Afrika-Cup - Korruption + Chaos = Kongo

Michél Mazingu-Dinzey nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Situation des Fußballs in der Demokratischen Republik Kongo geht. Im Exklusiv-Interview mit www.eurosport.yahoo.de prangert er die allgegenwärtige Korruption an und fordert die Absetzung des nationalen Fußballverbandes. Überdies berichtet er über die Abenteuer, die er während seiner Zeit als Spieler und Trainer erlebt hat.

Michél Mazingu-Dinzey spielte früher in der Bundesliga für Stuttgart, St. Pauli, Hertha und 1860 München. Von 1996 bis 2004 lief er zudem für die Demokratische Republik Kongo auf, für die er an drei Afrika-Cups teilnahm. Dinzey, heute 40 Jahre alt, engagiert sich für verschiedene soziale Projekte und war zuletzt als Fußball-Trainer in der Nähe von Hamburg tätig. Autor und Ex-Fußballprofi Lutz Pfannenstiel, 39, begleitet den Afrika-Cup in Südafrika als Experte für die "BBC". Für den Bundesligisten Hoffenheim ist er als Scout unterwegs.

Die Demokratische Republik Kongo hatte einen guten Auftakt gegen den Mitfavoriten Ghana. Überrascht?

Dinzey: Nein, absolut nicht. Dieser Kader hat nicht nur Qualität, sondern auch Moral. Wenn man einen 0:2-Rückstand gegen eine der besten Mannschaften Afrikas aufholen kann, dann zeugt das vom Charakter dieser Mannschaft. Wenn wir dieses Niveau halten können, dann wird es schwer, uns zu schlagen.

Es gab aber auch Schwächen zu sehen.

Dinzey: Wir haben zwei- bis dreimal die Konzentration und leichtfertig den Ball im Mittelfeld verloren, was Ghana prompt zu Chancen nutzte. Wir müssen in der Abwehr konzentrierter arbeiten und enger am Mann stehen, das hat man ganz deutlich bei den beiden Gegentoren gesehen.

Und was war gut?

Dinzey: Der Ball lief gut, das Pressing auch. Unsere beiden Stürmer haben gut gegen den Ball gearbeitet und viel Drecksarbeit verrichtet. Aber unsere große Stärke ist die individuelle Klasse einiger Spieler wie Trésor Mputu, Dieumerci Mbokani und Cedric Makiadi.

Die Demokratische Republik Kongo ist ein schlafender Riese im afrikanischen Fußball. Wie erklären Sie sich das?

Dinzey: Das Land ist riesengroß, in manchen Regionen wird zwar nicht das Optimale für den Fußball rausgeholt, aber dennoch gibt es sehr positive Ergebnisse. Verantwortliche gehen leider nicht gemeinsam den Weg des Erfolgs, jeder sieht sich da in erster Linie selbst, und deshalb gibt es sehr oft Irritationen zwischen Funktionären, Spielern und des Verbands.

Irritationen ist noch harmlos ausgedrückt. Es wurde und wird viel über Korruption gesprochen.

Dinzey: Es ist das größte Problem des Landes, alles, was passiert, geschieht über Korruption. Verbandsbosse wollen sich alles bezahlen lassen, und das spiegelt sich dann auch in den Vereinen wider. Zudem lässt die Organisation immer wieder zu wünschen übrig. Leider fehlt es an Qualität, um solche Probleme zu lösen.

Kann man in einem durch Bürgerkrieg gebeuteltem Land im Fußball überhaupt Erfolg haben?

Dinzey: Ja. Der Fußballklub TP Mazembe ist das Aushängeschild des Landes, die Führung um Vereinspräsident Moïse Katumbi Chapwe, der in der Politik in der Stadt Lubumbashi sehr viel zu sagen hat, richtet alles nach dem Fußball aus. Aber auch Vereine wie St. Eloi Lupopo, AS Vita Club und Don Bosco zeigen in der Champions League und in der Meisterschaft sehr gute Leistungen, trotz der Probleme im Land.

Komischerweise hat das Land mit TP Mazembe den absoluten Topverein Afrikas. Wie kommt das?

Dinzey: Dieses Phänomen hat mit dem Präsidenten Moïse Katumbi Chapwe zu tun, der alles dafür tut: neues Stadion, Top-Spieler und komischerweise auch gute Organisation. Der Verein ist das Aushängeschild des Landes.

Sie waren mal Co-Trainer bei St. Eloi Lupopo. Was für Erfahrungen haben Sie gemacht?

