Bundesliga - Heldt: "Muss mit der Wut zurechtkommen"

Nach der Niederlage gegen Fürth ließen die Fans ihrer Wut freien Lauf, Jens Keller steht mehr und mehr in der Kritik und als nächster Gegner wartet der FC Bayern München. Im Exklusiv-Interview spricht Schalke-Manager Horst Heldt über das "Tal", das Schalke momentan durchschreitet, die kommenden Aufgaben in der Liga sowie der Champions League und Timo Hildebrand.

Das Interview führte Frederic Jouon

Herr Heldt, wie kann es sein, dass die Mannschaft immer wieder aus der Bahn geworfen wird, wenn von den Fans ins Spiel eingegriffen wird?

Horst Heldt: Erst einmal muss man sagen, dass die Fans im Stadion die Mannschaft exzellent unterstützt haben. Dass das Spiel dann so einen Verlauf genommen hat und dass dann auch die Unruhe gekommen ist, das ist selbstverständlich und das ist auch in Ordnung so. Das muss man als Verantwortlicher und auch als Spieler aushalten.

Wie sehen Sie die Rolle von Jens Keller im Umfeld mit den Fans? Von außen hat man den Eindruck, als hätte er von Anfang an nicht die richtige Akzeptanz gehabt...

Heldt: Wenn du gegen den Tabellenletzten verlierst, dann kommt natürlich auch in diese Richtung eine gewisse Wut. Es ist sehr schade, dass Jens in dieser Hinsicht keine Akzeptanz bekommen hat. Bis zum Spiel gegen Greuther Fürth haben die Fans das sehr neutral bewertet und haben ihm schon die Möglichkeit gegeben, zu arbeiten. Dass mit dieser Niederlage die Wut bei mir, der Mannschaft und auch bei ihm angekommen ist, das ist eine Situation, mit der man zurechtkommen muss. Dass er von Teilen der Öffentlichkeit keine Chance bekommen hat, ist schade, weil er ein junger deutscher Trainer ist, dem man eigentlich eine Chance geben müsste. Nachvollziehbar ist das für mich nicht, aber so ist die Situation momentan nun einmal.

Würde es, wenn man nun gegen den FC Bayern gewinnt, diesen Schub geben, dass viele sagen, dass Keller doch der Richtige ist?

Heldt: Natürlich ist die Mannschaft in der Pflicht, schnellstmöglich wieder bessere Ergebnisse zu erzielen. Jetzt treffen wir auf eine Mannschaft, die mit zu den besten Europas gehört. Wir treffen auf einen sehr fokussierten, zielorientierten und starken FC Bayern und das ist eine Ausgangssituation, die schwer ist, vor allem mit dem Hintergrund, zuvor gegen den Tabellenletzten verloren zu haben. Es ist aber auch eine Chance, weil keiner mehr einen Pfifferling auf uns setzt. Wenn man keine Chance hat, dann hat man sowieso nichts mehr zu verlieren.

Bleibt das Erreichen der Champions League weiterhin das Ziel?

Heldt: Wir haben das bereits am Samstag schon anders formuliert. Natürlich waren die drei Punkte komplett eingeplant, und dann wären wir auf den Tabellenvierten weiterhin nur vier Zähler weg gewesen. Jetzt ist die Situation eine andere und zudem spielen wir als nächstes gegen den FC Bayern, deswegen ist es jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, über Saisonziele, sprich die Champions League, zu sprechen. Wir müssen sehen, dass wir kurzfristig wieder in die Erfolgsspur kommen.

Für den Fall, dass man nicht wieder kurzfristig in die Erfolgsspur zurückkommt: Gilt die Aussage dann immer noch, dass Jens Keller bis zum Ende der Saison Trainer bleiben wird?

Heldt: Wir werden mit Jens auf jeden Fall bis zum Saisonende arbeiten. Das haben wir uns bis dahin fest vorgenommen, das auch öffentlich so ganz klar erklärt und an dieser Situation wird sich auch nichts ändern.

Wie sind Ihre ersten Eindrücke von Neuzugang Michel Bastos?

Heldt: Er hat sich recht schnell und gut eingelebt. Den Vorteil, den wir da hatten, ist der, dass er in Frankreich kaum Pause hatte, das heißt, er ist voll im Saft. Mit seiner Erfahrung und seiner Qualität war es für ihn natürlich auch nicht schwer, sich schnell zurechtzufinden. Er ist von der Mannschaft gut aufgenommen worden. Er hat ein gutes Debüt gehabt, leider nicht mit einem Happy-End.

Wie kam es zu der eher außergwöhnlichen Ausleihzeit von eineinhalb Jahren?

Heldt: In Frankreich ist die Situation etwas komplizierter, da Lyon finanziell sehr angeschlagen ist. Die Politik hat zudem festgelegt, dass zukünftig hohe Gehälter einen anderen Steuersatz bekommen - das wirft dann auch Vereine ganz schnell aus der Bahn. Sie sind traurig, dass sie die Qualität des Spielers verloren haben, aber auf der anderen Seite haben sie keine Wahl gehabt, weil sie finanziell so angeschlagen sind, dass sie Spieler verkaufen mussten.

Bei Raffael war die Situation anders - er hat bei Kiew weniger gespielt. Wann ist er soweit, dass er der Mannschaft über 90 Minuten helfen kann?

