Spielverlagerung

1:2 gegen Frankreich: Mehr als ein Ergebnis

Die taktischen Aufstellungen von Deutschland und Frankreich

Nehmen wir das Spiel als das, was es war: ein Test. Es gilt also nicht, das Ergebnis zu bewerten, eine Mannschaft schlecht und die andere gut zu schreiben, sondern nur darum zu prüfen, ob die Experimente funktioniert haben oder nicht.

Es war ein Test unter Gleichen: Die Trainer stellten ihre Mannschaft schematisch ähnlich auf. Sowohl das deutsche als auch das französische Team agierten aus einem offensiven 4-2-3-1, bei dem sich der Zehner (Nasri bzw. Özil) bei gegnerischem Ballbesitz neben den Stürmer orientierte. Defensiv verschoben beide Teams aktiv in zwei Viererketten, wobei die Außenspieler jeweils nach hinten mitarbeiten mussten.

Auch in der Spielanlage (flach und schnell, vertikal aus der Verteidigung heraus) haben beide Nationen viele Gemeinsamkeiten. Nach und nach offenbarte sich, dass es in der Ausführung dieser Spielidee mehrere Grundunterschiede gab, die ausschlaggebend für den weiteren Spielverlauf wurden.

Spielmachende Innenverteidiger

In den letzten Partien hat Löw sehr viele große Tests gemacht — vom fluiden Mittelfeld bis hin zur Dreierkette. In dieser Partie waren die Veränderungen eher evolutionärer denn revolutionärer Natur. Die wohl größte Anpassung war die veränderte Rolle der Innenverteidiger, hin zu einem stärkeren Engagement im Spielaufbau. Mit Hummels und Badstuber konnte Löw auf zwei waschechte spielmachende Abwehrspieler zurückgreifen. Beide zeigten viel Präsenz im Spielaufbau, stießen oft aus der Innenverteidigung nach vorne und ersetzten praktisch die Sechser vor sich.

Auch Boateng führte dies nach der Pause fort (er übernahm Badstubers Position, nachdem er zunächst als Rechtsverteidiger agierte) und leitete mit einem starken Vertikalpass den Angriff zum deutschen Tor kurz vor Schluss ein.

Das Problematische an dieser Grundausrichtung war die hohe Anfälligkeit für Konter. Da die Innenverteidiger im Spielaufbau relativ stark aufrückten, gingen auch die zentralen Mittelfeldspieler weit nach vorne. Selbst die Außenverteidiger waren angehalten, offensiv mitzuarbeiten, so dass sich automatisch Lücken für schnelle Gegenstöße boten.  Nach der Partie bemängelte Löw zurecht, dass die Abstände zwischen Abwehr und Mittelfeld zu groß waren. Trotzdem sollte das Experiment nicht als gescheitert angesehen werden, da schließlich viele gute Angriffe von den Verteidigern eingeleitet wurden.

Schlüsselfaktoren

Der Hauptfaktor für das Ergebnis war, zusammenfassend gesagt, die risikofreudige Ausrichtung der Deutschen bzw. die bis weit in die zweite Halbzeit risikolose der Franzosen (erst nach zahlreichen Wechseln tauten sie ein wenig auf und ließen auch die Außenverteidiger mehr nach vorne arbeiten). Trotzdem gibt es auf deutscher Seite mehrere interessante Details, die dieses Spiel offen legte.

Probleme auf den Außenverteidigerpositionen: Nicht erst seit dieser Partie bereiten die Außenverteidigerpositionen Löw Kopfschmerzen. Sicher, der defensiv mehrfach patzende und auch offensiv blasse Aogo ist als Linksverteidiger allenfalls Ersatz für Lahm. Aber auch die rechte Abwehrseite wusste nicht zu überzeugen. Boateng stieß zwar oft nach vorne, von seinen Flanken fand allerdings keine einzige den Mitspieler. Höwedes agierte in Halbzeit zwei etwas besser, gerade sein Zusammenspiel mit Müller vor dem 1:2 war sehenswert. Doch auch ihm war anzumerken, dass er als etatmäßiger Innenverteidiger nicht über die Dynamik verfügt, die bspw. beim Hinterlaufen benötigt wird. Die Rechtsverteidigerposition ist wohl die größte Baustelle Löws.

