Sigi Heinrich

Zeichen gegen Angst und Schrecken

In der Kritik: Janukowitsch und Putin

Jetzt erwägt sogar der hohe Adel, nicht zur Europameisterschaft in die Ukraine zu reisen. Prinz William, der übrigens auch Präsident des englischen Fußball-Verbandes ist, schob berufliche Gründe vor, weil so ein Prinz, der ist halt auch brutal ausgelastet. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel weiß noch nicht so recht, wie sie verfahren soll. Arbeit hätte sie auch genug zuhause. Sie muss jetzt Monsieur Hollande umgarnen, der ihr nicht so willfährig aus der Hand fressen wird wie der kleine Sarkozy, der jetzt viel Zeit hat für seine nette Lieder trällernde Gattin Carlo Bruni und auch sein Nachwuchs bekommt nun den Papa öfter als vermutlich geplant zu Gesicht.

Und Sarkozy kann fein Fußball schauen zuhause. Ist doch auch was. Viele politische Schwergewichte und auch manche Leichtgewichte wollen jetzt Flagge zeigen, weil die Ukraine ihre frühere Ministerpräsidentin Julija Timoschenko nicht ausreisen lassen will, um sich in Deutschland oder in der Schweiz behandeln lassen zu können. Vermutlich ist Timoschenko intensiven Repressalien in ihrer Heimat ausgesetzt und gewiss ist es ein persönlicher Rachefeldzug von Viktor Janukowitsch, den freilich die Machtpolitikerin und Milliardärin Timoschenko durch unglückliche Ränkespiele letztlich selbst an die Macht brachte und aus durchaus egoistischen Gründen dabei sogar die Pfründe der orangenen Revolution verspielte.

Druckmittel Fußball-Europameisterschaft

Jetzt versucht die aktuelle Regierung alles, um eine Rückkehr Timoschenkos in das politische Leben zu verhindern und man wird den Eindruck nicht los, dass dafür sogar billigend der Tod der populären Geschäftsfrau und Politikern in Kauf genommen wird. Es ist ehrenwert und lobenswert, dagegen zu intervenieren. Dass Gespräche mit Betonpolitikern wie Janukowitsch nicht fruchten, liegt wohl auf der Hand.

Das große Druckmittel ist deshalb die Fußball-Europameisterschaft. Das Motto ist klar: Wir schicken zwar unsere Sportler in die Ukraine, aber die bei solchen Großanlässen meist ebenfalls anwesenden Politiker lassen wir zuhause. Für die Außenpolitik der Ukraine ist das ein Desaster, weil jede Absage immer wieder auch mit dem Argument verbunden wird, dass in der Ukraine demokratische Strukturen nach wie vor fehlen. Das Land wird zwar nicht diktatorisch regiert wie Weißrussland, aber doch mit harter Hand und sicher nicht dem Westen so freundlich gesinnt wie man das gerne darstellt.

Gefährliche Kritik am Kreml

Der erste Besuch von Janukowitsch führte ihn nach der Wahl zum großen Bruder nach Russland. Hat er da gar Tips bekommen?  Denn Wladimir Putin, dessen Demokratieverständnis noch nie groß war, jetzt aber wohl nicht einmal mehr in minimalsten Ansätzen zu erkennen ist, weiß ja, wie man sich unliebsame Kritiker vom Leibe hält. Der Chef des Ölkonzerns Yukon, Michael Chodorkowski, wurde vor zwei Jahren zum zweiten Mal verurteilt und sitzt noch immer im Gefängnis. Ihm wurde Unterschlagung von Öl vorgeworfen.

Timoschenko wirft man Steuerhinterziehung vor. Man braucht irgendwelche fadenscheinige Gründe, um unliebsame und streitbare Bürger zu entfernen. Und Chodorkowski hat nie ein Hehl aus seiner Kritik am Kreml gemacht. Jetzt werden vermutlich wieder etwa 400 russische Demonstranten hinzukommen. Kenner der russischen Justiz sprechen gar von mehrjährigen Haftstrafen, die auf die verhafteten Demonstranten des vergangenen Wochenendes zukommen werden. Was kann man im Ausland dagegen tun?

Ein sportlicher Boykott bringt nichts

Es bietet sich eine ähnliche Chance wie in der Ukraine mit der Fußball-Europameisterschaft. Nämlich mit den Olympischen Spielen in Sotschi in zwei Jahren. Es wäre nur recht und billig und auch angemessen, auch dieses Großereignis dann mit entsprechenden Maßnahmen zu begleiten. Ein sportlicher Boykott steht nicht zur Debatte - und das ist gut so. Das hat in der Vergangenheit (Montreal 1976, Moskau 1980, Los Angeles 1984) noch nie viel gebracht. Aber es muss auch zu einer Eröffnungsfeier etwa kein ausländischer Politiker Russland sozusagen die Ehre erweisen mit seinem Besuch, solange die Gefängnisse in diesem Land noch voller unschuldiger Bürger sind, die lediglich auf ihre Menschenrechte hingewiesen haben.

Die Verhaftungen von Timoschenko und Chodorkowski sind klare Beispiele für politische Willkür. Dagegen vorzugehen ist das Recht und die Pflicht eines jeden Repräsentanten eines demokratischen Staates. Nur wenn weiterhin solche Zeichen gesetzt werden wie das im Augenblick den Anschein hat, können die Menschen in den Staaten, die ihre Bürger nur durch Angst und Schrecken regieren können, noch hoffen.

Denn eines ist auch klar. Die teilweise in der Ukraine stattfindende  Fußball-Europameisterschaft ist ähnlich wie die Olympischen Spiele in Sotschi ein gigantisches Ablenkungsmanöver. Die Ukraine und Russland können und wollen die Kraft ihres Systems demonstrieren. Wer dagegen ist, sitzt hinter dicken Mauern und sieht sein Land nur durch vergitterte Fenster. Deshalb sollten wenigstens die VIP-Sitze in den Stadien leer bleiben. Als stiller aber vielleicht wirkungsvoller Protest.

Viele Grüße,

Euer Sigi

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