Spielverlagerung

Vor IHM muss Bayern zittern

Andrea Pirlo (Juventus Turin)Einst war Juventus Turin eine Weltmacht, doch dann wurde der Verein 2006 von einem Manipulationsskandal in den Grundfesten erschüttert und musste sogar in die Zweite Liga zwangsabsteigen.

Es war jedoch wie eine Frischzellenkur für die "Alte Dame", die mittlerweile wieder zu den europäischen Spitzenklubs gehört.

Den FC Bayern erwartet im Viertelfinale der Champions League (Di., 20:45 Uhr im Liveticker auf eurosport.yahoo.de) eine echte Herausforderung.

Doch woher rührt die wiedergewonnene Stärke wirklich?

Eine Schlüsselfigur ist Trainer Antonio Conte, der seit 2011 Regie in Turin führt. Der 43-Jährige führte eine moderne Philosophie ein. In den Jahren vor ihm hatte Juve nämlich nicht nur mit enttäuschenden Platzierungen, sondern vor allem auch auch mit einem oftmals starren und alles andere als kreativem 4-4-2 zu kämpfen.

Conte gelang es, eine flexible Mannschaft aufzubauen, deren Prunkstück eine sichere Defensive ist, die aber nach vorne auf der Basis dieser Sicherheit hervorragenden Fußball spielen kann.

Das Stichwort für diesen Erfolg ist "Flexibilität", welche auch impliziert, dass verschiedene Formationen beherrscht werden. Bei Antonio Conte ist dies der Fall: Bei Amtsantritt agierte man noch in einem sehr offensiven 4-4-2/4-2-4, anschließend in einem engen und asymmetrischen 4-3-3, während man erst gelegentlich, dann aber zuletzt immer öfter zu einem 3-5-2 wechselte.

Bei all diesen Formationen blieben die Spielanlage und das Kernstück im Zentrum trotz der vielen Änderungen darum herum unverändert. Gerade bei personellen Problemen oder gegen andere Teams mit Dreierkette, die dann häufig mit zwei Stürmern agieren und deren Wing-Backs im direkten Duell zurückgedrängt werden können, ist diese Formation durchaus effektiv, wenn auch nicht optimal..

Zunächst aber zurück zum erwähnten Kernstück, das die Mannschaft je nach Formation unverändert beibehält: Juventus Turin spielt unter Antonio Conte einen ballbesitzorientieren Stil, der maßgeblich von Andrea Pirlo geprägt ist. In seiner Paraderolle im defensiven Mittelfeld hat der einstige Weltklassespieler sich fast wieder zu jener alten Form aufgeschwungen.

Hervorragende Ballkontrolle, Übersicht, das richtige Gefühl für den Spielrhythmus, defensive Stärke, sinnvolle und effektive Ballzirkulation und präzise Vertikalpässe, schließlich auch eine Aura des Unnahbaren und Eleganten – Andrea Pirlo inspiriert seine Mannschaft.

Ihr Dirigent befindet sich in bestechender Verfassung. Außerdem wird er als Inspirationsquelle richtig eingesetzt und hat eine sehr passende Umgebung um ihn herum, die für die Entfesselung von Synergien auf dem Platz sorgt.

Seine Mannschaft zeichnet sich durch ein hervorragendes Vertikalspiel aus, was sicherlich durch ihn angeregt wird und sich sowohl in Form von Pässen der Mittelfeld- und Abwehrspieler als auch in dazu passenden Läufen aus der Tiefe darstellt. Sowohl Claudio Marchisio als auch der Ex-Leverkusener Arturo Vidal sorgen immer wieder für schwer aufzunehmende und durchbrechende Schattenläufe, was dem Spiel eine Unberechenbarkeit und Torgefahr aus verschiedensten Positionen verleiht.

Zum anderen besteht die Formation der Italiener gewöhnlich aus sehr vielen schwer zu beziffernden Zwischenpositionen, was für verstärkte und erschwert abzudeckende Linien- und Dreiecksbildung sorgt – deren Effektivität aber nur durch das richtige Ausnutzen seitens der Mannschaft ausgeschöpft werden kann, was eben nicht immer gelingt.

Es ist das Dilemma für Juventus, dass sie so viele Chancen, aber so wenig Durchschlagskraft und wenig Hochkaräter haben. Es ist ein schmaler Grat zwischen schönem und erfolgreichem Angriffsfußball und einem brotlosen 0:0 und es macht Juventus gleichzeitig zu einer Mannschaft, die eine so komplette Angriffsmacht mit so vielen verschiedenen, über das gesamte Feld verteilten und unberechenbaren Gefahrenquellen ist, wie auch zu einer Mannschaft, der oftmals die Durchschlagskraft fehlt und die dann zu harmlos agiert.

Gerade weil sie eine "universale Angriffsmacht" sind, sind sie so ungefährlich, gerade weil sie so ungefährlich sind, sind sie eine "universale Angriffsmacht". Auflösen kann diese falsche wie richtige Gleichung nur Andrea Pirlo, mit dem das Spiel seiner Mannschaft mehr steht und fällt, als es ihnen vielleicht lieb ist.

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