Spielverlagerung

Portugals Taktik liegt Deutschland

Am Samstag gibt's ein Wiedersehen für Ronaldo und Mertesacker

In ihrem ersten EM-Spiel treffen die deutsche und die portugiesische Nationalmannschaft aufeinander. Jogi Löws Jungs steht eine machbare Aufgabe ins Haus: Mit den portugiesischen Schwächen konnten sie in der Vergangenheit gut umgehen.

Dominanz im Zentrum?

Interessant zu beobachten wird sein, welche Mannschaft die Kontrolle über das Spiel übernimmt. Entgegen vieler gegenteiliger Analysen trat das deutsche Team bei der WM 2010 keineswegs dominant auf: In den K.O.-Spielen hatten die DFB-Kicker stets ein Ballbesitzminus, sie fokussierten sich auf Konter. Seitdem entwickelte Löw sein Team jedoch weiter. Nun lautet vor dem Eröffnungsspiel die große Frage: Früh attackieren oder den Portugiesen die Kontrolle in deren Hälfte überlassen?

In der Qualifikation hat Löw stets darauf bestanden, dass seine Mannschaft aktiv das Spiel an sich reißt. Gegen die passstarken Portugiesen dürfte das nicht einfach werden, aber es ist machbar. Deren 4-3-3-System bietet die theoretische Chance, Überzahlsituationen im Mittelfeld aufzubauen: Zwar reihen sich die Portugiesen oft defensiv in einem 4-1-4-1 auf, die Rückwärtsarbeit von Nani und Ronaldo ist aber eher schwach. Die zentralen Mittelfeldspieler werden daher oft aus ihren Positionen herausgezogen. Mit einem passstarken Mittelfeld könnte Deutschland das Zentrum dominieren.

Der Schlüssel könnte ein 4-1-4-1-System mit Özil und Kroos sein. In der Qualifikation wurde dies oft gespielt. Der Vorteil: Kroos und Özil könnten beim Zurückfallen im Zusammenspiel eine lokale Überzahl erzeugen. Da der portugiesische Sechser (zuletzt meist Miguel Veloso) eher tief steht, wäre eine Dreiecksbildung mit Khedira gegen die zwei portugiesischen Achter Moutinho und Mereiles möglich.

Von dort aus sind Pässe in Richtung des Flügels ein probates Mittel: Ronaldo und Nani sind, freundlich formuliert, defensiv nicht immer die größte Hilfe. Um die mangelnde Defensivarbeit der Flügelstürmer auszugleichen, müssen die Außenverteidiger oft aus der Kette herausrücken. Speziell Müller könnte durch seine Raumintelligenz auf Rechtsaußen die Lücken hinter Ronaldo und Coentrao nutzen. Es war sicher kein Zufall, dass Löws Männer im letzten Testspiel gegen Israel nahezu jeden Angriff über die Flügel aufbauten - hier haben die Portugiesen die größten Probleme.

Portugal auf Außen verwundbar

Defensiv stellen die erwähnten Ronaldo und Nani die größten Schwierigkeiten für die deutsche Elf dar. Fast alle portugiesischen Angriffe laufen über sie. Hier wird das berühmt-berüchtigte "Doppeln" bzw. "Trippeln" zum Einsatz kommen. Ronaldo und Nani müssen direkt bei Ballgewinnen attackiert werden — sobald sie erst Fahrt aufgenommen haben, sind sie nicht aufzuhalten. Der gelernte Rechtsverteidiger Lahm dürfte gegen seinen Kontrahenten Nani gute Karten haben: Zwar steht der deutsche Kapitän auf der linken Position gerne mal etwas zu zentral, dies dürfte gegen Nani jedoch nicht negativ auffallen. Der trickreiche Dribbler zieht oft in die Mitte und wählt nur selten den Weg an die Grundlinie.

Etwas größere Sorgen bereitet die gegenüberliegende Seite. Boateng wird eine starke Leistung gegen Superstar Ronaldo benötigen. Die letzten Qualifikations- und Testspiele deuteten zudem an, dass ein einziger Gegenspieler Ronaldo nicht aufhalten kann: Dieser zeigte sich zuletzt sehr flexibel im portugiesischen Nationaldress. Ausflüge ins Zentrum oder auch auf den gegenüberliegenden Flügel sind keine Seltenheit. Im schwachen Abschlusstest gegen die Türkei gehörten seine Doppelpässe mit den zentralen Mittelfeldspielern und seine Sprints ohne Ball zu den wenigen Lichtblicken.

Die deutsche Viererkette wird besonders beim Übergeben der Deckung vom Außen- zum Innenverteidiger gefragt sein - Mechanismen, die gegen die Schweiz ganz und gar nicht funktionierten. Dies dürfte ein Grund sein, warum Löw im letzten Test und wohl auch beim EM-Auftakt zu drei Vierteln auf die eingespielte Bayern-Abwehr baut.

Trotzdem: Portugal ist ein Gegner, der den Deutschen liegt. Unter Löw hatte das Team hauptsächlich Probleme, wenn der Gegner kompakt im Mittelfeld stand (Serbien und Ghana bei der WM 2010), stark konterte (Testspiele gegen Ukraine und Polen) bzw. rund um den Mittelkreis über viel Passstärke verfügte (Spanien). Alle drei Faktoren treffen auf die Portugiesen nicht zu. Im Gegenteil, deren schematische Löcher im Mittelfeld und die Fokussierung auf die Flügel dürften Deutschland zugute kommen. Wenn sie Ronaldo und Nani aus dem Spiel nehmen, stehen die Chancen gut auf einen starken Auftakt der deutschen Elf.

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