Dinzey: Das würde den Rahmen des Interviews sprengen, aber eines ist klar: Respekt, Pünktlichkeit und Professionalität stehen bei mir ganz oben. Ich bin in Deutschland geboren, diese Tugenden sind die Basis des Erfolgs. Damit können viele im Kongo nichts anfangen, deshalb tat man sich anfangs sehr schwer. Aber mein Ex-Verein St. Eloi Lupopo und die Spieler haben es schnell begriffen, was ihnen abverlangt wird. Und das hat sich bewährt. Wir haben die Champions League erreicht und sind sogar vor dem Überverein TP Mazembe Regionalmeister geworden.

Denken Sie, die Demokratische Republik Kongo kann beim Afrika-Cup ein Wörtchen mitreden?

Dinzey: Ich will mich da nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Nach dem dritten Platz beim Afrika-Cup in Burkina Faso war sich das ganze Land sicher, dass es nur noch aufwärts gehen würde. Was danach passiert ist, war sehr enttäuschend für alle. Ich habe ein gutes Gefühl, wenn es nicht wieder diese Probleme mit dem Verband geben würde.

Nationaltrainer Claude Le Roy wollte wegen ausstehender Prämienzahlung zurücktreten. Warum löst man solche Probleme nicht vorher?

Dinzey: Ich habe es oft erlebt, dass der Verband um Präsident Constant Omari diese Situation schamlos ausnutzt und die Gelder, die vom Weltfußballverband FIFA und vom Afrikanischen Fußballverband CAF kommen, nicht in die Mannschaft investiert werden. Da haben wir wieder das Problem mit der Korruption, sie wollen das unter einigen Herrschaften aufteilen und sagen dann, dass es kein Geld für die Mannschaft gibt. Besonders in Südafrika 1996 und Tunesien 2004 war es extrem. Bei beiden Turnieren sind die Trainer einfach gegangen und wir Spieler standen dann ohne sportliche Führung wie Deppen da. Dieser Verband ist längst nicht mehr tragbar und muss abgesetzt werden. Es ist das gute Recht von Trainer Claude Le Roy, für die Spieler zu kämpfen, allerdings ist der Zeitpunkt sehr ungünstig. Die Mentalität bei den Afrikanern ist halt anders: kein Geld, keine Motivation, schlechtes Turnier.

Was muss anders werden?

Dinzey: Es muss ein großer Schnitt gemacht werden. Man sollte den kompletten Verband neu besetzen und zwar mit Ex-Nationalspielern, die sich für unser Land mit ganzem Herzen eingesetzt haben. Nur so kann man diese Probleme lösen.

Sie haben an drei Afrika-Cups teilgenommen und das Land bei einer Vielzahl von Qualifikationsspielen repräsentiert. Was für Abenteuer haben Sie dabei noch erlebt?

Dinzey: Allein die Vorbereitung für den Afrika-Cup in Ghana und Nigeria 2000 war sehr abenteuerlich. Wir waren zwei Monate in einem Hotel in Mali ohne Klimaanlage. Ich kann nicht mal sagen, ob es ein Hotel war oder einfach nur ein Objekt, das gerade unbewohnt war. Es war so gut wie kein Licht im Zimmer und die Hitze war fürchterlich. Es war die unmenschlichste Vorbereitung, die ich je mitgemacht habe. Da der Verband sich die Gelder wieder untereinander aufgeteilt hatte, mussten wir mit einem Minibus von Mali nach Ghana fahren. 17 Stunden ohne Klimaanlage, auf einer Straße, die keine war. An der Grenze stundenlange Wartezeiten. Für ein Qualifikationsspiel auf Madagaskar sollten wir mal die Vorbereitung in Südafrika machen.

Und was ist da passiert?

Dinzey: Die Spieler mussten drei Tage auf dem Flughafen in Johannesburg bleiben und auf dem Boden pennen, weil der Verband es versäumt hatte, Einreisevisa zu besorgen. Da merkte man, dass dem Verband das völlig egal war. Menschlichkeit wird klein geschrieben, aber wenn es um Fußball geht, sollen bitte alle Spiele gewonnen werden. Es wird nur vergessen, dass man im internationalen Fußball so keine Kokosnuss gewinnen kann.

Was ist mit Ihnen? Sehen wir Sie bald wieder auf der Trainerbank? Vielleicht sogar im Kongo?

Dinzey: Die Herrschaften vom Verband wissen schon lange, dass ich zurückkommen möchte, um ein Amt als Jugendnationaltrainer zu übernehmen. Zur Zeit bin ich in Gesprächen mit einem Verein in Lubumbashi als Cheftrainer, es kann also sein, dass ich früher oder später wieder dort aufschlage werde.

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