Bundesliga - Kein Bock auf Sündenbock

2012 hätte das Jahr des Christian Nerlinger werden können. Doch im Sommer wendete sich das Blatt. Ein einziges Spiel, meint der der 39-Jährige in seinem ersten Interview nach dem Rauswurf, gab die negative Initialzündung. "Im Endeffekt wusste ich in dem Moment, als wir das Champions-League-Finale gegen Chelsea verloren haben, dass es für mich vorbei ist", erklärt Nerlinger in der "Sport Bild".

Erschwerend wirkte sich die zunehmende Dominanz des BVB in der Liga aus.

Titellosigkeit, so Nerlinger, führe beim notorischen Anspruchsdenken des FC Bayern nun mal zwangsläufig zu personellen Veränderungen.

Zumal Präsident Uli Hoeneß später selbst erklärte, er habe einfach das Gefühl gehabt, "dass der Christian das nicht schafft."

Hitzfeld, Magath, Klinsmann, van Gaal und nun Heynckes: "Diesmal traf es eben den Sportdirektor", stellt Nerlinger dazu nüchtern fest.

Mangel an Charisma und Wortgewalt

Groll hegt er gegen die Bayern allerdings nicht, obwohl das entscheidende Gespräch mit Hoeneß "emotionslos und sachlich" verlaufen sei. Nerlinger hat mit dem Kapitel abgeschlossen, der FC Bayern "ist für mich nun Geschichte".

Und dennoch muss er auch in der Nachbetrachtung sein Licht nicht gänzlich unter den Scheffel stellen. Auch wenn es genau das war, was man ihm letztlich mitunter ebenso zum Vorwurf gemacht hatte: diese Unaufgeregtheit im stets aufgeregten Münchner Medien-Dschungel, einen Mangel an Charisma und Wortgewalt.

Nach Spielen in der Allianz-Arena kam es schon mal vor, dass Nerlinger vor einer riesigen Traube aus Journalisten sachliche Antworten gab, ehe sich diese Traube in einem einzigen Wimpernschlag urplötzlich in Luft auflöste, weil auf der Gegenseite Uli Hoeneß in kräftigen Schritten dem Ausgang zustrebte. Ein Sinnbild: der Christian im Schatten des großen Ziehvaters.

Nerlinger spürte das, ändern wollte er sich aber bewusst nicht: "Ich habe immer versucht authentisch zu bleiben." Und darin hatte er durchaus auch Erfolg.

Nerlingers Neue schlagen ein

Dante, Xherdan Shaqiri und Mario Mandzukic, an allen Transfers war er noch direkt beteiligt – alle schlugen ein.

Ebenso Javier Martinez, bei dem bis heute lediglich die Verhältnismäßigkeit der enormen Ablöse hinterfragt werden muss. Doch das Aushandeln der 40 Millionen, betont Nerlinger, "geschah nach meiner Zeit."

Das fiel bereits in die Amtszeit von Matthias Sammer, der nach Meinung Nerlingers durchaus ein bestelltes Feld vorfinden konnte: "Wir haben eine Mannschaft entwickelt, die den Anspruch und die Qualität hat, dauerhaft auf internationalem Top-Niveau mitzuspielen. So lautet meine Analyse", antwortet Nerlinger als Fazit seines Wirkens. "Ich fühle mich daher auch nicht als Sündebock."

Nach der Entlassung hatte Nerlinger neue Kraft gesammelt, in der Familie und Abseits des Fußballs. Das wird sich bald ändern, obwohl er die Kelche aus Hoffenheim und Wolfsburg zuletzt an sich vorrüberziehen ließ.

Aber wenn die Zeit reif ist und auch der Ort passt, dann, so Nerlinger, "werde ich sicherlich wieder angreifen."

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