Spielverlagerung

Defensive Neutralität

Die Taktik im HalbfinaleDie Taktik im Halbfinale

Die Bayern ringen im Halbfinale des DFB-Pokals Borussia Mönchengladbach im Elfmeterschießen nieder. In den 120 Minuten zuvor war es ein umkämpftes Spiel auf defensiv-taktisch hohem Niveau.

Doppeln  mit Absicherung

Borussia Mönchengladbach war nach zwei Siegen über die Bayern in der Liga heiß auf den dritten Coup. Ihre Defensivtaktik unterschied sich nicht groß von der Marschroute des vergangenen Aufeinandertreffens: Gladbach stellte sich in einem engmaschigen 4-4-2-System auf. Die Abwehrreihe rückte bei Ballbesitz der gegnerischen Verteidiger weit auf, um die Lücken zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen zu schließen.

Die Stärke der Bayern bei ihren letzten Kantersiegen waren ihre Außenstürmer, die vom Gegner wenig bis gar nicht gestoppt werden konnten. Schon vor dieser Partie war klar, dass Gladbach es Arjen Robben und Franck Ribéry nicht ganz so leicht machen würde. Die beiden Dribbelkünstler sahen sich permanent drei Gegenspielern gegenüber.

Der Außenverteidiger befand sich dabei permanent zwischen Gegner und eigenem Tor, während der Außenstürmer den Weg nach innen absicherte. Dahinter wartete ein Sechser.
Diese doppelte Absicherung des Weges in die Mitte hatte den positiven Effekt, dass der Außenstürmer sowohl Dribblings nach innen von "Robbery" als auch etwaiges Hinterlaufen des Außenverteidigers unterbinden konnte.

Auf rechts war dies einige Male zu erkennen: Selbst wenn Lahm mit einem Sprint den Außenstürmer auf sich zog, rückte der Sechser schnell ein und schloss den Weg in die Mitte. Das Doppeln mit Absicherung auf dem Flügel funktionierte fast 120 Minuten in Perfektion. Robben und Ribéry waren keineswegs komplett aus dem Spiel genommen, allerdings konnten sie ihre Hauptstärke, das Dribbling von der Seitenauslinie in Richtung Strafraum nicht einsetzen.

Bayern mit defensivem 4-4-2

Aber auch die Bayern waren defensiv bestens eingestellt: Ihr defensives 4-4-2 spiegelte die Angriffsformation des Gegners eins zu eins. Neben Mario Gomez agierte bei gegnerischem Ballbesitz Thomas Müller als zweiter Stürmer. Zusammen griffen sie selten die Gladbacher Innenverteidiger an, vielmehr versperrten sie ihnen den vertikalen Passweg.

Hinter ihnen übernahmen ihre Mitspieler jeweils einen Gegenspieler. Selbst Toni Kroos und Luiz Gustavo rückten abwechselnd auf, um Roman Neustädter bzw. Havard  Nordtveit bei der Ballannahme direkt stören zu können. Die Attacken im Mittelfeld zeigten Wirkung, spätestens bei der dritten Station kamen durch Tacklings des nahe am Mann agierenden Bayern-Verteidigers Ungenauigkeiten ins Passspiel.

Nach etwas mehr als 20 Minuten passte Favre sein System an. Die beiden Sechser ließen sich nun abwechseln tief zwischen die Innenverteidiger fallen. Im Normalfall entsteht in diesen Momenten defensiv eine Dreierkette, da die Außenverteidiger durch den dritten Innenverteidiger weit aufrücken können. Gladbach war allerdings nicht gewillt, defensive Stabilität zugunsten von Angriffen über die Außen aufzugeben. Vielmehr agierten sie nun fast mit einer Fünferkette im eigenen Spielaufbau.

Gladbachs Ballbesitz nimmt zu

Auf diese Weise entzogen sie sich der bayrischen Eins-gegen-Eins-Ausrichtung. Im eigenen Spielaufbau hatten sie gegen Gomez und Müller nun einen Mann Überzahl, was sie über Querpässe ausspielten. Im Gegenzug opferten sie eine vertikale Anspielstation.

Dies verbesserte nicht unbedingt ihr Passspiel, allerdings verhinderte es auch, dass die Münchener allzu starke Kontrolle über das Spiel bekamen. Während nach rund 30 Minuten der Ballbesitzwert der Gladbacher bei 35 Prozent lag, hatten sie nach 120 Minuten 48 Prozent zu verbuchen — ein hoher Wert gegen die Ballbesitz orientierten Münchener. Die Gladbacher ließen Ball und Gegner laufen und verhinderten, dass die Bayern eben dieses mit ihnen machten.

Auf diese Art und Weise neutralisierten sich beide Defensivreihen sehr gut. Chancen gab es nur wenige, meist nach besonders gelungenen Einzelaktionen. Bei zwei derart starken Defensivreihen war es keine Überraschung, dass die Torhüter nur im Elfmeterschießen bezwungen werden konnten. Die Gladbacher müssen sich damit abfinden, das Pokalfinale trotz starker Leistung dieses Jahr zu verpassen.

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