Spielverlagerung

Ohne Taktik gegen Tiki-Taka

In einem interessanten Spiel verlor die deutsche Nationalelf trotz einer verbesserten Aufstellung klar gegen den Rivalen aus Spanien.

Isco als Nadelspieler

Dabei zeigten die Spanier eine mustergültige Vorführung von Tiki Taka und Spielintelligenz, die das spanische Konzept seit einigen Jahren geprägt hat. Iker Muniain fand sich auf der Bank wieder, Koke rückte für ihn in die Mannschaft und komplettierte eine höchstvariable Mittelfeldbesetzung, in welcher besonders Illarramendi und Thiago Alcantara herausstachen.

Eine wichtige Rolle hatte der nominelle Linksaußen Isco von Malaga. Das Supertalent zog immer wieder in die Mitte – und kehrte oft auch gar nicht mehr auf seinen eigentlichen Flügel zurück. Er übernahm wie Thiago eine Rolle als Nadelspieler, sollte sich aber noch stärker auf den letzten Pass und das Unterstützen in engen Räumen konzentrieren.

Damit wollte Spanien die zwei nominell stärksten Akteure in der Mitte platzieren und sie nutzen, um stärker in den Zwischenlinienraum zu kommen. Dies hatten die Deutschen in der Anfangsviertelstunde noch verhindert, doch mit der hohen Fluidität und einem sehenswerten Kurzpassfußball gelang es den Spaniern immer besser.

Durch die Freirolle von Isco und die fluide Bewegung in der Mitte gab es oft rautenförmige Anordnungen (mit Isco als Speerspitze und Illarramendi als alleinigem Sechser) oder 2-2-Stellungen im Mittelfeld (Illarramendi und Koke tiefer, Koke mit einzelnen Vertikalsprints). Um diese und die vielen Aufbauspieler und situativen Spielgestalter abzufedern, benötigten sie einen Balancespieler wie Illarramendi – und sie hatten ihn.

"Balancespieler" als Schlüssel

Ein "Balancespieler" sorgt dafür, dass einzelne zu übertrieben ausfallende, montone Synergie-Auswirkungen, zu dominante Spieler oder eine zu große Zahl an ähnlichen Spielertypen (und daraus resultierend ähnliche Bewegungsmuster oder Sackgassen im kollektiven Denken und in Mustern der Entscheidungsfindung) passend ergänzt werden.

Einen ähnlichen Akteur, wenn auch nicht ganz so spielintelligent in seinen Bewegungen und mit einem anderen Spielercharakter, hatte die deutsche Nationalmannschaft ebenfalls in ihren Reihen.

Sein Name war Sebastian Rudy und er war mitverantwortlich dafür, dass die Deutschen im Aufbauspiel unter Druck relativ stabil standen und sich im Gegenpressing eigentlich sehr gut rückwärts befreien konnten. Auch Rudy unterstützte seine Mitspieler gut, bewegte sich ordentlich und konnte sich einige Male sehenswert aus dem gegnerischen Pressing befreien.

Volland mit seinen horizontalen Bewegungen dienten ebenfalls einige Male als intelligenter Ausgleich zu den Bewegungen seiner Mitspieler und der Gegner.

Pressing: Ähnlichkeiten und Unterschiede

Apropos Pressing: Beide Mannschaften hatten hier einige interessante Ideen. Deutschland presste im 4-4-2/4-4-1-1, wo Holtby neben Volland in die Spitze schob. Zentral rückte Rode ein paar Mal heraus und versuchte die beiden zu unterstützen, gleichzeitig orientierten sich er und auch Rudy situativ mannorientiert an den gegnerischen Sechsern. Zu Beginn, als Spanien noch mit variablen Flügelüberladungen und wenig Fluidität kam, konnten sie dadurch effektiv den Zwischenlinienraum versperren. Doch spätestens als Isco sich frei in der Mitte aufhalten konnte, waren die Spanier mit ihren lokalen Überzahlen im Stande in den Zwischenlinienraum zu kommen.

Dieses Mittel fehlte der DFB-Elf total. Zwar waren sie im ersten Spielfelddrittel in ihrem Kombinationsspiel stabil und verloren relativ wenige Bälle gegen das Mittelfeldpressing der Spanier, aber spätestens ab dem zweiten Spielfelddrittel und auch im Konterspiel wirkten sie kopflos. Zu oft konnten sie sich nach guten Befreiungen aus dem spanischen Gegenpressing nicht neu formieren, sondern versuchten es mit langen Diagonalbällen hinter den aufgerückten Moreno oder mit blinden langen Bällen und überhasteten Kontern.

Anstatt Holtbys Zurückfallen und Rodes Aufrücken sowie natürlich Rudys Balancegeberrolle zu nutzen, kamen sie selten über den Pressingwall der Spanier hinaus und versuchten ihn allzu früh und mit schwachen ungestaffelten Kombinationen oder Flügelangriffen zu umspielen.

Die Spanier zeigten aber im Pressing auch eine gute Leistung. Die 4-2-3-1-Grundordnung wurde etwas asymmetrisch, 4-1-3-2-artig interpretiert. Koke oder Thiago rückten nach vorne und unterstützten den Mittelstürmer im Pressing. Illarramendi diente dann als Raumfüller; manchmal blieb er tiefer, manchmal rückte er mit heraus und stellte kurzzeitig ein nominelles 4-4-2 her. Damit variierten die Spanier ihr Pressing und konnten die meisten Bälle im Mittelfeld erobern.

Ihre Pressingbewegungen in der gegnerischen Hälfte waren durchaus effektiv, da sie mit einem guten Einsetzen des Deckungsschattens, intelligenten leitenden Bewegungen und Erzeugen lokaler Kompaktheiten Deutschlands Angriffe zumeist im Ansatz abwürgen konnten. Bei Pässen auf die deutschen Außenverteidiger zogen sie sich sehr geschickt über dem ballnahen Halbraum zusammen und kappten somit die deutschen Verbindungen.

Rainer Adrion reagierte darauf, indem er für den gelb-rot gefährdeten Rode Emre Can brachte, mit Lasogga einen neuen Mittelstürmer für Patrick Herrmann und mit Rüdiger für Rudy einen Innenverteidiger, der Ginter ins Mittelfeld schob. Wirkung: Keine. Ganz im Gegensatz zum Wechsel bei den Spaniern, die mit Alvaro Morata wie im ersten Spiel einen hochgewachsenen Mittelstürmer für Linksaußen brachten, der dann letztlich den Siegtreffer erzielte.

Fazit

Die deutsche Elf konnte trotz einiger weniger guter Ansätze nicht überzeugen und musste sich nach einem Treffer in der Schlussphase des Spiels den souverän agierenden Spaniern geschlagen geben. Zur Strafe gibt es dann auch nur wenige Worte zur deutschen Taktik. Man sah sie leider auch ziemlich selten. So darf die DFB-Elf schon vor dem letzten Gruppenspiel gegen Russland ihre Koffer packen.

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