Bundesliga - Braune Gefahr im Schatten der Moralpanik

Die Sicherheitsdebatte im deutschen Fußball überdeckt eine tatsächliche Gefahr in den Fankurven: rechtsradikales Gedankengut. Im Interview der Woche von Eurosport spricht Gerd Dembowski über die akute Problematik. Der renommierte Fan-Forscher arbeitet für die Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit (KoFaS) am Institut für Sportwissenschaft der Universität Hannover.

Herr Dembowski, seit Wochen kämpfen antirassistische Ultras in Aachen und Braunschweig gegen rechte Übergriffe, in Dortmund gibt es offen rechte Strukturen innerhalb der Fanszene, auch Ordner sollen Kontakte ins rechtsradikale Milieu haben. In Duisburg gab es Hitlergrüße und Nazi-Parolen. Einige deutsche Fanszenen sind rechtsoffen oder nachweislich rechts orientiert. Sind das nur eine ganze Menge Einzelfälle, oder spiegelt die Fankurve auch hier das Vordringen rechter Strukturen in der Gesellschaft wider?

Gerd Dembowski: Es ist ein Brennglas, bildet also die gesellschaftlichen Geschehnisse in verdichteter Weise ab. Es gibt ein Gebräu aus aggressiv ausgelegten Gruppenfeindschaften, Männlichkeitsritualen, Autoritarismus, Überlegenheitsdenken und Sozialdarwinismus. Daraus kann Neonazismus entstehen. Einerseits wachsen junge Menschen aus einer Fankultur in diese Strukturen hinein. Andererseits entstehen zum Teil personelle Schnittstellen zu neonazistischen Gruppierungen oder Rekrutierungsversuche von außen. Das erleben wir gerade wieder. Neonazistische Botschaften sind im Fußball ebenso latent vorhanden wie auch in der Gesellschaft.

Wieso ist rechtes Gedankengut in Fankurven gerade jetzt wieder auf dem Vormarsch?

Dembowski: Diese Botschaften waren nie weg, weil das Gebräu immer da ist. Fußball hat sich als Kommunikationsort für so etwas leider historisch etabliert. Das funktioniert besonders in Zeiten einer allgemeinen sozialen Entsicherung. Gerade jetzt verschärft es sich mitunter noch wegen einer Enttäuschung durch die Sicherheitsdebatte. Viele Fans fühlen sich zu wenig beachtet und in Dialoge eingebunden. Die kommerzialisierten Vereine lieferten in den letzten 15 Jahren eher weniger Identitätsangebote. Das befördert die Möglichkeit, dass Leute mit einfachen Lösungen wieder Oberwasser in den Fankurven bekommen. Und zu den einfachen Lösungen zählen eben auch neonazistische Einflüsse.

In Aachen darf die rechte "Karlsbande" nahezu ungehindert Jagd auf die Aachen Ultras machen, es kam zu Überfällen, zu sogenannten "Hausbesuchen" und schwerer Körperverletzung. In Braunschweig schlägt der linken Ultra-Gruppe UB01 im Stadion und in der Stadt ebenso nur Hass entgegen, rechte Kader werden in der Kurve hingegen toleriert. Nur zwei Beispiele einer offenkundigen Tendenz. Wieso gibt es über diese gefährliche Entwicklung keine öffentliche Diskussion?

Dembowski: Es wird ja darüber berichtet. Wichtige Medien haben es thematisiert, was in Duisburg, Aachen, Dortmund und Braunschweig gerade los ist, oder auch in Cottbus oder Leipzig. Diese Probleme gibt es im Osten wie im Westen. Was wir in Aachen, Braunschweig und zum Teil auch in Dortmund und anderswo jetzt verstärkt erleben, sind eigene Fans, die das direkt offenlegen. Diese neuen Gruppen haben sich abgespalten und zeigen, dass sie auf dieses rechte Gebräu keine Lust mehr haben. Da wird beispielsweise auch Homophobie und Sexismus vehement angegangen. Das hat zur Folge, dass sich das bedrohlich aneinander hochschaukelt – mit den physisch bedrohlicheren Auswirkungen für die fortschrittlich zivilcouragierten Ultras.

Dadurch wird der Konflikt aber auch erst offensichtlich.

Dembowski: Ja, das führt zum offenen Konflikt, wenn nun kritische Ultra-Gruppen eine etablierte Atmosphäre hinterfragen und die Problematik von Neonazismus ganz offen ansprechen. Diesen Gruppen wird intern dann schnell die Fanlegitimität abgesprochen. Man wirft ihrer Zivilcourage vor, Politik in den Fußball zu tragen, obwohl sie nur mit demokratischen Mindeststandards auf eine vorhandene gesellschaftspolitische Atmosphäre im Fan- und Vereinsumfeld reagieren. Darauf heißt es von vielen Seiten: Wären diese Stänkerer still, dann wäre hier alles okay.