Heldt: Ich glaube, dass das nicht mehr lange dauern wird. Für ihn ist es wichtig, dass er die Ruhe behält, sich konzentriert und dann wird er in den nächsten Wochen sicherlich auch mehr Spielzeit bekommen. Er steht natürlich auch in Konkurrenz mit anderen Spielern, muss sich mit diesen messen und dann hoffe ich, dass er uns noch helfen kann.

Lewis Holtby hat den Verein verlassen und ist jetzt bei Tottenham - wie sehr schmerzt das, so einen jungen Spieler mit so einer großen Perspektive zu verlieren?

Heldt: Wir haben eineinhalb Jahre vor seinem Vertragsende versucht, mit ihm zu verlängern. Es gilt es immer zu respektieren, dass sich Spieler, wenn deren Verträge auslaufen, frei entscheiden können. Es ist schade, weil wir den Vertrag verlängern wollten. Wir haben mit Lewis viele gute Spiele gemacht, wir haben aber auch vor der Winterpause mit Lewis viele schlechte Spiele gemacht.

In der Champions League geht es als nächstes gegen Galatasaray, damit auch gegen Sneijder und Drogba...

Heldt: Das war vor den beiden Verpflichtungen ein Duell auf Augenhöhe und das sehen wir nach wie vor so. Galatasaray hat sich in der Gruppenphase durchgesetzt, sie haben viele gute Spiele gemacht, haben eine sehr gute Mannschaft und sind aktuell Tabellenführer in der Türkei. Sicherlich ist in zwei Spielen, sowohl für sie als auch für uns vieles möglich. Ein Duell auf Augenhöhe, wie ich es definiere, beinhaltet auch, dass wir unsere berechtigte Chance haben, gegen Galatasaray zu gewinnen. Das wird nicht einfach, vor allem nicht in Istanbul mit dieser Stimmung im Stadion, da müssen wir uns gut vorbereiten, aber natürlich hat man in jedem Spiel seine Chance, es positiv zu gestalten. Das haben wir in der Champions League auch oftmals bewiesen, da müssen wir uns nicht schlechter machen als der Gegner, aber es ist ein Gegner, dem man Respekt zollen muss.

Ist an den Gerüchten etwas dran gewesen, dass Sie Wesley Sneijder verpflichten wollten?

Heldt: Wir haben keinen Kontakt mit ihm gehabt, weil wir nicht in der Lage gewesen wären, das finanziell zu stemmen. Wir kennen ihn von der Nationalmannschaft, er ist ein exzellenter Fußballer. Das letzte Mal, dass wir ihn live gesehen haben, war, als wir in der Champions League gegen Inter Mailand gespielt haben, und da haben wir beide Partien gewonnen. Er ist sicherlich ein Spieler mit herausragenden Qualitäten, aber wir haben damals halt auch im direkten Duell gegen ihn gewonnen. Er ist jemand, vor dem man immer aufpassen muss, aber jetzt auch keiner, vor dem wir in Angst erstarren.

Hat Sie das überrascht, welche Wucht die Krise auf Schalke aufgenommen hat?

Heldt: Die Gewaltigkeit ist schon extrem, aber es ist ein großer Verein, mit dem viele Leute sympathisieren. Wir haben die zweitgrößte Mitgliederzahl in Deutschland und je mehr Leute sich mit dem Verein identifizieren, desto mehr Leute beschäftigen sich mit diesem und denken jeden Tag an Schalke. Es bleibt das gute Recht eines jeden Fans, seine Enttäuschung zu äußern. Es ist ein großes Gut, dass der Verein mit den Fans eine große Kraft hat, gleichzeitig kann das aber auch in vielerlei Hinsicht ein Problem sein, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt.

Timo Hildebrand zeigte gegen Fürth super Paraden. Es ist schade, dass das so ein wenig untergeht, dass auf dieser Position wieder Ruhe eingekehrt ist, oder?

Heldt: Das ist schade. Timo hat im ersten Spiel gegen Hannover vier Torschüsse aufs Tor bekommen und alle vier waren drin. Dann hat er schon in Augsburg eine sehr gute Leistung gezeigt und auch wiederholt gegen Fürth. Das geht dann genauso unter wie die Leistung von Michel Bastos, wenn man insgesamt kein gutes Ergebnis erzielt.

Wie ist er mit den schwierigen Zeiten umgegangen?

Heldt: Er hat in seiner persönlichen Karriere einen Höllenritt durchmachen müssen. Das, was er als Profi erfahren musste, wünscht man keinem. Das hat ihn aber mit Sicherheit sowohl im privaten als auch im beruflichen weitergebracht. Manchmal hilft das auch, um gewisse Sachen richtig einzuordnen. Ich denke, dass es uns auch so gehen wird - nach einem Tal kommen auch wieder die Höhen. Das hat Timo persönlich erlebt und deswegen geht es ihm jetzt viel besser und er ist jetzt auch wieder in der Lage, gute Leistungen zu bringen.

Und bleibt hoffentlich auch lange die Nummer eins auf Schalke...

Heldt: Er wird immer in einer Konkurrenzsituation stehen, wie jeder Spieler bei uns, aber er kann es am ehesten beeinflussen, indem er gute Leistungen bringt.

VIDEO: Das ganze Interview mit Horst Heldt

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