Der Tour-Return

Del Potro: Sanfter Riese war gestern!

Juan Martin del Potro (links) ist erst 24 Jahre alt, er könnte noch einige Jahre in der Weltspitze mitmischen.Juan Martin del Potro (links) ist erst 24 Jahre alt, er könnte noch einige Jahre in der Weltspitze mitmischen.

Am liebten würde Juan Martin del Potro nur schlafen. Denn wenn man den Argentinier vor die freie Wahl stellte, würde er sich immer für ein Nickerchen entscheiden. Das darf auch gerne mal den halben Tag lang dauern. Seinen Trainer Franco Davin überrascht es vielleicht auch deshalb nur wenig, dass del Potro in seiner Entwicklung schon immer ein wenig mehr Zeit gebraucht hat. Das sei bei der südamerikanischen Mentalität eben oft so, sagt Davin.

Absturz, Partys, Depressionen?

Dennoch hat del Potro 2009 die US Open gewonnen, und da war er gerade einmal 20 Jahre alt. Aber dieser Coup kam viel zu früh für ihn, das zeigte sich schnell. Nach dem gigantischen Empfang daheim in Tandil, als 150.000 Menschen ihren neuen Helden feierten, verlor del Potro scheinbar den Boden unter den Füßen: 2010 spielte er nur vier Partien bei den Australian Open, danach tauchte er ab. Eine schwierige Verletzung am Handgelenk sei der Grund, doch es kursierten auch Gerüchte, del Potro leide an Depressionen und sei ausgebrannt. Aus seinem Betreuer-Umfeld wurde damals gar kolportiert, er habe Panik-Attacken. Del Potro entkräftete nichts, schickte nur ab und an ein kurzes Lebenszeichen über Twitter. Dafür machten im Internet Fotos vom Hünen die Runde, die ihn bei Partys mit Alkohol und schönen Frauen zeigten. Ein Image, das so überhaupt nicht zu diesem schüchternen Riese zu passen schien und das ihm von seinem gestrengen Vater stets strikt untersagt worden war.

War es nun ein Ausbruch aus dem reglementierten Dasein? Die Sehnsucht nach Unabhängigkeit? Oder kam er nur einfach mit dem immensen Druck nicht zurecht, dass er, der Neuling, über Nacht der große Herausforderer von Roger Federer und Rafael Nadal geworden war? Juan Monaco, sein Spielerkollege und Mentor, der ebenfalls aus Tandil stammt, war sich seinerzeit sicher: "Er mag ein Problem mit dem Handgelenk haben, aber ein noch viel größeres im Kopf." Del Potro schottete sich monatelang ab, war zeitweise nicht einmal für die ATP erreichbar. Es kamen Zweifel auf, ob er überhaupt je wieder auf die Tour zurückkehren würde. Doch zum Saisonbeginn 2011, nach einem Jahr Auszeit, war del Potro wieder da - als Nummer 259 der Welt. "Es war alles zuviel für mich", sagte er, alles andere wolle er nicht groß kommentieren, die Geschichten seien "traurig und falsch".

Im Handumdrehen zurück in den Top Ten

Es dauerte nur wenige Monate, da stand er wieder unter den Top 50, im Sommer bereits in den Top 20, und del Potro beendete die Saison 2011 als Nummer elf. Vielleicht hatte er das Tief gebraucht, um alles, was plötzlich auf ihn einprasselte, zu verdauen. Davin redete viel mit seinem Schützling, versuchte, ihm Selbstvertrauen einzuimpfen und die ständigen Selbstzweifel zu beseitigen. "Ich sage ihm immer wieder, dass er sich das Recht erarbeitet hat, sich zu den Spitzenspielern zu zählen", meinte Davin. Auch wenn del Potro allein seiner Körpergröße wegen seinen Gegnern Furcht einflößt, so ist er weiterhin der friedliche, zurückhaltende Schlacks, der immer etwas geduckt läuft und sehr leise spricht. In den letzten Monaten aber trat del Potro selbstbewusst und bestimmt auf, und seine spielerischen Waffen trafen sogar reihenweise auch die Topspieler: Sein Aufschlag, die Vorhand cross schmerzen seine Gegner, und für seine Größe von 1,98 m bewegt er sich überraschend geschmeidig. Und: Er hat seinen Killerinstinkt wiedergefunden!

Dass er bei den Spielen in London nach dem Marathonmatch gegen Federer mit dem Sieg über Djokovic die Bronzemedaille gewann, fühlte sich für del Potro größer an, als jeder Grand-Slam-Sieg. Die argentinischen Fans feierten ihn vor der Empore den Medienzentrums in Wimbledon stürmischer als einen WM-Titel im Fußball. Und dieses Mal genoss es del Potro, er weinte vor Freude. Er hat gelernt, was es heißt, zu den besten Tennisprofis der Welt zu gehören. Und so langsam gefällt ihm die Rolle. Mit den Titeln in Wien und Basel und dem Halbfinale von London beendete del Potro seine Saison als Siebter mit einem klaren Statement: Mit 24 Jahren hat seine große Zeit gerade erst begonnen, der schlafende Riese ist längst erwacht - auch, wenn es ein wenig länger gedauert hat.

Große Ziele, kein Davis Cup

Man darf gespannt sein, wie es weitergeht in der Saison 2013. Im Davis Cup wird del Potro wohl nicht antreten. Nach einigen Verwirrungen um seine Nicht-Nominierung für das Auftakt-Duell gegen Deutschland, kündigte er an, ganz auf den Davis Cup verzichten zu wollen.

Die Entscheidung war nicht leicht, aber er habe "wichtige Ziele" auf der Tour. "Ich will mehr Grand-Slam-Turniere gewinnen und die Nummer eins der Welt werden." Größer könnten die Ziele nicht sein...

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