Bundesliga - Dortmund: Kein Platz für Sahin

"Nuri is back - und das ist auch gut so." Mit diesen Worten eröffnete BVB-Boss Hans-Joachim Watzke die Pressekonferenz zur Vorstellung des geliebten Rückkehrers Nuri Sahin. Doch ist das wirklich gut so? Für Klub und Spieler? Und auch unter sportlichen Aspekten? In den Jubel derjenigen, die sich sofort an die Meister-Saison 2011 erinnerten, mischten sich schnell auch kritische Stimmen.

Eigentlich, so denkt man unweigerlich, ist das zentrale Dortmunder Mittelfeld stark besetzt: Sven Bender, Ilkay Gündogan, Sebastian Kehl und Moritz Leitner könnte man getrost als Überangebot für die Doppelsechs betrachten.

Sie alle konnten im Verlauf der vergangenen 18 Monate überzeugen, haben sich entwickelt und sind zusammengewachsen. Das weiß auch Sahin. "Mir ist schon klar, dass sich die Jungs in den eineinhalb Jahren, in denen ich weg war, entwickelt und eine sehr erfolgreiche Zeit gehabt haben", so der türkische Nationalspieler.

Den Mann, der das Team 2011 als Führungsspieler zur Meisterschaft lotste, nun wieder auszugraben und in die gewachsene Mannschaft zu reimplantieren, das birgt Gefahren - sowohl in Hierarchiefragen als auch durch zu hohe oder einfach falsche Erwartungen. "Nuri ist voll im Saft, an die Abläufe hier muss er sich aber dennoch neu gewöhnen", gibt Trainer Jürgen Klopp zu.

"Kicken kann ich schon noch"

Und nicht nur das. Hinzu kommt, dass Sahin in den vergangenen Monaten kaum Spielpraxis sammeln konnte und hinter seiner aktuellen Form ein großes Fragezeichen steht. "Natürlich habe ich in den letzten eineinhalb Jahren nicht regelmäßig gespielt, aber gegen den Ball kicken kann ich schon noch", versicherte Sahin zwar bei seiner Präsentation, doch zwischen "gegen den Ball kicken" und Champions-League-Niveau liegt ein nicht zu unterschätzender Spielraum.

Dass Sahin grundsätzlich das Talent besitzt, einer der besten Spieler der Bundesliga zu sein, das ist klar. Doch dieses Talent besaß Sahin schließlich auch in Madrid und Liverpool. Einzig die Umsetzung gelang nicht.

Es ist unwahrscheinlich, dass der Türke im Training mit Cristiano Ronaldo und Co. nichts gelernt hat. Fortschritte wird Sahin mit Sicherheit gemacht haben. "Ich habe mit den besten Spielern auf meiner Position gespielt, mit Xabi Alonso und Steven Gerrard", zieht auch Sahin dieses Argument aus dem Ärmel. "Ich denke, dass ich ein besserer Fußballer geworden bin. Das mag zwar komisch klingen, weil ich nicht so viel Einsatzzeit hatte, aber ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt."

Leistung geht nur in der Heimat

Warum es mit den Leistungen im Wettkampf trotzdem nicht klappte? Sahins Erklärung dafür ist - man fühlt sich an Lukas Podolski erinnert - psychischer Natur. "Als ich dort (in Liverpool) war, habe ich früh gemerkt, dass ich nur bei Borussia Dortmund sein will. Nur hier funktioniere ich sowohl als Fußballer als auch als Mensch zu 100 Prozent", gab Sahin in hoch romantischer Weise zu Protokoll. "Das ist mein Verein, mein Zuhause."

Seine Liebeserklärung und der Verzicht auf zwei Millionen Euro Gehalt pro Jahr - laut "Bild" verdient Sahin beim BVB drei statt bei Real fünf Millionen - passen perfekt zur Marketingstrategie des Revierklubs: "echte Liebe" eben. Dafür verehren die Fans den Türken und brachten durch ihren Andrang auf den Live-Stream zur Präsentations-Pressekonferenz auch den Server der Vereins-Homepage zum Erliegen.

Mehr taktische Optionen durch Sahin

Klopp ist davon überzeugt, dass der Transfer aber nicht nur marketingtechnisch zum vollen Erfolg werden wird. "Wir kriegen einen absoluten Qualitätsspieler, auch wenn er keine leichte Zeit hinter sich hat", so der Meister-Coach. "Wir können ihm helfen und er kann uns helfen."

Und wie? Ganz einfach: "Nuri erweitert unsere Optionen im Mittelfeld", erklärt Klopp. Mit einem Sahin in Top-Form könnten die Dortmunder auch einen Taktikwechsel wagen und angelehnt an den FC Barcelona mit drei defensiven Mittelfeldspielern und einem Offensiv-Trio davor agieren - zum Beispiel mit Sahin, Bender und Gündogan hinter Götze, Reus und Lewandowski.

Mehr Offensiv-Freiheiten für andere

Alternativ, das hat Klopp auch selbst schon angesprochen, kommt durch Sahin die Möglichkeit hinzu, andere zentrale Spieler offensiver einzusetzen - beispielsweise Gündogan. "Wir haben Jungs, die auf der Acht spielen, dann vielleicht aber für eine offensivere Position frei werden", erläutert Klopp seine Überlegungen.

Und selbst wenn der Meister-Trainer an der bisherigen Variante mit zwei Sechsern festhält, durch die Verletzungsanfälligkeit von Bender und Kehl kann man Sahin auch bei einem vermeintlichen Überangebot sehr gut gebrauchen.

Es wird also deutlich: Sahin zurückzuholen war keine rein emotionale Entscheidung, sondern ein taktisch gut überlegter Schritt.

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