Sven Hannawald

Olympia-Test und Tournee-Vorfreude

Noch liegt kaum Schnee in Sotschi - nur die kleine Schanze ist präpariert.Noch liegt kaum Schnee in Sotschi - nur die kleine Schanze ist präpariert.

Hallo liebe Skisprung-Freunde,

heute starten die Jungs in Sotschi in die vorolympischen Testwettkämpfe - das heißt: Ein neuer Weltcuport und eine neue Schanze. Viele Springer waren zwar schon im Sommer einmal da, doch die Generalprobe auf Schnee ist immer nochmal etwas anderes. Naja, zumindest Schanze und Hang sollten diesmal weiß sein, denn in Sotschi kommt die richtige Kälte meist erst gegen Weihnachten. Daher haben die Olympia-Macher für den Wettkampf auch extra Experten aus Planica eingeflogen, die den Umgang mit wärmeren Temperaturen gewöhnt sind. Sie sollen sich um die weiße Pracht kümmern und dafür sorgen, dass der Schnee nicht zusammenfällt. Die Schanze wird also gut präpariert sein, doch es gibt ein paar Faktoren, die man nicht so leicht beeinflussen kann.

Ganz vorne steht da der Wind. Die Anlage liegt im Gebirge und man muss mit wechselnden Bedingungen rechnen. Am Ende wird man froh sein, die Windregel zu haben, denn sonst besteht an windigeren Tagen immer die Möglichkeit, Durchgänge nicht bis zum Ende springen zu können. Nichtsdestotrotz werden die Springer froh sein, ein Wintergefühl für die Olympiaschanze zu bekommen, auch wenn es vielleicht nicht die Traumbedingungen mit Sonnenschein, minus fünf Grad und jeder Menge Schnee rund um die Schanze (so bin ich auf jeden Fall am liebsten gesprungen) gibt.

Mittlerweile ist es auch kein so großes Problem mehr, sich an neue Schanzen zu gewöhnen. Schon zu meiner Zeit ist man dazu übergegangen, die Charakteristika der Anlage ein wenig anzupassen, so dass sich ein paar Schanzenprofile zumindest ähneln. Im Grunde geht es darum, den Absprung mit dem Anlauf abzugleichen. Die Flugbahn ist danach ohnehin vorgegeben, aber das Gefühl dafür, wie flach oder steil ein Anlauf und wie kurz oder lang ein Schanzentisch ist, muss man erst finden.

Konkret heißt das zum Beispiel für die Vierschanzentournee: In Oberstdorf sind die Leute früher meist gut zurechtgekommen, in Garmisch gab es immer wieder Probleme damit, die Anfahrtsposition zu halten. Dann kam Innsbruck mit einem steilen Anlauf, einem knackigen Radius und dem kurzen Schanzentisch und zum Abschluss Bischofshofen, wo man auf der langen Anfahrt praktisch das Gefühl hat, es würde nur geradeaus gehen und wo man selbst den Druck aufbauen muss - das sind vier unterschiedliche Profile, an die sich die Springer gewöhnen müssen, die aber in den vergangenen Jahren immer mehr vereinheitlicht wurden.

Alles in allem wird es für die Springer kein großes Problem sein, sich der neuen Schanze anzupassen. Nach maximal zwei Einheiten wird das Gefühl da sein.

Gott sei Dank: Wieder mal Mitfavorit!

Ein gutes Gefühl haben ja zurzeit auch die Deutschen - allen voran Severin Freund. Einige stellen sich da vielleicht die Frage, ob es nicht fast ein bisschen zu früh ist, um in einer solch guten Form zu sein - schließlich sind es noch drei Wochen bis zu Tournee und deutlich länger, ehe es um WM-Medaillen geht. Dazu kann ich nur sagen: Diese physische Form zu halten, ist kein Problem. Was aber auf jeden Fall auf die deutschen Jungs zukommt, ist der Fakt, dass sie seit Jahren mal wieder als Mitfavoriten zu Tournee fahren. Gott sei Dank! Aber der Erwartungsdruck wächst natürlich. Da gilt es, viele Gespräche zu führen und sich das alles auch von der Seele zu reden.

Generell ist es natürlich so, dass man lieber auf eine gute Frühform aufbaut und damit weiterarbeitet, als von Beginn an seiner Leistungsfähigkeit hinterherzulaufen. Aber über Weihnachten kann sich noch einmal etwas ändern, denn die einen tanken neue Kraft, die anderen kommen zur Ruhe und gestärkt aus den Feiertagen zurück. Zur Tournee können die Karten so wieder neu gemischt sein.

Aber erst einmal freue ich mich, die Olympia-Schanze von Sotschi (wenn auch erstmal nur die kleine) in Aktion zu erleben.

Euer Sven Hannawald

Zurück zur Übersicht

Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen