Bundesliga - Veh: "Jungfräulichkeit bewahren"

Armin Veh ist in diesen Tagen ein gefragter Mann. Vor dem Duell mit seinem Ex-Klub VfB Stuttgart erklärt der Trainer von Eintracht Frankfurt im Exklusiv-Interview, warum er seinen Vertrag noch nicht verlängert hat. Des Weiteren äußert sich der 51-Jährige über die "Drecksack"-Diskussion, den Führungsspieler 2.0 und das Privileg der Jungfräulichkeit der Überraschungs-Mannschaft aus Hessen.

Das Gespräch führte Thomas Janz

Die deutschen Klubs feiern allesamt Siege in der Champions League. Wie sind insbesondere die Erfolge von Borussia Dortmund und Schalke 04 zu bewerten - als Vormarsch der Bundesliga im internationalen Vergleich oder eher als Momentaufnahme?

Armin Veh: Wir haben aufgeholt. Das konnte man aber schon an den Ergebnissen der letzten Jahre feststellen. Das ist keine Eintagsfliege, die Bundesliga hat an Stärke gewonnen. Im internationalen Vergleich steht die Bundesliga in nichts nach. Ich glaube sogar, sie ist ausgeglichener als andere Ligen.

Haben Sie in Ihren kühnsten Träumen daran gedacht, sich mit Eintracht Frankfurt nach dem achten Bundesliga-Spieltag auf Platz zwei wiederzufinden?

Veh: Ich habe nicht davon geträumt. Auch nach dem achten Spieltag hat sich unsere Zielsetzung nicht geändert. Demnach wollen wir als Aufsteiger die Klasse erhalten.

Das klingt relativ emotionslos.

Veh: Sehen Sie, wir hatten eine achtwöchige, relativ lange Vorbereitung, in der wir ordentlich gearbeitet haben. Auch wenn wir viele neue Spieler geholt haben, war bereits in dieser Phase zu sehen, dass wir ganz gut kicken können, das Niveau passt und wir eine gewisse Schnelligkeit im Spiel haben. Auch die Mentalität in der Mannschaft ist in Ordnung. Das Quäntchen Glück, die Ergebnisse immer richtig zu gestalten, gehört natürlich dazu. Nach dem achten Spieltag ist es schon ein wenig früh Bilanz zu ziehen. Letztendlich haben wir die Punkte bis dato nicht umsonst geholt, sondern auch gut Fußball gespielt. Und dann kann man auch mal weiter oben stehen.

Dieses schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff hat man von einer Elf von Armin Veh in dieser Art bisher noch nicht gesehen. Wer oder was hat Sie beeinflusst oder haben Sie gar Ihre Philosophie geändert?

Veh: Da bin ich anderer Meinung. Ob Reutlingen, Fürth oder Stuttgart, ich würde sogar sagen, diese Spielweise hat man größtenteils von meinen Mannschaften gesehen. Das ist meine Art von Fußball, die ich so mag. Vielleicht nicht gerade in Wolfsburg, weil es nicht ging, oder in Hamburg, weil wir dort einen Altersschnitt von 30 Jahren hatten und auch nicht in Rostock. Nur muss man seine Pläne auch mit dem zur Verfügung stehenden Personal umsetzen können.

In Frankfurt herrscht die Sehnsucht, an die glorreichen Zeiten von Charly Körbel, Uwe Bein und Andreas Möller anzuknüpfen. Ist es jetzt soweit?

Veh: Das wäre definitiv zu früh. Die Mannschaft hat Potenzial. Und wenn wir den Klassenerhalt schaffen, hat sie aufgrund der vielen jungen Spieler die Fähigkeit sich weiter zu verbessern.

Sie haben in einem Interview gesagt: "Wenn es gut läuft, kann man immer verlängern." Es könnte nicht besser laufen. Was hindert Sie daran, einen neuen Vertrag zu unterzeichnen?

Veh: Ich habe aber auch gesagt, dass wir erst einmal etwas schaffen müssen. Nach dieser Devise bin ich auch letzte Saison vorgegangen. Auch da habe ich gesagt, wir sprechen erst dann über eine Vertragsverlängerung, wenn wir aufgestiegen sind. Schließlich kann ich doch nicht vorher über irgendetwas sprechen, was ich noch gar nicht erreicht habe. Ich habe mit dem Präsidium vereinbart, dass wir auch diesmal erst dann darüber reden, wenn wir den Klassenerhalt geschafft haben. Wann immer das auch sein wird.

Hat das Jahr in der 2. Bundesliga dem Projekt Eintracht Frankfurt am Ende sogar gut getan?

Veh: Ja, glaube ich schon. Schließlich war die 2. Liga für die Eintracht nicht ganz einfach, weil keiner damit gerechnet hatte. Meiner Meinung nach war es gut, sich wieder neu zu gestalten. Wenn man bedenkt, welche Spieler vor eineinhalb Jahren in Frankfurt waren und wer jetzt für die Eintracht kickt, dann kann man schon von einem großen Umbruch sprechen. Manchmal schlägt das Negative ins Positive um - und das scheint in unserem Fall passiert zu sein.

