Afrika-Cup - "Danach war er auf einmal der Volksheld"

Lutz Pfannenstiel, 39, blickt im Interview der Woche mit eurosport.yahoo.de noch einmal auf den Afrika-Cup zurück. Der BBC-Experte und Hoffenheim-Scout hat ein durchschnittliches Turnier verfolgt, einen verdienten Sieger gesehen und einen zurecht erbosten Trainer erlebt. Und dann war da ja noch die Begegnung mit einem Nilpferd, aber auch das erzählt er uns am besten selbst.

Das Interview führte Jens Sitarek

Hat das Turnier in diesem Jahr mit Nigeria einen würdigen Afrika-Meister gefunden?

Lutz Pfannenstiel: Auf jeden Fall. Nigeria hat eine sehr junge Mannschaft und Coach Steven Keshi brachte das Kunststück fertig, sechs Spieler aus der nigerianischen Liga in den Kader zu integrieren. Im Finale standen sogar zwei in der Anfangsformation und einer davon, Sunday Mba, erzielte sogar das goldene Tor. Die Mannschaft hatte Probleme in der Vorrunde, steigerte sich aber von Spiel zu Spiel. Wenn man den Topfavoriten Elfenbeinküste verdient besiegt und Mali im Halbfinale vom Platz fegt, dann hat man den Turniersieg verdient.

Was ist von der Aktion des nigerianischen Trainers zu halten, der nach dem Triumph erst zurücktrat, um dann kurze Zeit später doch weiterzumachen?

Pfannenstiel: Es ist nachvollziehbar, dass Steven Keshi seinen Kritikern einen Denkzettel verpasst. Vor dem Turnier wurde er wegen der Zusammenstellung des Kaders vom Verband und der nigerianischen Presse kritisiert. Die Herren verstanden nicht, warum er einige Stars, die in Europa spielen, zuhause lässt und stattdessen Spieler aus der nigerianischen Liga mitnimmt. Selbst nach der Vorrunde nahm die Kritik kein Ende, die Mannschaft spielte lediglich 1:1 gegen Burkina Faso und Sambia und brauchte dann zwei Elfmeter, um gegen den Fußballzwerg Äthiopien zu gewinnen.

Und dann stand Nigeria im Viertelfinale gegen die Elfenbeinküste.

Pfannenstiel: Es war mehr oder weniger bereits entschieden, dass Keshi nach diesem Spiel gegen den großen Favoriten gefeuert wird. Wie in Afrika üblich posaunten es die Verbandsleute nach außen. Aber Keshi behielt die Nerven und die Mannschaft wurde stärker und stärker. Nach dem Finalsieg war Keshi auf einmal der Volksheld. Und der Verband erklärte ihm zum Vater des Sieges. Wer Keshi kennt, weiß, dass er so was nicht auf sich sitzen lässt.

Erleben wir vielleicht noch den Rücktritt vom Rücktritt vom Rücktritt?

Pfannenstiel: Das Ganze wird noch ein bisschen hin- und hergehen, bevor eine endgültige Entscheidung feststeht. Aber es wäre schon sehr schade, wenn Keshi beim Confederations Cup nicht als Trainer der Super Eagles auf der Bank sitzen würde. Übrigens tat seine Entscheidung dem afrikanischem Fußball gut, sie wird viele Entscheider zum Grübeln bringen.

Ist das eine besondere afrikanische Empfindlichkeit, die Keshi da an den Tag gelegt hat? Oder ist das eher typisch Keshi?

Pfannenstiel: Eigentlich typisch Keshi. Es war richtig, der Welt zu zeigen, wie grausam und unfair die Verbände in Afrika teilweise das Zepter schwingen. Keshi bewies, dass man mit einem jungen afrikanischen Trainer und jungen hungrigen Spielern Titel gewinnen kann – ich kann ihm nur meinen allerhöchsten Respekt zollen. Für Keshi haben sich nun auf dem Trainerkarussell alle Türen geöffnet, er hat jetzt die Wahl, wo er arbeiten will.

Sie haben während des Turniers für die BBC gearbeitet. Wie viele Spiele haben Sie insgesamt live gesehen?

Pfannenstiel: 25 von 32. Mehr war nicht möglich, weil ich mich sonst in zwei Stücke hätte teilen müssen.

Nach der Vorrunde sagten Sie noch, es führt kein Weg an der Elfenbeinküste und Ghana vorbei. Was ist denn da schiefgelaufen?

Pfannenstiel: Die goldene Ära der Elfenbeinküste um Didier Drogba hat den Zenit überschritten. Dieses Turnier war die letzte Chance dieser Generation, den Titel zu holen. Ohne Frage hat diese Mannschaft die besten Einzelspieler, aber acht Häuptlinge und drei Indianer gewinnen halt keine Titel. Ich denke nicht, dass so viele große Egos in einen Mannschaftsbus passen.

Und Ghana?

Pfannenstiel: Das Team kam mit vielen Neulingen im Kader. Gute junge Spieler gemischt mit einigen erfahrenen Führungsspielern. Aber bei Ghana scheint es fast Tradition zu sein, in entscheidenden Momenten nervlich zu versagen. Die Elfmeter-Niederlage gegen Burkina Faso im Halbfinale ist das typische Beispiel und erinnerte mich an das Ausscheiden bei der WM 2010 gegen Uruguay.

Mali hat wie schon 2012 Platz drei erreicht. Wie leicht spielt es sich, wenn zuhause ein Bürgerkrieg tobt?

Pfannenstiel: Die Spieler um Kapitän Seydou Keita spielten für ihr Heimatland. Mit Sicherheit gab diese Krise der Mannschaft eine Extra-Motivation. Die Profis wollten mit erfolgreichem Fußball dem vom Krieg geschüttelten Land Hoffnung, Freude und Zuversicht schenken. Somit ist der dritte Platz als Erfolg zu bezeichnen, obwohl mehr drin war.

