Spielverlagerung

Guardiola siegt im Taktikgipfel

Guardiola hat wieder die Nase vornGuardiola hat wieder die Nase vorn

Jose Mourinho pokerte hoch und fiel tief: Mit seiner aggressiven Taktik bereitete er dem FC Barcelona zunächst große Probleme, am Ende hatte Pep Guardiola dank intelligenter Umstellungen die Nase im Taktikgipfel vorne.

Mourinho hatte eine Rechnung offen. Nach dem vierfachen Clasico Ende der letzten Saison kam der Star-Trainer bei Experten und Fans nicht gut weg. "Barcelona war der starke Löwe, Madrid die arme und ängstliche Maus. Barcelona zelebrierte Fußball und Tanz, Madrid ließ sich von seinem Rivalen einpferchen", kritisierte Alfredo di Stefano, heute Ehrenpräsident bei Real, die Taktik des Portugiesen.

Offensiv statt destruktiv

In der Tat, mit seiner destruktiven Herangehensweise machte sich Mourinho unter den Fans nicht nur Freunde: Sein Team zog sich fast durchgehend weit zurück, störte aggressiv im Mittelfeld und verließ sich weitgehend auf Konter. Mit einer Niederlage bei zwei Unentschieden und einem Sieg war er damit gegen den übermächtigen Erzrivalen relativ erfolgreich, allerdings brachte ihm die robuste Spielweise seiner Mannschaft viel Kritik ein.

In der neuen Saison wollte sich Mourinho diesen Vorwurf nicht gefallen lassen. Gestärkt von den jüngsten Erfolgen stellte er wesentlich offensiver auf. Die von vielen Experten vermutete Umstellung auf ein 4-3-3 gab es nicht. Real hielt am 4-2-3-1-System fest, mit Ronaldo, di Maria und Özil hinter Sturmspitze Benzema.

Von der ersten Minute an gingen die Madrilenen auf ihren Gegner drauf. Özil und Co. verfolgten die Barca-Spieler bis weit in deren Hälfte. Ein Abtasten gab es nicht, Real war sofort drin im Spiel. So provozierten sie bereits in der 1. Minute einen katastrophalen Fehlpass von Valdez, der zur frühen Führung führte. Auch danach attackierten die vier offensiven Kräfte weit in der gegnerischen Hälfte.

Erfolgsgeheimnis: Xavi und Iniesta trennen

Gegen diese aggressive Taktik hatte Barca in den ersten zwanzig Minuten große Probleme. Der amtierende Champions-League-Sieger spielte mehr hohe Bälle als sonst. Der kontinuierliche Druck sorgte dafür, dass die Gäste ihre eigentliche Strategie nicht fahren konnten. "Wir hatten geplant, mit einer Dreierkette zu beginnen, mussten aber zehn Minuten damit warten", gab Pique nach dem Spiel zu. Das Mittelfeld, sonst ihr Prunkstück, blieb ein ums andere Mal unbesetzt - den Effekt eines zusätzlichen Mittelfeldspielers durch eine Dreierkette konnten sie nicht ausspielen, da Busquets und Xavi weit hinten reingedrängt wurden.

Besonders zu schaffen machte Barcelona die Trennung Xavis von Iniesta und Messi. Madrid gelang es, mit ihren Vorstößen gut, Pässe zum argentinischen Superstar zu verhindern. Hier zeigte sich, wie wichtig die Zuspiele Xavis für den Weltfußballer sind: Zu Spielbeginn hing er in der Luft. Erst als er anfing, weit auf die Flügel und tief in die eigene Hälfte zu fallen, gewann er mehr Bezug zum Spiel. So konnte er sich auch von seinen Bewachern in der gegnerischen Viererkette lösen, trotzdem ließen die Real-Spieler ihn so gut wie nie alleine. Jedoch lässt sich ein Weltklassedribbler wie Messi taktisch kaum ausschalten, und so reichte ihm eine starke Aktion in Halbzeit eins, um den Ausgleichstreffer von Sanchez vorzubereiten (30.).

Das größere Problem Barcelonas war die mangelhafte Verbindung zwischen Iniesta und Xavi. Normalerweise ordnen und beruhigen die beiden mit ihrem Zusammenspiel die Partie. Iniesta, der weiter auf dem linken Flügel als sonst spielte, war allerdings von seinem tief stehenden, kongenialen Partner isoliert. Barcelona konnte kaum zu dem behutsamen Kurzpassspiel ansetzen, mit dem die Katalanen sonst ihren Gegner kontrollieren. Stattdessen musste Xavi oft Dani Alves und Fabregas suchen. Diese spielten gegen den aggressiven Gegner wesentlich riskanter, Kontrolle über Ball und Gegner erhielt Barcelona so nicht.

Umstellungen bringen den Sieg

spielverlagerung2Nach der Halbzeitpause brachte Guardiola sein Team mit einigen Umstellungen auf die Siegerstraße. Iniesta wurde nun flexibler, ging öfter in die Zentrale und nahm das Spiel mehr und mehr in die Hand. Fabregas stand ebenfalls tiefer. Barcelona stärkte hiermit das Mittelfeld. Die Madrilenen mussten zudem den Tribut für ihr laufintensives Defensivspiel der ersten Halbzeit zahlen: Sie konnten nicht mehr so effektiv attackieren, so dass Barca besser von hinten herausspielen konnte. Die Gäste gewannen nun die Kontrolle über die Mittelfeldzentrale, Xavi und Busquets konnten weiter aufrücken. Nachdem sie mit etwas Glück (Xavis abgefälschter Schuss) und einem schönen Angriff über die rechte Flanke mit 3:1 in Führung gingen, konnten sie mit ihrer Mittelfeldüberzahl das Spiel nach Hause bringen. Der Ball lief nun durch ihre eigenen Reihen, sie fanden zum typischen "Tiqui-Taca" zurück.

Mourinhs Poker ging nicht auf. Doch obwohl der Erzfeind drei Punkte aus dem Santiago Bernabeu entführen konnte, kann dem Madrider Coach dieses Mal niemand vorwerfen, zynisch gespielt zu haben. Taktisch gesehen war es ein Clasico auf Augenhöhe - und das ist nach den psychologisch negativen Ergebnissen im Frühjahr ein Fortschritt.

Hier gibt es die ausführliche Analyse des Spiels

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