Sigi Heinrich

Wellinger und Luitz machen es vor

Das Glück steht ihnen ins Gesicht geschrieben: Andreas Wellinger (links) und Stefan LuitzDas Glück steht ihnen ins Gesicht geschrieben: Andreas Wellinger (links) und Stefan Luitz

Ein Winter wie ein Traum. Mancher sagt vermutlich auch wie ein Alptraum. Aber das sind nur diejenigen, denen diese Jahreszeit die Bequemlichkeit aus den Knochen treibt. Seit langem passt die vorweihnachtliche, gnadenlos nervende Berieselung aller auffindbaren Weihnachtslieder wenigstens einigermaßen in die Landschaft. Und dann erst die Bilder aus den verschiedenen Wintersportorten, in denen die Athleten um Weltcuppunkte kämpfen: Tourismusmanager bekommen glänzende Augen, sehen schon, wie sich alle Bedenken in eiskalter Luft auflösen. Und das ist ja bitteschön erst der Anfang. Aber schon der lässt jubilieren mit engelsgleichen Stimmen.

Auf den Sprungschanzen dieser Winterwelt fliegen deutsche Adler, die deutlich machen, dass nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft gesichert ist. Und die ist ja momentan hauptsächlich mit dem Namen Sotschi verbunden, weil ja 2014 unwiderruflich schon wieder Olympische Spiele durchgeführt werden. Die Generalprobe wurde ein Triumph für die Mannschaft von Bundestrainer Werner Schuster, weil vor allem zwei Youngster überzeugten, wobei einer von denen schon fast wieder ein alter Knochen ist. Richard Freitag hat mit seinen 21 Jahren schon einen Weltcup gewonnen und wurde in Sotschi Zweiter. Und er hat sein Abitur bereits in der Tasche.

Die Karriere in die richtigen Bahnen lenken

Das hat die Sensation am Schanzentisch aus deutscher Sicht, Andreas Wellinger aus Ruhpolding, noch vor sich, was klar ist: Er ist erst 17 Jahre alt. Schon zum Saisonauftakt sprang er bei seinem ersten Weltcupeinsatz im ersten Durchgang die größte Weite. Jetzt wurde er auf der Olympiaschanze Dritter. Da ist die Welt auch nicht mehr so, wie sie mal war, was am vermehrten Medienrummel ebenso deutlich wird wie an der Tatsache, dass jetzt natürlich viele kommen, die meinen, sie könnten dem jungen Mann Gutes tun, um sich selbst den größten Gefallen damit zu erweisen.

Wellinger tut gut daran, jetzt so cool zu bleiben wie am Schanzentisch, wo er aufgrund seiner körperlichen Vorzüge und seines Talents, das Schwere so leicht aussehen zu lassen, wenn er ins Tal fliegt, aus der Mannschaft jetzt schon nicht mehr wegzudenken ist. Ihn zu trainieren, ihm zu vertrauen, ist die eine Aufgabe, die Werner Schuster zu bewältigen hat. Die Karriere seines Jüngsten, der im Jahrbuch des Deutschen Skiverbandes (DSV) noch nicht mal erwähnt wird — so überraschend ist sie -, jetzt in die richtigen Bahnen zu lenken, eine vermutlich weitaus schwierigere Aufgabe. Als übrigens Martin Schmitt 1997 sein Debüt im Weltcup gab, war Andreas Wellinger gerade mal zwei Jahre alt. Später hat er Autogrammkarten auch von Schmitt gesammelt. Jetzt braucht er selber welche, während Schmitt seine vermutlich allmählich einstampfen muss. Der Lauf der Zeit ist gnadenlos.

Ein gewaltiges Maß an Unsicherheiten bleibt

Derweil lassen sich auch die Alpinen nicht lumpen. Stefan Luitz aus Bolsterlang war die Sensation in Frankreich. Von Rang 25 katapultierte er sich auf Rang zwei vor. Eine solch gute Platzierung im Riesenslalom hat es seit 19 Jahren (Tobias Barnerssoi ebenfalls in Val d'Isère) nicht mehr gegeben. Auch Luitz ist ein tolles Beispiel dafür, dass sich Gelassenheit und Kontinuität irgendwann auszahlen. Er konnte sich in Ruhe entwickeln, während Felix Neureuther (starker Vierter im Riesenslalom) im Alleingang die Öffentlichkeit bediente. Jetzt haben die deutschen Bergabfahrer wieder ein Team. Auch dank Charly Waibel, einem umsichtigen Coach, der wie sein Kollege der fliegenden Zunft, Werner Schuster, nicht den Kopf verliert, wenn die stets geforderten guten Ergebnisse mal ausbleiben.

Denn trotz eifrigster Bemühungen und bestem Training beherbergt jeder Sport auch ein gewaltiges Maß an Unsicherheiten. Wetter, Glück, Tagesform. Auch wenn alle Parameter stimmen, muss mit Niederlagen gerechnet werden. Aber der schöne Satz, wonach immer wieder auch bessere Zeiten kommen, hat an Kraft nichts verloren. Das werden vor allem die deutschen Biathletinnen gerne hören, die sich gerade in einer Talsohle befinden, die freilich auch eine Chance beinhaltet. In einer solchen Situation sind ungewöhnliche Maßnahmen leichter zu verkaufen, weshalb es durchaus ein Gebot der Stunde wäre, die erst 18-jährige Franziska Preuß aus Wasserburg an die großen Aufgaben heranzuführen. Wellinger und Luitz haben den Weg bereitet.

Sigi Heinrich

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