Der Tour-Return

Krise statt Aufbruch, Applaus statt Neid

In Argentinien haben sie die Deutschen jetzt so richtig gern. Natürlich, denn überaus freundlich war man, gut gelaunt, man lobte den Gegner, bewunderte sogar dessen mitreißenden Musikgeschmack und wurde dann auch mit warmem Applaus aus der Arena verabschiedet, nachdem man höflich alle fünf Punkte in Buenos Aires gelassen hatte.

Aber war das der Plan gewesen? Wäre es in der ersten Runde der Davis-Cup-Weltgruppe um Völkerverständigung gegangen, hätte man die deutsche Mannschaft zweifellos mit humanitären Preisen überhäufen müssen. Sicher, man hatte sich nach Jahren der nervigen, internen Kabbeleien ein bisschen Frieden zwischen den DTB-Akteuren gewünscht, und der neue Bundestrainer Carsten Arriens hatte das kleine Kunststück des Harmonisierens auch tatsächlich prima hingekriegt. Aber die allgemeine Nettigkeit hätte dabei allerdings nicht noch den Gegner mit einschließen sollen.

Das gebrauchte Jahr geht in die Verlängerung

Ein Neustart hatte es werden sollen, in jeder Hinsicht. Alles Vergangene wollte man abhaken, und dann blieb am Ende eines eben doch beim alten: Die Deutschen sind allerorts sehr gern gesehene Gäste. Und so langsam ist das zum Verzweifeln. Ob sie sich im deutschen Team nun vertragen oder lieber an den Kragen wollen, spielt also offenbar gar keine entscheidende Rolle für die gebotene Leistung. Denn sie gewinnen so oder so einfach nicht mehr. Relegationen ja, da rettet man sich schon mal auf den letzten Metern, aber das ist doch nicht der Plan. Der Plan ist, die hässlichste Salatschüssel der Welt zu gewinnen. Oder mittelfristig zumindest mal wieder ins Viertel- oder Halbfinale einzuziehen, das wäre ein Anfang.

Doch davon ist man nun genauso weit entfernt, wie im letzten Jahr unter Patrik Kühnen. Das gebrauchte Jahr geht also in die Verlängerung. Arriens hat sich sehr bemüht, für Aufbruchsstimmung zu sorgen, und seine Denkansätze sind sicherlich ein richtiger Schritt in eine positive Zukunft. Der Weg dorthin wird jedoch länger dauern als erhofft, soviel steht nach dem letzten Wochenende fest. Dabei schienen die Voraussetzungen nach der Absage von Topstar Juan Martin del Potro gar nicht schlecht, die Chancen für das deutsche Team standen sogar besser als beim Heimspiel gegen Argentinien vor einem Jahr. Und mit so wenigen Zuschauern in der Arena kam nicht einmal die berüchtigte Davis-Cup-Atmosphäre auf. Alles hätte also gut werden können, es blieb aber wieder nur ein fader Beigeschmack vom Auftritt der Deutschen hängen.

Ein fader Beigeschmack bleibt

Sicher, die Verletzung von Philipp Kohlschreiber war bitter. Noch bitterer war jedoch, dass er den Rückkehrer Carlos Berlocq nicht schon in drei oder vier Sätzen bezwungen hatte, bevor der Muskel riss. Kohlschreiber ging als klarer Favorit in die Partie, anders als Florian Mayer nach ihm. Doch auch der war nicht chancenlos gegen Juan Monaco, umgehauen hat Mayer am Ende dann die Hitze. Das unglückliche Bild rundete schließlich das Doppel mit Christopher Kas und Debütant Tobias Kamke ab, und was blieb, war der Konjunktiv: hätte, wäre, wenn. Wäre es mit Haas oder Petzschner besser gelaufen? Vermutlich nicht. Hätte man mit Kohlschreiber das Doppel gewonnen? Vielleicht.

Doch die Fragen sind müßig. Denn die deutsche Mannschaft war in Buenos Aires die letzte Antwort schuldig geblieben. Bei aller neuen Harmonie hatte trotzdem das bedingungslose Beißen und Kratzen, der Wille, es mehr zu wollen als der Gegner, gefehlt. Auch vom Bundestrainer. Dass er gar nicht so enttäuscht sei, wie Arriens hinterher sagte, war nicht das richtige Signal, das zur neuen Aufbruchstimmung passte. Es klang genügsam, zufrieden. Eher nach Stillstand. Den hatte es aber schon viel zu lange gegeben, und der wäre nun vor der erneuten Relegation im September Gift. Das gesamte Team ist gefordert, mehr denn je.

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