Abhängigkeit von Özil? Auch wenn der Medienhype um Özil in Deutschland relativ klein ist, ist er der wohl wichtigste Akteur des Teams. Er genießt unter Löw viele Freiheiten und sorgt mit seinen Geistesblitzen für den nötigen Esprit im letzten Drittel. Gegen Frankreich blieb er jedoch lange Zeit blass, da er im Zentrum eng von Cabaye gedeckt wurde. In der ersten halben Stunde zeigte sich so, dass die offensiven Spieler auf die Ideen des Madrilenen angewiesen sind - sowohl Schürrle als auch Reus überzeugen eher mit ihren dynamischen Läufen in den Strafraum als mit ihrer Kreativität. Erst als Özil nach rund 30 Minuten vermehrt über die Außen kam, verbesserte sich das deutsche Spiel im letzten Drittel und aus guten Angriffen wurden auch Chancen. Für eine gute EM scheint unabdingbar, dass sich Özil in starker Verfassung befindet.

Nationalmannschaft braucht Zeit: Gladbachs Jungstar Reus erwischte keinen guten Tag. Auf dem rechten Flügel fehlte ihm die Anbindung zu. Sowohl sein Zusammenspiel mit Boateng als auch mit Özil war verbesserungsbedürftig. So setzte er oft zum Sprint in den Strafraum an, wenn Özil ihn als ballnahe Anspielstation gebraucht hätte, oder blieb stehen, wenn er hätte starten sollen. Müller übernahm nach der Pause Reus Position im rechten Mittelfeld und zeigte, wie solch ein Zusammenspiel funktionieren sollte.

Insgesamt zeigte sich, dass Spieler, die in ihren Klubmannschaften große Leistungen zeigen, deshalb nicht automatisch die richtige Option für das Nationalteam sind. Löw hat genaue Vorstellungen, wie seine Mannschaft spielen soll, und hat ein genaues Anforderungsprofil für jede Position. Da macht es manchmal mehr Sinn, einem im Verein schwächelnden Spieler mitzunehmen statt des aktuellen Shooting-Stars. Bestes Beispiel hierfür ist der Stuttgarter Cacau, der nach seiner Einwechslung durch viel Dynamik und genaue Kenntnis der Abläufe der Offensivreihe glänzte. Dass gerade er den einzigen deutschen Treffer erzielte, war kein Zufall.

Klose vs. Gomez: Löw machte nie einen Hehl daraus, dass Klose seine bevorzugte Lösung im Sturmzentrum ist. Das ist keine Überraschung, schließlich ist der Stürmer von Lazio Rom der stärkste deutsche Wandspieler. Seine Fähigkeit, die Vertikalpässe mit dem Rücken zum Tor direkt zu verwerten, fehlt Torjäger Gomez. Überhaupt ist Klose immer gut ins Kombinationsspiel der DFB-Elf eingebunden, gerade sein Zusammenspiel mit Özil funktioniert intuitiv.

Nach Gomez' Einwechslung war jedoch zu erkennen, dass der Münchener Löw einiges beweisen wollte: Er arbeitete sehr stark gegen den Ball mit, versuchte immer wieder, sich als Anspielpartner anzubieten und war insgesamt aktiver als in den letzten Partien. Dennoch wirkte das Spiel bis zum Tor mit ihm (noch) nicht so vollwertig wie mit Klose, wobei in der zweiten Halbzeit nach den zahlreichen Wechseln ohnehin wenig Spielfluss aufkam.

Fazit

Löw experimentiert taktisch viel, was seiner Mannschaft zur EM nur gut tun kann - er sorgt dafür, dass sein Team schwerer auszurechnen sein wird. Dabei sind Rückschläge ganz normal.

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