Sigi Heinrich

Ein Tagtraum. Nicht mehr

David Storl muss sich nicht verstecken

Am liebsten überall vorne mit dabei. So sieht der Deutsche Leichtathletik-Verband jedenfalls seinen Anspruch und das ist durchaus sehr sportlich. Es ist ein großes Ziel und aller Ehren wert. Aber es ist Illusion. Ein Tagtraum. Nicht mehr. Die Hallen-Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Istanbul hat noch einmal deutlich gemacht, dass es wohl doch nur zu einer Handvoll Disziplinen reicht, in denen der DLV Spitze sein kann.

Ganz vorne steht David Storl, der Weltmeister im Kugelstoß von Daegu, auf dessen ersten 22 Meter-Stoß man förmlich warten kann. Er kann ein Medaillengarant werden, aber schon bei ihm beginnt die Problematik. Er hat ein internationales Umfeld, das durchaus in der Lage ist, ihn soweit einzubremsen, dass er auch mal nicht auf dem Siegerpodest zu finden ist. Dennoch verdient sich Storl natürlich die absolute Bestnote mit seiner Leistung von Istanbul, denn er hat sich als einziger deutscher Leichathletik bei diesen Titelkämpfen verbessert.

DLV fällt nicht weiter auf

Alle anderen haben ihre Vorleistungen nicht abgerufen, auch Björn Otto nicht, der dennoch einen starken Eindruck hinterlassen hat. Er war wohl noch nie so gut wie jetzt in der Lebensmitte, weiß aber auch, dass vor ihm ein phänomenales Talent steht mit dem Franzosen Renaud Lavillenie, dessen Art, sich mit dem Stab nahe an die sechs Meter zu schrauben, fast schon einem Kunstwerk ähnelt. Trotzdem natürlich gibt es auch für Otto viele Punkte, nicht ganz so viele freilich wie für Storl. Platz zwei im deutschen Team, trotz gleicher Medaillen in Istanbul.

Und dann, ja dann verließen sie ihn. Die deutsche Leichtathletik ist in der türkischen Metropole sonst nicht weiter aufgefallen. Die Stabhochspringerin Silke Spiegelburg kann mehr, der Langstreckler Arne Gabius übrigens auch, obwohl ihn DLV-Cheftrainer Herbert Czingon ausdrücklich gelobt hat, was ich so nicht ganz verstehe, denn Gabius hat im Vorfeld gezeigt, dass er locker die Zeit laufen kann, die in Istanbul für den Sieg reichte. Der Tübinger, der sich mittlerweile selbst trainiert, sollte das Lob von hoher Stelle schnell vergessen, denn nur wenn es ihm gelingt, neben guten Zeiten auch gute Rennen bei Meisterschaften abzuliefern, wird ihm letztlich der Durchbruch gelingen.

Titelläufe werden über 5000 Meter, der Disziplin von Gabius, selten unter 13 Minuten beendet. Deshalb wäre es verführerisch, wenn sich Gabius in einem von Tempomachern gestrickten Rennen einmal in diese Sphären laufen kann. Er muss lernen, die Läufe konstruktiv zu gestalten, die bei den Europameisterschaften und den Olympischen Spielen ohne sogenannte "Hasen" absolviert werden. Deshalb ist dieser achte Platz eigentlich ein Warnschuss und keineswegs ein Resultat, das es herauszuheben gilt, wie das Herbert Czingon getan hat.

Immerhin sind also die fünf Kilometer wieder gut besetzt. Viele andere Disziplinen muss der DLV im Grund in den Wind schreiben. Weitsprung der Damen, Dreisprung für beide Geschlechter. Ohne Ariane Friedrich wäre der Hochsprung auch schon erledigt. Bei den Herren hält Raul Spank mit, aber auch er hat in Istanbul einen schmerzhaften Nasenstüber bekommen. Der Kugelstoß bei den Frauen ist dabei, sich zu versenken. Nadine Kleinert, die so zuverlässige Medaillensammlerin, weiß, dass hauptsächlich nur noch gute Plätze möglich sind. Der Nachwuchs? Fehlanzeige, auch wenn Christina Schwanitz bei einigen Meetings ab und zu mal über 19 Meter kommt.

Jubelorkan trotz Zweitklassigkeit

Die Läufe: Verena Sailer (Sprint) fehlte, Carolin Nytra (Hürden) auch. Ersatz für beide gibt es nicht und selbst wenn beide in optimaler Verfassung wären, reicht es maximal für die Europameisterschaften. Nicht jedoch für die Olympischen Spiele, denn in beiden Bereichen gehen die Uhren anders. Schneller vor allem. Sailer hat es mit den Läuferinnen aus der Karibik und den USA zu tun, aber auch mit der Bulgarin Ivet Lalova. Und die Hürdenläuferin Nytra sollte sich eigentlich jeden Tag ein Video von Sally Pearson aus Australien anschauen, die das Maß der Dinge in dieser komplizierten Hürdenwelt ist.

Bei den Männern sieht die Sache sogar noch dramatischer aus. Christian Blum (Sprint) sammelt zwar viele Sympathiepunkte, kann letztlich aber wohl nur mit den Kollegen in der Staffel einigermaßen mithalten und auch die deutschen Hürdler sind von der Spitze weiter weg, als sie wohl manchmal glauben. Bei 13.30 Sekunden über 110m Hürden würde der Jubel zum Orkan werden hierzulande. Doch ist das international nur zweitklassig. Und doch muss uns nicht bange werden vor diesem Sommer in der Leichtathletik. Denn da kommen: Betty Heidler (Hammer), Robert Harting (Diskus), Matthias de Zordo (Speer) und Christina Obergföll (Speer). Und dieses Quartett wird vermutlich wieder viele Schwächen elegant überdecken.

Quizaction - Testen Sie Ihr Sportwissen