Sigi Heinrich

Das Team verdient Vertrauen!

Dem jahrelangen Gipfelsturm geht die Luft aus. Das ist irgendwie normal und haben auch andere Mannschaften schon erlebt.

Ein Tag der offenen Tür. Macht man normalerweise, wenn man sich prima darstellen will, wenn alles zum Besten steht und die Sonne scheint und nicht, wenn das Firmensilber Patina ansetzt und die Geschäftszahlen in den Abgrund sausen.

Deshalb ist es mutig, aber auch smart, dass Deutschlands Biathlonteam zu Gesprächen einlädt, weil es deutlich ausdrüc kt: Wir wollen uns nicht verstecken, auch wenn es wahrlich nicht sonderlich gut läuft für die einzige Vorzeigesportart im Deutschen Ski-Verband (DSV).

Nicht gut? Eigentlich lausig schlecht. So schlecht wie seit….Ich weiß gar nicht. Seit den Anfangszeiten des Biathlonsports vielleicht. Immer war irgendwer da, der irgendwann irgendwas gewann. Egal eigentlich, wie die jeweiligen Trainer immer hießen, weshalb die Aussage des Generalsekretärs des DSV, Thomas Püller durchaus nachvollziehbar ist, wenn er eine Trainerdiskussion ausschliesst, schließlich herrscht auf diesem Gebiet ja kein Mangel. Gut ausgebildete Übungsleiter aus Deutschland geben in dieser Sportart die Richtung vor.

Mehr Individualität?

Dennoch muss hinterfragt werden. Woran liegt es, dass ausgerechnet die deutschen Biathleten bei der Weltmeisterschaft zum Teil weit von ihrer Bestform entfernt sind? Ich bin sicher, dass intern die Ursachenforschung an die Schmerzgrenzen gehen wird. Ein Arnd Peiffer etwa wurde noch im Vorjahr mit Recht auf eine Stufe mit Martin Fourcade und Emil Hegle Svendsen gestellt. Er war Sprintweltmeister vor zwei Jahren. Jetzt ist er ein Mitläufer.

Da muss  etwas schiefgelaufen sein, ausgerechnet im ersten Jahr, in dem er sich komplett auf den Sport konzentrieren kann. Ich kann mich an dieser Stelle nicht hinstellen und den Finger in die Wunde legen, weil ich die Trainingspläne nicht kenne. Vielleicht, so einer meiner Gedanken, muss das deutsche Team abrücken vom ewigen Vergleichswettbewerb und den Zahlenspielen nach jedem Training.

Vielleicht wäre weniger manchmal mehr, ganz individuell auf jeden einzelnen Athleten abgestimmt, denn so viele sind es schließlich nicht. Den Trainern jetzt eine Jobgarantie zu geben, wie Pfüller das tat, ist gerade im Jahr vor den Olympischen Spielen vernünftig, aber es darf nicht dazu führen, dass es nach dieser WM, die nur durch ein Wunder noch für Deutschland aus dem Knick kommen kann, einfach heißt: Weiter so, wird schon werden.

Denn da wäre dann ja auch noch die Frage einzubringen:  Weiter so mit wem? Ich will jetzt nicht wieder mit Evi Sachenbacher-Stehle oder mit Kathrin Lang (ehemals Hitzer) anfangen, denn das ist ein Strohhalm, der ist extrem zerbrechlich. Beide können vielleicht mal das eine oder andere nette Resultat einfahren. Mehr ist bei realistischer Betrachtung nicht möglich.

Gipfelsturm geht Luft aus

Ansonsten steht für das kommende Jahr im Grunde jenes Team zur Verfügung, das jetzt gerade in Tschechien angeschlagen durch die mährischen Wälder taumelt.  Nachwuchs? Da reicht ein Fragezeichen gar nicht aus. Bis auf die zweifache Juniorenweltmeisterin dieses Jahres, Laura Dahlmeier, drängt sich niemand auf. Es muss mit diesem Personal weitergehen und das ist so schlecht nicht.

Miriam Gössner hat dreimal in dieser Saison gewonnen, Andi Birnbacher zweimal. Gössner liegt in der Weltcupgesamtwertung auf dem vierten Rang, die unverwüstliche Andrea Henkel war klar beste Athletin im Verfolger von Nove Mesto, ist auf Rang sechs platziert. Birnbacher ist Neunter, Lesser auf dem 13. Platz, wobei klar zu unterscheiden ist: Bei den Männern hat sich die  Konkurrenzsituation extrem entwickelt.

Das Pech der aktuellen Mannschaft besteht auch darin, dass die Vorgängerteams die deutsche Vorgabe ("einer wird schon aufs Podium kommen") zuverlässig erfüllten. Bloß waren damals sowohl bei den Damen als auch bei den Herren alle in der Lage, dieser Forderung nachzukommen.  Diese Zeiten, das muss man auch in der Führungsriege des Verbandes einsehen, sind vorbei.

Dem jahrelangen Gipfelsturm geht die Luft aus. Auch das ist irgendwie normal und haben auch andere Mannschaften schon erlebt. Dennoch verdient das  aktuelle Team Vertrauen. Es gibt kein anderes.

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