zweiten Gold von Kober (nach Speer auch Kugel), einer Bestleistung von Olympiasiegerin Ilke Wyludda sowie einem Weltrekord und einer Silberflut der Schwimmer um die blinde Berlinerin Daniela Schulte (200 Meter Lagen) im Mittelpunkt. 2Das ist mehr, als ich mir je erträumt habe2, sagte die 30-Jährige zu ihren insgesamt zwei Medaillen. Gold hatte sie über 400 Meter Freistil erobert.

Youngster Thomas Schmidberger mit den extra für London in schwarz-rot-gold eingefärbten Haaren wurde als Fahnenträger für die Abschlussfeier ausgewählt. Die Nominierung des querschnittsgelähmten 20 Jahre alten Tischtennisspielers soll ein Zeichen in Richtung Jugend sein, die der DBS in Zukunft noch mehr fördern will. Mit sechs Bundestrainern im Behindertensport ist der Verband vorerst zufrieden, eine stärkere Einbindung in die Eliteschulen des Sports und die bessere Sichtung von Talenten steht für die Zukunft an.

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