Das scheint gerade in Braunschweig erschreckend gut zu funktionieren.

Dembowski: Das Erschreckende daran ist, dass Vereine oftmals ähnlich reflexartig reagieren, obwohl es zwischen ihnen und rechtsoffenen Fanstrukturen gar keine kausalen Zusammenhänge gibt. Sie reagieren, als seien sie unangenehm berührt davon, dass es endlich Fans gibt, die sich trauen, offen für eine weltoffene, menschenrechtsfreundlichere Atmosphäre im Stadion einzutreten. Das ist eine komische Reaktion, teilweise auch in Teilen der Polizei. Es entsteht der Eindruck eines imaginären Schulterschlusses, der wiederum eine Täter-Opfer-Verkehrung zur Folge haben kann: diejenigen, die Zivilcourage zeigen, sind das Problem. Im letzten Schritt werden sie dann zu Linksextremisten erklärt – auf einer Grundlage, die nicht einmal der von mir kritisierten Extremismustheorie entspricht.

Wie meinen sie das?

Dembowski: Wenn man sich mal anschaut, was diese Ultra-Gruppen in ihren Kodizes fordern, dann liegt das fast wortwörtlich auf der Ebene der Antidiskriminierungsrichtlinien der EU. Auch vom DFB, besonders seit der Ära Zwanziger, gibt es klare Handlungsempfehlungen für solche Fälle. Doch scheinbar kommen diese Empfehlungen nicht immer sendungsgleich bei den Vereinen an.

Manche Vereine scheinen es sich also etwas einfach zu machen, nach dem Motto: "Es kann nicht sein, was nicht sein darf?"

Dembowski: Absolut. Symbolpolitische Aktionen von Vereinen sind unterstützend, können aber keine entscheidende Säule sein. Hier hat der DFB mal ein kaum beachtetes Gütesiegel entwickelt, bei dem es darum geht, die Vereinshaltung zu Antidiskriminierung zu verlebendigen. Und schauen wir auf die sozialpädagogischen Fanprojekte, dann können die meisten die Richtlinie von drei Vollzeitkräften und einer Verwaltungskraft wegen fehlender Finanzkraft nicht erfüllen. Hier spiegelt sich auch ein genereller gesellschaftlicher Abbau von Jugendarbeit. Es sind also nicht nur die Vereine, sondern auch die Länder und Kommunen, die hier mehr tun könnten.

Man hat das Gefühl, dass die Hysterie rund um die Pyro- und Sicherheitsdebatte den Blick auf dieses tatsächlich ernsthafte Problem völlig verstellt hat.

Dembowski: Auf jeden Fall! Das sieht man ja schon allein daran, wenn man sich das Sicherheitskonzept der DFL mal anschaut. Neonazismus und Rassismus sind eine Fußnote. Schlimmer noch, sie werden sogar mit Gewalt und Pyro vermischt. Darüber hinaus gibt es dazu keine weiteren Ausführungen. Dabei müsste es in so einem Konzept zu diesem Thema mindestens drei separate Folien geben, die endlich Vorschläge zur besseren flächendeckenden Umsetzung von vorliegenden Handlungsempfehlungen macht. Die gibt es aber nicht und das ist erschütternd.

Bis in die 90er-Jahre hinein dominierte rechtes und rechtsradikales Gedankengut in den Fankurven deutscher Stadien. Mit dem Aufkommen der Ultra-Bewegung hat sich das sukzessive geändert. Nun steht Ultrà im Kreuzfeuer der Kritik, Kurven werden durch Stadionverbote ausgedünnt. Das könnte der rechten Szene wieder Türen öffnen.

Dembowski: Klar, was Sie sagen trifft ja auf viele Ultra-Gruppe zu. Durch das Bündnis aktiver Fußball-Fans (BAFF) gab es ja bereits seit 1993 entscheidende Anstöße. Die wurden dann indirekt von vielen Ultras aufgegriffen und zu einer fragilen antirassistischen Haltung aufgebaut. Das gerät nun völlig in den Hintergrund. Generell gerät das soziale Engagement dieser Fanbewegung völlig in den Hintergrund.

Wie lässt sich das ändern?

