Der Tour-Return

Die neue Ära der Langeweile?

Die über 30.000 Fans, die diese Woche täglich hinaus zum ehemaligen Millennium Dome pilgern, treibt vor allem die Sehnsucht um.

Von den acht Plakaten der WM-Teilnehmer, die großflächig auf die Säulen vor dem Kuppelbau von North Greenwich im Osten Londons aufgeklebt sind, scheint besonders das von Roger Federer ziemlich abgenutzt. Ständig angefasst, dauernd lehnt man sich an für ein Foto mit seinem Liebling. Wenn es schon nicht der echte ist.

Drinnen in der Halle hört man immer wieder "We miss you, Rafa!"-Rufe, aber vor allem hört man die ohrenbetäubende Zuneigung der Briten, wenn Federer in dicken Nebelschwaden gehüllt den Platz betritt.

Niemanden lieben sie hier auf der Insel mehr. Inzwischen mischt sich in die Sehnsucht der Fans nach den beiden Spielern, die ihnen in den letzten zehn Jahren Duelle lieferten, die unter die Haut gingen und von denen wohl noch Generationen schwärmen werden, aber auch Wehmut mit: Nadal fehlt schon seit einem halben Jahr, und Federer wird nicht mehr ewig um weitere Grand-Slam-Trophäen kämpfen können.

Djokovic vs. Murray fehlt die Faszination

Daher bekamen die Fans in den letzten Monaten schon mal einen kleinen Vorgeschmack, wie die Zukunft aussieht: die neue, große Rivalität heißt künftig wohl Djokovic gegen Murray - und nicht jedem schmeckt diese Aussicht. Denn stets wurde von den "Fab Four", den großen Vier gesprochen, die in einer eigenen Liga spielen. Und so, als könnte jeder von ihnen gleichwertig die Massen begeistern. Doch inzwischen ist klar, dass die großen Endspiele nur funktionieren, wenn entweder Nadal oder Federer in Kombination mit einem der anderen beiden antrat. Djokovic und Murray allein vermögen diese besondere Faszination noch nicht auszustrahlen. Vielleicht werden sie es nie.

Das hat mehrere Gründe: Zum einen fehlt Murray auch nach olympischem Gold und Grand-Slam-Pokal das einnehmende Wesen. Er kommt immer noch eher spröde rüber, und wirkt selbst nach schönsten Siegen oft so, als würde ein naher Verwandter gerade im Sterben liegen. Djokovic dagegen ist einer, der inzwischen extrem polarisiert. Er hat einfach schon zu viele Rollen gespielt, als dass sich jeder für ihn erwärmen könnte: vom intelligenten, smarten Typ, der davon erzählte, wie er den Krieg in seiner Heimat überlebt hat, über den ulkigen Parodisten und dem, der im Ruf steht, Wehwehchen zu simulieren, bis hin zum martialischen Kämpfer, der sich auf die Brust trommelt und ständig bekreuzigt. Und zudem eine anstrengende Tendenz zum dozieren entwickelt hat.

Zu ähnliche Spielsysteme, zu wenig Reiz

Entscheidender aber dafür, dass die Prognose für die neue Rivalität lang und weilig zu werden droht, ist ihre viel zu ähnliche Spielanlage. Beide sind Defensivspieler, die sehr beweglich sind und gut returnieren. So entwickeln sich epische Ballwechsel und wahre Marathonmatches: Das Finale von New York zog sich über fünf Stunden, das von Shanghai in drei Sätzen über dreieinhalb, das Gruppenspiel in London über zweieinhalb. Die BBC rechnete am Mittwoch aus, dass Djokovic in Partien gegen Murray 3,2 km auf dem Platz zurücklegt, gegen jeden anderen Gegner läuft er im Schnitt nur 1,8 km. 30, 40 Mal geht der Ball übers Netz, oft ist es hochklassiges Tennis, aber eben nicht immer.

Weite Phasen ihrer Duelle gestalten sich sehr zäh, vor allem, weil man sich bei ihnen im Moment auf eines verlassen kann: ihre Inkonstanz. Erst spielt einer grandios, dann kriegt er einen Hänger und der andere dreht auf. Auf die einfache Art geht es zwischen ihnen eben nicht. Kein Wunder, dass die britischen Medien von "Masochist Murray" titeln. Ein bisschen Qual ist eben immer dabei, auch für den Zuschauer. Den faszinierenden Kampf der Spielsysteme, wie es ihn bei Nadal gegen Federer gegeben hat - Eleganz gegen rohe Kraft - das gibt es künftig nicht mehr. Sicherlich werden die neuen Rivalen Weltklassetennis bieten, aber auch viel zähen Kaugummi zwischendurch. Und ganz wenig Sehnsucht.

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