Wie beurteilen Sie das Abschneiden des Gastgebers Südafrika?

Pfannenstiel: Ziel war das Halbfinale, aber man verlor unglücklich im Viertelfinale gegen Mali im Elfmeterschießen. Südafrika hatte ein ganz schwaches Eröffnungsspiel gegen Kap Verde, aber danach steigerte sich Bafana Bafana von Spiel zu Spiel. Es ist wichtig, dass man Trainer Gordon Igesund auch weiterhin das Vertrauen schenkt. Der südafrikanische Fußball ist gerade in einer schwierigen Phase, es muss ein Umbruch eingeleitet werden.

Schon die WM 2010 fand in Südafrika statt. Ist der erhoffte Boom eingetreten?

Pfannenstiel: Der Boom ist da, aber innerhalb von zweieinhalb Jahren kann man keine Wunder erwarten. Man muss gezielt versuchen, in die Jugendarbeit zu investieren. Leider sind Cricket und Rugby als Schulsportarten höher angesehen. Südafrika hat die beste Sportinfrastruktur des Kontinents, es wäre unverständlich, diese nicht zu nutzen.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie persönlich aus dem Afrika-Cup 2013?

Pfannenstiel: Das Niveau war Durchschnitt, die Schiedsrichterleistungen waren schlecht. Nigeria hat sich den Titel verdient und eine Mannschaft für die Zukunft. Die nordafrikanischen Mannschaften enttäuschten, aber man muss die politischen Probleme in dieser Region mit in Betracht ziehen.

Es war ja nicht der erste Afrika-Cup, den Sie begleitet haben. Was hat sich verändert?

Pfannenstiel: 2012 in Gabun und Äquatorialguinea war ein typischer Afrika-Cup mit vielen kleinen Problemen. Es ist normal, dass in einem Teamhotel mal der Strom ausfällt. Es ist normal, dass sich der Mannschaftsbus einen Platten fährt. 2013 glich eher einer schlecht organisierten Europameisterschaft. Südafrika ist halt nicht das typische Afrika, ich sage immer Afrika light.

In Europa wird gerade viel über Wettbetrug im Fußball diskutiert. Wie denkt man in Afrika darüber?

Pfannenstiel: Solange man im Internet auf alles Mögliche während eines Spiels wetten kann, wird es immer wieder den ein oder anderen Schlauberger geben, der meint, den schnellen Dollar verdienen zu können. Wenn alle Thesen von Europol wirklich stimmen, dann ist leider auch ein Afrika-Cup gefährdet.

Wie bewerten Sie die Qualität des Fußballs, der beim Afrika-Cup gezeigt wird?

Pfannenstiel: Das Turnier ist qualitativ nur Durchschnitt. Mit einer EM lässt sich das absolut nicht vergleichen. Auch beim Afrika-Cup steht die Taktik im Vordergrund, aber man sieht oft auch haarsträubende Fehler. Es fehlen halt einige Topleute. Die Zahl der Absagen war noch nie so hoch wie in diesem Jahr. Vereine in Europa nehmen immer mehr Einfluss auf die Spieler.

Mit Ya Konan (Hannover), Boka (Stuttgart), Bancé (Augsburg) und Makiadi (Freiburg) haben lediglich vier Bundesliga-Profis am Turnier teilgenommen.

Pfannenstiel: Es waren aber auch noch nie so wenig Afrikaner in der Bundesliga wie zum jetzigen Zeitpunkt. Wir haben eine unglaubliche Anzahl von jungen deutschen Talenten und es ist ohne Zweifel richtig, auf diese Jungs zu bauen. Trotzdem wird es auch in Zukunft Afrikaner in der Bundesliga geben. Für die Vereine ist es allerdings von Nachteil, wenn sie in einer entscheidenden Phase wochenlang auf einen Stammspieler verzichten müssen. Dazu kommt, dass die Spieler teilweise müde oder angeschlagen vom Turnier zurückkehren. Diese Sachen können dann den Erfolg einer ganzen Saison gefährden.

Was müsste eigentlich passieren, um die Akzeptanz bei den Zuschauern zu erhöhen?

Pfannenstiel: Das ist nicht so einfach. Die Spiele der Gastgeber sind immer voll, die Nachbarländer bringen auch ein paar Fans mit, aber der normale afrikanische Fußballfan kann es sich einfach nicht leisten, in ein anderes Land zu fliegen. Da fehlt die Finanzkraft. Zumindest waren in diesem Jahr die Zuschauerränge beim Finale voll.

Um nicht mit einer WM zu kollidieren, wurde der Austragungsrhythmus des Afrika-Cups auf ungerade Jahre geändert. Warum findet er trotzdem alle zwei Jahre statt?

Pfannenstiel: Erstens hat es Tradition und zweitens ist der Afrika-Cup für den afrikanischen Fußballverband CAF die größte Einnahmequelle. Mit dem Geld teilfinanziert er andere Turniere auf dem Kontinent.

Ein Afrika-Cup geht auch an Ihnen nicht spurlos vorüber. Im vergangenen Jahr haben Sie sich dem Vernehmen nach Malaria eingefangen. Was ist diesmal passiert?

Pfannenstiel: (lacht) Diesmal habe ich mir keine tropische Krankheit eingefangen. Leichtes Ohrensausen aufgrund der Vuvuzelas muss man einkalkulieren. Allerdings hätte ich in Nelspruit fast ein Nilpferd angefahren. Bei meinem Auto hätte der Zusammenstoß für einen Totalschaden gesorgt und das Hippo hätte sich nur zweimal kurz geschüttelt…

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