Bundesliga - Vom Spitzenspiel zum Regional-Event

HSV gegen Werder. Neunter gegen Zwölfter. Von einem Spitzenspiel kann längst keine Rede mehr sein, beide Teams befinden sich personell im Neuaufbau - und finanziell im Abstiegskampf.

22. April bis 10. Mai 2009 – schon allein die Jahreszahl dürfte bei einem HSV-Fan für ein flaues Gefühl in der Magengegend sorgen.

Und wenn dann noch der Name "Werder Bremen" fällt, ist eh alles klar. Damals zerstörten die einen mit drei Siegen in vier Partien binnen 19 Tagen alle Titelhoffnungen der anderen - im Halbfinale des DFB-Pokals, im Halbfinale des UEFA-Cups und auf der Zielgeraden der Meisterschaft.

Wie schnell sich die Zeiten ändern. Fast vier Jahre später würden es beide Teams wahrscheinlich schon als Erfolg werten, wenn sie in einem der drei Wettbewerbe überhaupt bis zum Schluss mitmischen könnten.

Mehr noch: Mittlerweile verkommt das Nordderby zwischen Hamburg und Bremen, das seit den 80er Jahren sportlich gesehen immer in die Kategorie Spitzenspiel einzuordnen war, zu einem regionalen Ereignis.

"Jeder muss wissen, was dieses Spiel für die Region bedeutet", so sagt es HSV-Trainer Thorsten Fink. Für die Fans im Norden ist die Partie natürlich immer noch ein Top-Duell, obwohl diesmal (15.30 Uhr im Liveticker auf www.eurosport.yahoo.de) lediglich der Neunte (HSV) auf den Zwölften (Werder) trifft.

Weder Abstiegskampf noch Europa League

Doch seit dem Jahr 2009 hat sich viel verändert. In Sachen Kontinuität hat der kleine Nachbar von der Weser der "Weltstadt mit Herz" etwas voraus. Während der Trainer in Bremen immer noch Thomas Schaaf heißt (wie sollte es anders sein), hat sich Hamburg nach Martin Jol mit Bruno Labbadia, Ricardo Moniz, Armin Veh, Michael Oenning und dem Duo Rodolfo Cardoso/Frank Arnesen versucht. Mit Thorsten Fink unter Sportdirektor Arnesen sieht sich der Verein nun wieder auf dem richtigen Weg.

Sportlich stecken beide Teams im Niemandsland der Liga fest, dazu reichte in den vergangenen Jahren schon ein kurzer Blick auf die Tabelle. Werder-Boss Klaus Filbry formuliert das in der "Sport Bild" so: "Ich halte es jetzt nicht für angebracht zu sagen, wir stecken im Abstiegskampf. Ebenso wenig realistisch ist es im Moment aber auch, an die Europa League zu denken." Man könnte hinzufügen: Finanziell sieht es eher nach Abstiegskampf aus.

Denn Werder wird laut "Sport Bild" nach dem Rekord-Verlust der Vorsaison von 13,9 Millionen Euro auch in der laufenden Saison rote Zahlen schreiben – und das trotz des Weggangs von Spitzenverdienern wie Mertesacker, Frings, Wiese, Marin, Pizarro und Naldo. Die Rede ist von fünf bis zehn Millionen Euro. Stand heute werde der Verein im März sogar eine Lizenz für die zweite Liga beantragen, heißt es.

Wirtschaftliche Lage ist ernst

Fest steht: Der finanzielle Spielraum, um die Mannschaft zu verstärken, ist begrenzt. Transfers wie der von Elia (5,5 Millionen Euro) wird es unter dem neuen Manager Thomas Eichin wohl vorerst nicht geben. Die Hoffnung der Verantwortlichen ruht sicherlich auf der Qualifikation für die Europa League, sie könnte zwischen sechs und neun Millionen Euro in die Kassen spülen. Das Problem ist nur: Qualifiziert sich Werder nicht, droht der Zerfall der Mannschaft. Kevin de Bruyne (nur ausgeliehen), Marko Arnautovic, Aaron Hunt (beide Vertrag bis 2014) und Sokratis (Vertrag bis 2016) haben mehrmals öffentlich bekundet, international spielen zu wollen.

Die Strategie bei Werder lautet Kostenreduktion und Konsolidierung. Im Gegensatz zum HSV ist weniger Risiko im Spiel. "Die wirtschaftliche Lage ist ernst", betont Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow. Eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft prognostiziert dem Klub in der "Sport Bild" für diese Saison ein Minus von rund fünf Millionen Euro – es wäre das dritte Minus in Serie. "Die Liquidität ist absolut gesichert", beteuert Jarchow. Dass der Verein nach den Verpflichtungen von Rafael van der Vaart und Petr Jiracek (zusammen 17,5 Millionen Euro) den Konsolidierungskurs verlassen hat, bestreitet Jarchow allerdings nicht.

Personell befinden sich beide Teams im Neuaufbau. "Ich denke, dass Hamburg im Rahmen des Umbruchs und der Neuformierung schon wieder auf sichereren Beinen steht als Werder", so schreibt es Benno Möhlmann, der sowohl für Werder als auch für den HSV spielte, in seiner "kicker"-Kolumne. Natürlich passt den Bremern das 0:5 zum Rückrundenauftakt gegen Dortmund überhaupt nicht in den Kram.

Die Schmach vergessen machen

Was darauf folgte, war eine Krisensitzung und ein Trainingszoff unter Spielern. HSV-Trainer Thorsten Fink glaubt nicht, dass es "uns das einfacher macht". Sein Kapitän Rafael van der Vaart fordert: "Wir müssen Werder von Beginn an wehtun." 0:2, 1:3, 0:2 – die letzten drei Derbys taten wohl eher dem HSV weh.

Vier Pleiten in Serie kassierte der Klub zuletzt in den 60er Jahren. "Wir wollen die Schmach gegen Dortmund vergessen machen", sagt Nils Petersen, mit sieben Toren und vier Vorlagen in 18 Partien der Top-Scorer bei Werder. "Statistisch gesehen mache ich jede fünfte Chance rein", fügt Petersen hinzu, und dann: "Gegen Dortmund habe ich vier liegen lassen. Beim Hamburger SV dürfte es daher wieder klappen."

Petersen war auch schon beim 2:0 im Hinspiel gegen den HSV erfolgreich, es war sein erstes Tor im Werder-Trikot. "Das war ein geiles Gefühl. Ausgerechnet im Derby zu treffen, das war schon was Besonderes", sagt er. Petersen gibt allerdings zu bedenken: "Wir müssen auch den Blick nach unten richten. In der Liga geht es so schnell, in den Strudel reinzugeraten." Gleiches gilt übrigens für den HSV.

VIDEO: Werder-Manager Eichin im Exklusiv-Interview

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