Bundesliga - Kroos: Das mutlose Genie

Rückblick. Toni Kroos bereitete sich im Trainingslager 2011 auf seinen zweiten Versuch beim FC Bayern vor. "Er muss seine Chance beim Schopf packen", forderte "Ziehvater" Jupp Heynckes vom damals 21-Jährigen. "Und dass er malocht, dass er arbeitet, 'nen Zahn zulegt". All dies erfüllte Kroos und entwickelte sich zum Stammspieler. Doch der letzte Schritt, der will Kroos (noch) nicht gelingen.

Seit Juli 2011 arbeitet der Top-Techniker beim FC Bayern, wie auch bei Bayer Leverkusen in der Saison 2009/2010, mit Heynckes zusammen. Unter ihm habe dieser "einen Riesenschritt nach vorne" gemacht, wie der Trainer des deutschen Rekordmeister sagt.

Heynckes hält weiterhin große Stücke auf ihn: Im Dezember 2011 ließ er sich gar zu der Aussage hinreißen, dass Kroos weiter sei als einst "Wolfgang Overath oder Günter Netzer mit 21 Jahren", obwohl beide "Weltklasse" gewesen wären.

Kroos zeigte es mit seiner damaligen Leistungsexplosion in Leverkusen allen Zweiflern, auch seinem Präsidenten: "Ich war eine lange Zeit der Meinung, er packt es nicht und wird nicht mehr besser", räumte Uli Hoeneß im "kicker" ein, den Glauben an seinen vielversprechenden Youngster kurzzeitig verloren zu haben.

Wann kommt der finale Schritt?

Im Januar des kommenden Jahres wird Kroos 23 Jahre alt. Damit befindet er sich nun in einem Alter, in dem viele Top-Talente am Scheideweg stehen. Auch Kroos muss sich weiterentwickeln und im Spiel des FC Bayern - insbesondere in schlechten Phasen - noch präsenter werden.

Seine zehn Bundesligatreffer und 15 Torvorlagen in den vergangenen 18 Monaten lesen sich sehr gut, dennoch schwimmt Kroos noch zu häufig mit seinen Mitspielern mit. Es fehlt ihm bislang das Leader-Gen, das beispielsweise einen Bastian Schweinsteiger auszeichnet.

Im Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea weigerte sich Kroos, Verantwortung zu übernehmen und zu einem der fünf Elfmeter-Schützen zu gehören - im Gegensatz zu seinen Nationalmannschaftskollegen Philipp Lahm, Mario Gomez, Manuel Neuer und Schweinsteiger. Es passte in das Bild des manchmal phlegmatisch wirkenden Supertalents und warf die Frage auf, was Kroos zu einer Führungspersönlichkeit fehlt.

Finalszenen wirken nach

"Ich habe mit einigen Spielern drei Mal gesprochen, ob sie schießen wollen", erklärte Trainer Jupp Heynckes die unwirklich erscheinenden Szenen, die den TV-Zuschauern beim "Finale dahoam" auf den Bildschirmen präsentiert wurden. "Aber sie haben trotzdem gesagt, dass sie sich nicht gut fühlen, es sich nicht zutrauen."

Es ist zweifelsohne ein Fleck in der fußballerischen Vita des jungen Bayern-Profis, mit dem Kroos seither leben muss. "Ich dachte, dass wir auch ohne mich fünf Spieler finden, die unbelastet zum Punkt gehen und diesen Schuss ausführen. Und es ist natürlich immer gut, wenn einer antritt, der unbelasteter ist, als wenn man selbst einmal und gerade erst kurz zuvor verschossen hat", spielte Kroos später auf seinen Fehlschuss vom Punkt im Halbfinale gegen Real Madrid an und gab somit den Versuch einer Erklärung für seinen Verzicht ab.

Hohes Anspruchsdenken

Der 23-Jährige hat ein hohes Anspruchsdenken an sich selbst, was in einem gleichsam hohen Selbstvertrauen in die eigene Stärke resultiert. Da passte es nicht ins eigene Bild, dass Bundestrainer Joachim Löw ihn bei der Europameisterschaft 2012 als Edel-Reservist auf der Bank schmoren ließ. "Befriedigend ist das alles nicht. Gerade nach der Saison, die ich gespielt habe, ist es doch logisch, dass ich spielen will", moserte der begnadete Rechtsfuß während der Endrunde in einem "tz"-Interview.

Löw reagierte überraschend und schickte den Mittelfeldspieler im Halbfinale gegen Italien aufs Feld - undankbarerweise auf die für ihn ungewohnte Rechtsaußen-Position, mit der Aufgabe, nach innen zu rücken, um Pirlo zu stören. Kroos konnte diesen taktischen Löw-Fehler nicht ausbügeln und ging mit seinen zehn Mannschaftskollegen gegen die "Squadra Azzurra" unter.

Große Mittelfeld-Konkurrenz

Die Scharte dieser bitteren Niederlage kann er zusammen mit seinen Kollegen aus dem DFB-Team in den kommenden Jahren noch auswetzen. Um dies als Stammkraft bei der deutschen Nationalmannschaft zu schaffen, muss er den nächsten Schritt gehen, um eine Chance zu besitzen, mit der herausragenden Mittelfeld-Konkurrenz um Mesut Özil, Marco Reus, Mario Götze und Co. mitzuhalten.

Das Talent, das ist zweifelsohne vorhanden. Was fehlt, ist der Mut zur Verantwortung.

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