Sigi Heinrich

Zeitenwende in Loipe und Schießstand

Biathlon-Stars Greis, Henkel, Neuner, PeifferDas also ist er, der Niedergang jener Disziplin, die dem Deutschen Ski-Verband seit Jahren eine Erfolgsgeschichte nach der anderen liefert. Zwei Siege von Magdalena Neuner, einer von Arnd Peiffer und schließlich noch der Triumph von Andy Birnbacher im abschließenden Rennen von Oberhof. Vier Einzelrennen, vier Siege.

Achtung: Biathlon ist in Gefahr, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Es ist ja klar, dass jeder, der jetzt den Teufel an die Wand malt, als durchgeknallter Pessimist angesehen wird. Doch diese vier Siege sind gefährlich, weil sie nämlich den wahren Leistungsstand und die Zukunftsaussichten im Biathlon vollkommen verzerren. Es ist längst nicht so, dass alles eitel Sonnenschein ist, dem erfolgreichen Skifest in Thüringen zum Trotz.

Neuner geht, es sieht düster aus

Nächstes Jahr ist Magdalena Neuner hier definitiv nicht mehr dabei. Die einzige Siegläuferin ist unersetzbar. Würde man das Szenario ohne die Rekordweltmeisterin jetzt schon auflisten, dann würde man klar und deutlich tatsächlich sehen: Es sieht düster aus. Nur Andrea Henkel ist momentan konkurrenzfähig. Glücklicherweise hat sie in Oberhof signalisiert, dass sie auf jeden Fall noch bis zu den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi weitermacht.

Alle anderen haben nicht die Qualitäten, um die Mannschaft weiterhin im Spiel um die Platzierungen auf dem Podium zu halten. Tina Bachmann grüßt zwar als WM-Zweite und hat auch schon ein Weltcup-Rennen gewonnen - aber sie ist keine Athletin, die eine Mannschaft führen kann. Sie ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Ob Kathrin Hitzer nach ihrer Schwangerschaft noch einmal in erhoffter Stärke zurück kommt, ist unsicher.

Plötzlich sind Läuferinnen wichtig geworden, denen im stillen Kämmerlein die Trainer schon mal gesagt haben, dass sie für sie keine große Zukunft sehen. Wenn überhaupt. Juliane Döll, Sabrina Buchholz, Caroline Hennecke, Franziska Hildebrand. Alle vier sind freilich keine Nachwuchskräfte mehr, sind zudem zu langsam in der Loipe, um selbst bei fehlerfreiem Schießen ein Rennen gewinnen zu können.

"Geld wird im Biathlon verdient"

Das sind schlichte Fakten und ich weiß, dass auch der deutsche Trainerstab sie nicht ignoriert. Vor ein paar Jahren noch haben deutsche Biathletinnen den IBU-Cup, die Wettkampfserie unter dem Weltcup, dominiert. Deutschland schien erdrückend stark zu sein. Überall. Man sieht das auch an den Sponsoren. Der internationale Biathlonsport ist total deutsch ausgerichtet. Egal, wo die Veranstaltungen auch stattfinden: Es sieht alles gleich aus an den Banden entlang der Strecke. Keine russische Werbung, keine norwegischen Banner. Nichts anderes  als deutsche Firmen. Ohne deutsche Asse, das weiß auch der Internationale Verband, bekommt die Sportart wirtschaftliche Probleme.

Dem DSV freilich ist hier das Hemd näher als der Rock, weshalb man aus eigenem Antrieb handelt. Weil ohne Neuner und nur mit Henkel bei den Damen ein Desaster droht, leitete er eine sensationelle Wende ein. In Zukunft will man Langlauf und Biathlon zusammen legen, zumindest bis zum Ende der Jugendklasse. Erst danach soll der Weg zur Spezialisierung geebnet werden, wobei von der DSV-Führung klar die Devise ausgegeben wurde, dass hier Biathlon zu bevorzugen ist.

"Geld", so Thomas Pfüller, der Sportdirektor, "wird im Biathlon verdient und nicht im Langlauf". Das ist ein Satz wie Donnerhall. Es ist jetzt schon so, dass man augenscheinlich nichts dagegen hätte, wenn es gleich ein paar Seiteneinsteiger geben würde aus dem aktuellen Langlaufteam, was übrigens durchaus gängige Praxis ist (Kati Wilhelm, Katrin Apel, Magdalena Forsberg). Dabei ist die Idee der Zusammenlegung  so schlecht nicht.

Wer nach der künftigen gemeinsamen athletischen und skitechnischen Ausbildung nämlich kein Talent beim Umgang mit der Waffe zeigt, bliebe ja beim Langlauf und vielleicht bekommt man als Dank dafür sogar Miriam Gössner zurück, die momentan sowohl am Schießstand als auch in der Loipe nicht den erhofften Schwung hat.

Das letzte große Skifest?

Bei den Männern ist die Situation vergleichsweise komfortabel. Arnd Peiffer hat
sein Potential als Weltklasseläufer erneut gezeigt, das ewige Talent Andy Birnbacher ist erwachsen geworden und hat in dieser Saison schon zwei Siege eingefahren. Darauf hat er fast ein Jahrzehnt warten müssen. Simon Schempp ist noch jung und plötzlich taucht auch Florian Graf im Spitzenfeld auf. Seine nun gewährleisteten regelmäßigen Einsätze im Weltcup-Team tragen Früchte.

Dann gibt es noch Daniel Böhm und Michael Rösch. Vor allem der  ehemalige Kronprinz Rösch (Olympiasieger 2006 in der Staffel) scheint tatsächlich die Jahre der Dürre hinter sich zu haben. Und natürlich habe ich Michael Greis nicht vergessen, wenngleich ich irgendwie das Gefühl nicht los werde, dass der dreimalige Olympiasieger von Turin sehr intensiv über einen Rücktritt nach der Weltmeisterschaft in Ruhpolding nachdenkt.

Diese Titelkämpfe in Deutschland könnten das letzte große Skifest der Biathletin hierzulande werden, aber es kann auch einen neuen Schub und neue Begeisterung vor allem beim jüngsten Nachwuchs entfachen. Ruhpolding wird eine Zeitenwende bringen. So oder so. Vielleicht gibt es ja sogar eine Forstsetzung von Oberhof. Das würde den Neubeginn dann doch erleichtern. Und Jochen Behle, der Langlaufchef, sollte auf jeden Fall auch mal vorbeischauen bei den Biathleten. Man kann ja nie wissen...

Herzlichst,

Euer Sigi Heinrich

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