Dembowski: Ich arbeite langfristig daran, Handlungsempfehlungen für Vereine und Medienvertreter auszuarbeiten. Die könnten greifen, wenn wieder so eine mediale Moralpanik wie zuletzt ausbricht. Die Vereine und auch die DFL könnten optimieren, wie man sich da sinnvoll und zielführend verhält. Eben nicht, wie Polizeigewerkschafter Rainer Wendt, der immer nur Öl ins Feuer gießt. Wenn man auf so etwas unnötigerweise einsteigt, dann schaukelt sich alles hoch. Hier fehlt es an Politikberatung für Vereine, Verbände, aber auch für Lokalpolitiker. Bei Vereinen, DFL und DFB hat das allerdings mehr Aussicht auf Erfolg als bei Politikern, die sich im schlimmsten Fall auch noch im Wahlkampf befinden. Dahinter steht eine bürgerliche Idee von absoluter Sicherheit, die es aber so nie geben wird.

"Politik raus aus der Kurve" ist ein bekannter Slogan. Nach meinen Erfahrungen wird er vor allem von Gruppen proklamiert, die entweder offenkundig rechts sind oder rechte Strukturen zumindest tolerieren. Wie sind hier Ihre Erfahrungen? Und kann eine Fankurve als sozialer Raum überhaupt apolitisch sein?

Dembowski: Apolitisch kann er nie sein, weil die Kurve in einem gesellschaftlichen Raum verortet ist und man seine Meinung nie ganz am Eingang abgeben kann. Mir hat ein Neonazi im Interview mal erklärt: "Wenn ich in die Kurve gehe, dann schaue ich immer erst mal nach dem kleinsten gemeinsamen Diskriminierungsnenner."

Er geht subtil vor.

Dembowski: Ja, er brüllt da nicht gleich rum oder malt Hakenkreuze, denn dann kann er sich auch gleich freiwillig verhaften lassen. Er schaut erst mal in Ruhe, wo er einsteigen kann. Und wenn beispielsweise ein bekannter NPD-Mann in der Kurve auftaucht, dann ist allein seine Anwesenheit schon die ausreichende Botschaft. Und die dann folgende Akzeptanz der vielen anderen, ist eigentlich das größere Problem als die 40 bis 100 organisierten Neonazis. Denn die wird es immer geben. Und mit ihnen befassen sich staatliche Organe, Sozialpädagogen, bürgerliche Demonstrationen und die Antifa. Die Gesellschaft macht es sich aber immer einfach, auf die 40 bis 100 Leute zu zeigen und nicht auf die große Masse, die mit ihrem Überlegenheits- und Männlichkeitskonsens diese Leute toleriert, anstatt sich dagegen zu positionieren. Wenn ich aber von Vereinen Handlungsfähigkeit einfordere, dann muss ich das auch von den Fanszenen können. Sie müssen sich in der heutigen Zeit klar positionieren.

Und werden dadurch per se politisch.

Dembowski: Klar. Aber sie reagieren ja auf politische Verhältnisse oder Missstände. BAFF hat sich ja Mitte der 1990er gegründet, weil sich einige Leute dachten: "Also entweder gehe ich aus der Kurve raus und suche mir ein anderes Hobby oder ich versuche hier was zu ändern, weil ich keine Lust auf diese offen rechten Parolen habe." Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass eine vermeintlich unpolitische Haltung da nicht gerade das beste Mittel ist, um gegenzusteuern. In manchen Gruppen kann das ein erster Schritt sein, weil die Kurve schon so extrem rechts ist, dass man mit jeder anderen Haltung als linksextrem eingestuft wird. In Rostock war das ja so. Dort machten mir einige Ultras glaubwürdig klar, dass sie sich nicht voll gegen die Stimmung richten könnten, weil man sie dann umgehend weghauen würde. Das war dort eben die Realität.

Dann heiligt der Zweck die pragmatischen Mittel, um überhaupt noch an die Leute ranzukommen?

Dembowski: Genau. Allerdings besteht bei der unpolitischen Herangehensweise die Gefahr, dass sich gerade junge Menschen dann doch in der rechten Fanszene verlieren. Hier stehen aber dann die Fanprojekte in der Verantwortung, aber auch Fanforscher wie Jonas Gabler und ich, die von außen kommen und Vereine beraten können.

Das Problem von rechten Einflüssen in deutschen Fankurven ist also keine Paranoia, sondern sollte schnellstens die Hysterie um die Sicherheitsdebatte auf der Agenda ganz oben ablösen.

Dembowski: Unbedingt. Wenn man sieht, dass schon seit längerem in verschiedenen Städten Menschen bedroht werden, weil sie sich für Dinge einsetzen, die in einer gelebten Demokratie fest verankert sind, dann muss auf jeden Fall etwas passieren. Wenn Aachen Ultras nachts zu Hause "besucht" werden, wenn in Braunschweig die UB01 persönlich bedroht werden, Dinge, die auch in Rostock schon passierten und in vielen anderen Städten, dann muss das wieder auf die Agenda, na logisch!

Herr Dembowski, vielen Dank für das Gespräch!

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