Spielverlagerung

Machtdemonstration gegen harmlose Schalker

Schweinsteiger, Gomez, Robben und Ribéry jubeln

Die bayrische Dominanz

Von Anfang an zeigten die Münchner, wer Herr in der Allianz-Arena ist. Die tiefe Formation der Schalker wurde schlicht und ergreifend aus den Angeln gehoben, indem mehrere taktische Mittel in der Offensive miteinander gemischt wurden – und das erfolgreich.

Ein Beispiel waren die Pärchenbildungen auf der Seite. Philipp Lahm und David Alaba rückten immer wieder nach vorne auf, unterstützten dabei Arjen Robben und Franck Ribéry, hinterliefen diese und gaben dann die nötige Breite. Die beiden wiederum waren in der Anfangsphase des Positionsspiels sehr diszipliniert im Positionsspiel.

Sie standen breit und streckten das Spiel, bis die Außenverteidiger nach vorne schieben konnten. Erst dann begannen die freien Bewegungen entlang der Horizontale; Arjen Robben war einmal sogar als tiefster Mittelfeldspieler zu finden. Diese hohe Bewegung und die vielen Positionswechsel (Franck Ribéry fand sich einige Male in der Mitte oder auf rechts wieder) ließen das Fehlen von Raumdeuter Thomas Müller vergessen lassen.

Statt diesem behielt Toni Kroos seinen Platz in der Startelf und blieb auf der Position des nominellen Zehners. Damit hatte Bayern weiterhin ein 4-3-3 in der offensiven Rollenverteilung, anstatt eines 4-2-4, wie es mit Müller öfters der Fall war; wohl der einzige Nachteil des Führenden in der Scorerwertung der Bundesliga.

Kroos nutzte seine technische Stärke, um als Passprellbock im Zwischenlinienraum zu dienen. Robben und Ribéry bewegten sich um ihn herum, konnten mit ihm kombinieren und Mario Gomez gab dem Spiel an Tiefe. Über seine technischen Stärken und Schwächen gibt es zig Meinungen, doch seine taktische Arbeit im Öffnen des Zwischenlinienraumes und der taktischen Arbeit zwischen den gegnerischen Innenverteidigern dürfte unbestritten sein.

Bezüglich der Technikdiskussion: der womöglich schönste Pass der ersten Halbzeit kam von Gomez auf Robben, ein Flachpass in den Lauf über mehr als zwanzig Meter.

Das Aufbauspielkreisel und das gegnerische 4-5-1

Trotz der individuellen Klasse war die kollektive Bewegung spielentscheidend. Durch das Zurückfallen der Offensivakteure, ihrer Rotationen und ihrer Rochaden konnten sie immer wieder die engen, aber minimal offenen Räume in der gegnerischen Formation finden. Diese Räume öffneten sie sich ebenfalls selbst.

Kroos bewegte sich entlang der Horizontale und ließ sich öfter fallen oder blieb breit, um Ribéry oder Robben zu befreien. Diese infiltrierten die Halbräume oder kamen ebenfalls tief, während Martinez und Schweinsteiger sich beim Herauskippen und beim Aufrücken abwechselten. Beim Aufrücken nahmen sie meistens Druck vom aktuellen Ballführenden in der Mitte und öffneten zugleich Raum für einen zurückfallenden Akteur.

Gegen das 4-5-1 der Schalker war diese Spielweise besonders wichtig. In unserer Betrachtung des Fürth-Spiels oder auch der Partie gegen Dortmund führte MR bereits aus, wie durch Herausrücken der Halbspieler das Angriffsspiel der Bayern vom Tor ferngehalten werden kann. Durch diese enorme Bewegung kam ein solches Herausrücken aber kaum in Frage, weil die Gefahr bestand, Raum für diagonale Schnittstellenpässe zu öffnen.

Dadurch wurde die Formation und spielphilosophische Ausrichtung der Schalker ad absurdum geführt. Ihre Konter gingen in der gegnerischen Zweikampfstärke, insbesondere die Innenverteidiger und natürlich Martinez, unter. Ihr Defensivspiel wurde neutralisiert und hatte nie Zugriff. Auch bei Rückstand standen die Schalker nach wie vor tief und mussten passiv spielen, was in einer sang- und klanglosen Niederlage mündete.

„Wieso nicht immer so?“

Eine Frage, die sicherlich viele Bayernfans beschäftigt. Die Münchner haben diese Saison schon einige hervorragende Leistungen gezeigt – dass man diese nicht durchgehend abrufen kann, liegt wohl in der Natur der Sache. Die aus taktischer Perspektive bessere Frage lautet aber, wieso die Bayern diese extreme Beweglichkeit im Aufbauspiel und das hohe aggressive Pressing nicht durchgehend nutzen.

Auch hier könnte man sagen: es ist einfach unmöglich. Eventuell will Jupp Heynckes es nur spielen, wenn alle Akteure fit sind, eventuell aus Stabilitätsgründen nur gegen bestimmte Gegner oder nach passenden Trainingseinheiten. Es könnte aber auch ein Plan dahinter stecken. Durch diese feinen Veränderungen in der taktischen Ausrichtung sind die Bayern extrem schwer auszurechnen.

Ein Beispiel ist der Sieg der Münchner zu Beginn der Hinrunde gegen Mainz, wo noch mit einer passiveren Haltung und dem klassischen Spiel über die Halbräume durch die Flügelstürmer gerechnet wurde. Es folgte ein Spiel mit hohem Flügelfokus, Überladungen und – man möchte es kaum glauben – einer Vorlage Holger Badstubers per Flanke nahe der Grundlinie.

Solche Anpassungen bedeuten also höhere Unausrechenbarkeit. Werden die Bayern hoch pressen? Eher auf Stabilität aus sein? Werden sie über die Flügel und mit vielen Flanken kommen oder sich eher flach durchsetzen wollen? Gibt es viele Rochaden oder fixe Pärchenbildungen ohne Positionswechsel? Kaum ein Trainer kann sich somit sicher sein, ob seine Anpassungen ins Schwarze treffen werden.

Die individuelle Qualität der Bayern, die Möglichkeit zur Rotation, die vielen speziellen Fähigkeiten (wie Müllers Raumdeuten oder das fluide Aufbauspiel) und die durch Dante oder Martinez neugewonnene Kopfballstärke bei ruhenden Bällen machen sie zu einem sehr unangenehmen Gegner.

Fazit

Ein tolles Spiel von überragenden Bayern gegen harmlose Schalker, die sich selbst nach einem klaren Rückstand nicht effektiv nach vorne trauten – erst nach dem 4:0 hatten sie mehr vom Spiel, doch es war zumeist geschenkter Ballbesitz tiefer postierter Bayern.

Kellers Idee als solche war sogar keine schlechte – doch nach dem frühen Rückstand durch einen Elfmeter war sie zum Scheitern verurteilt. Die Bayern hatten nicht nur taktisch eine hervorragende Einstellung, sondern schienen vom ersten bis zum letzten Spieler motiviert und harmonisch aufeinander abgestimmt.

Auch auf engem Raum gab es kaum Fehlpässe und ging zum Beispiel das Gegenpressing schief, waren sich weder Robben noch Kroos (oder sonst jemand) zu schade, für einen Außenverteidiger oder Sechser einzuspringen, wenn die Situation es benötigte. Einer von vielen Bausteinen für einen beeindruckenden Sieg.

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