Sven Hannawald

Höher, schneller, weiter

Hallo liebe Skisprung-Freunde,

Furchterregener Blick von der größten Schanze der Welt in Vikersund

Skispringen ist toll, aber Skifliegen ist ein absolutes Highlight. Schon allein, weil es nur dreimal im Jahr stattfindet, alles viel größer, schneller und höher ist und man daher auch wesentlich weiter springt. Da ist man schon angespannter als sonst und hat auch ein bisschen mehr Respekt davor.

An mein erstes Skifliegen kann ich mich ehrlich gesagt nur schwer erinnern - eigentlich gar nicht - denn ich habe mir dabei eine Gehirnerschütterung geholt. Es war 1995 in Oberstdorf, gleich am Freitag im allerersten Training bin ich gestürzt. Ich weiß aber noch, dass ich tierisch aufgeregt war. 10 km/h mehr im Anlauf, das merkt man natürlich.

Mich hat es auf jeden Fall bei meinem ersten Sprung dann sofort in der Luft umgedreht weil mir das Band hinten am Schuh gerissen ist. Das war noch die Anfangszeit der damals neuen Sicherheitsbindung, wo der Schuh vorne fixiert und hinten mit einem Seil festgehalten wurde. Heute ist das stattdessen ein Metallstab. Es ging noch glimpflich aus, aber ich weiß von dem ganzen Wochenende nichts mehr.

Adrenalinschub auf der 220-Meter-Marke

Skifliegen ist ein ganz anderes Gefühl, in etwa so, als wenn man im Auto erst mit 50 und dann mit 100 km/h fährt. Man spürt mehr Druck, weil man schneller anfährt. Es ist ein absolut geniales Gefühl, das sich mit Skispringen gar nicht vergleichen lässt. Beim Skispringen sitzt man quasi in einem schnellen Auto, beim Skifliegen in einer richtigen Rakete.

Trotz meines Sturzes war Skifliegen immer meine Leidenschaft. Die Technik ist zwar gleich, aber man ist deutlich schneller. Die Bilder in der Luft sind beeindruckender und man spürt noch mehr Adrenalin. Mein weitester Sprung, den ich je geschafft habe, waren 220 Meter in Planica. Da hatte ich einen Luftstand von bis zu zehn Metern.

Es gibt im Grunde zwei Techniken, mit denen die Skispringer auch auf den Flugschanzen arbeiten — und keiner wechselt seine Technik, auch nicht fürs Fliegen. Denn jeder Springer ist wie er ist. Es gibt die eher sprungkräftigen, die stärker am Schanzentisch wegspringen und von vornherein etwas höher rauskommen. Aber irgendwann hat man keine Geschwindigkeit mehr und fällt runter.

Ich habe eine andere Technik benutzt, und die hat es mir früher oft erlaubt, weit zu fliegen. Dabei springt man oben flacher weg und nimmt so mehr Geschwindigkeit mit. Der Sprungstil ist teilweise zu aggressiv für die normalen Schanzen, aber beim Skifliegen funktioniert es. Da kann man es riskieren, etwas aggressiver nach vorne rauszuspringen, ohne vielleicht diesen halben Meter mehr an Höhe mitzunehmen. Denn die Geschwindigkeit ist hoch genug, die trägt einen schon. Der Sprung zieht sich länger. Beim Skifliegen kommt mit der Fallgeschwindigkeit aber irgendwann der Punkt, wo es einen unten schlicht "wegballert". Man wird plötzlich wie auf einer Art Luftkissen getragen und gleitet schließlich "sanft" aus.

Gefühlte zwei Tage in der Luft

Da kommt dann einfach die Geschwindigkeit extrem zum Tragen, die man oben mitgenommen hat. Ich habe da den Skiflug-Weltrekord (246,5 Meter) im letzten Jahr von Johan Remen Evensen im Kopf. Bis 160 Meter war der noch extrem flach und dann hat es ihn am Ende weggeballert.

Ich kann nur sagen, Skifliegen lässt sich mit nichts vergleichen. Nach dem Rausspringen ist man gefühlte zwei Tage unterwegs, bis man aufkommt. Das ist natürlich nicht so, aber der Unterschied zwischen Skispringen und Skifliegen ist einfach so gewaltig. Es dauert drei, vier Sekunden länger und das kommt einem wie eine Ewigkeit vor. Nach dem Absprung sieht man nach dem Buckel oben erst kurz nichts, aber dann sieht man plötzlich, wo der Sprung ganz hingeht.

Dann ist man wie in Trance, man schwebt dahin und genießt es einfach, ohne Motor ohne Düsenantrieb durch die Luft zu segeln. Das ist ein absolut geniales Gefühl, einfach überwältigend. Das hätte man gerne öfter als nur dreimal im Jahr erlebt, aber so hat es für mich immer diesen ganz besonderen Reiz behalten.

Euer Sven Hannawald

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