Bundestrainer Joachim Löw sagte unlängst: "Es gibt keine Stammspieler mehr." Wie beurteilt ein Trainer diese Aussage, der seine Mannschaft im Gegensatz zu Jupp Heynckes oder Löw allwöchentlich nur partiell ändern kann, ohne ihr die Stärke zu nehmen?

Veh: Als Trainer von Bayern München oder der deutschen Nationalmannschaft ist man tatsächlich in der Luxussituation öfter wechseln zu können. Andererseits, wenn Manuel Neuer und Philipp Lahm keine Stammspieler sind, dann weiß ich auch nicht. Stammspieler gibt es natürlich immer, auch bei uns. Aber ich verstehe auch den Hintergrund dieser Aussage: Löw möchte seinen Leuten damit sagen, dass alle wichtig sind. Und weil er immer wieder durchwechselt, ist das der Sinn dahinter.

Immer wieder kommt auch die Führungsspielerdiskussion auf. Hand aufs Herz: Wären Sie mit dem VfB Stuttgart ohne Führungsspieler Meister geworden?

Veh: Die Aussage, man würde in jeder Mannschaft einen "Drecksack" brauchen, kann ich gar nicht nachvollziehen. Nehmen wir ruhig das Beispiel Stefan Effenberg, der mit seinem ganzen Auftreten, seiner Körperhaltung und Zweikampfstärke eine Mannschaft geführt hat, der war aber nie ein "Drecksack". Man muss unterscheiden zwischen einem, der die Führungsrolle als Typ übernehmen kann, oder einem, der sich durch seine besonderen Fähigkeiten im Spiel hervor tut. Von daher wird es immer Führungsspieler geben. Aber insgesamt ist die Debatte für mich langweilig, weil sie immer nur dann aufkommt, wenn es nicht läuft.

Leader wie Effenberg, Oliver Kahn und Lothar Matthäus sind Geschichte. Wie führt der moderne Führungsspieler eine Mannschaft?

Veh: Das ist eine andere Generation, die anders aufgewachsen ist und dementsprechend sind die Jungs auch andere Sportler. Es verändert sich schließlich alles in unserem Leben. Früher mussten die Kinder mit acht Jahren selbst mit der Straßenbahn zum Training fahren. Heute werden sie gefahren. Man darf aber auch nicht immer nur nach dem schreien, was früher war. Natürlich gibt es welche, die mit ihrer Leistung vorangehen. Aber insgesamt basiert der Erfolg mehr auf Teamwork.

Sebastian Rode flirtet via "Sport-Bild" mit Borussia Dortmund. Nervt das?

Veh: Sebastian hat nicht geflirtet, sondern erzählt, dass er in BVB-Bettwäsche geschlafen hat. Und wenn das so war, kann er es doch sagen. Ebenso, dass ihm das Interesse vonseiten der Dortmunder schmeichelt. Man muss doch aus seinem Herzen keine Wörtergrube machen. Angenommen das ZDF würde Ihnen die Moderation von "Wetten dass…" anbieten, das würde Ihnen doch schmeicheln?

Ich muss gestehen, das würde es.

Veh: Sehen Sie, und das ist doch okay.

Wen machen Sie als nächstes zum Nationalspieler?

Veh: Ich glaube, dass wir mit "Sebi" Jung und "Seppl" Rode Talente in unseren Reihen haben, die das Zeug dazu haben (lacht). Auch wenn die beiden starke Konkurrenz auf ihren Positionen haben. Aber im Endeffekt machen sich die Jungs immer selbst zum Nationalspieler.

Am kommenden Sonntag sind Sie zu Gast bei Ihrem Ex-Klub VfB Stuttgart. Ist das ein besonderes Spiel für Sie?

Veh: Natürlich ist das ein besonderes Spiel, weil ich in Stuttgart vor allem im Meisterjahr sehr viele Emotionen erlebt habe. Es steckt einfach in mir drin, damals bei der Meisterfeier viereinhalb Stunden für acht Kilometer gebraucht zu haben. Daran erinnere ich mich sehr gerne.

Wie muss die Eintracht beim VfB auftreten, um die Erfolgsserie fortzusetzen?

Veh: Wir müssen unser Spiel wieder so gestalten, dass wir uns Torchancen herausspielen und hinten gut stehen. Meine Prämisse ist, auswärts so aufzutreten wie zu Hause. Wenn wir das durchdrücken, haben wir auch eine Chance. Eines darf man aber nicht vergessen: Wir sind Aufsteiger! Dieses Privileg und diese Jungfräulichkeit möchte ich mir bewahren. Wir sind also nicht der Favorit, nur weil der VfB ein paar Punkte weniger auf dem Konto hat als wir.

TV-Tipp: Die schönsten Tore, die heißesten Duelle sowie Einschätzungen von Trainern und Spielern. Eurosport berichtet wöchentlich über die aktuellen Qualifikationsspiele in Europa und Asien für die Fußball-WM 2014 in Brasilien.

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