Sigi Heinrich

Sigis Streifzug: Macht- und hilflos

Machtlosigkeit, Hilflosigkeit oder gleich mehr. Eine saubere Ohnmacht vielleicht. Normalerweise wird sie ausgelöst durch einen vorübergehenden Sauerstoffmangel im Gehirn und ist glücklicherweise in der Regel nicht lebensgefährlich.

Das seelische Trauma hingegen hält lange an. Das Gefühl, ausgeliefert zu sein ohne auch nur ansatzweise selbst eingreifen zu können. Zuschauen zu müssen, wie Ziele verpasst werden, wie Träume sterben und Hoffnungen platzen. Wie Spezialisten versagen, von denen man dachte, sie würden die Stütze des Teams sein.

Tiefschläge für Krupp

Frag nach bei Uwe Krupp. Der ehemalige NHL-Profi stürzte tief bei der Weltmeisterschaft im Eishockey in der Schweiz. Nur die Tatsache, dass der Deutsche Eishockey-Bund im nächsten Jahr die Titelkämpfe organisiert, verhinderte den Abstieg. So schlecht waren die Eishockeycracks noch nie. Es setzte eine Niederlage gegen Österreich und süffisant wurde der einzige Sieg als „Wunder von Bern" bezeichnet. Deutschland gewann gegen Ungarn.

Krupp musste ohnmächtig mit ansehen, wie vor allem seine Stürmer versagten. Der Hoffnungsträger wurde demontiert von seiner eigenen Mannschaft. Und er konnte nichts, gar nichts dagegen tun. Er hatte keine anderen Spieler zur Verfügung. Er bot die vermeintliche Besten auf. Doch diese  sind bloß noch zweitklassig. Krupp darf dennoch bleiben.

Auch Sportdirektor Franz Reindl muss sich ohnmächtig eingestehen, dass er keine Alternative auf der Trainerposition hat.

Spielball eines Schrirs

Wenn ohnmächtige Wut sich Platz machen möchte, dann sieht das so aus wie bei Michael Ballack, der erneut auf dem Weg zu seinem ersten großen Titel scheiterte. Nicht an sich selbst, nicht weil seine Kollegen patzten. Er scheiterte, weil er hilflos ansehen musste, wie ein norwegischer Schiedsrichter - gelinde gesagt - nicht seinen allerbesten Tag hatte.

Ballack bot mit Chelsea eine perfekte Defensivtaktik nach dem frühen Führungstreffer und wurde nicht dafür belohnt. Auch weil Iniesta für Barcelona traf, als das Spiel eigentlich längst zu Ende hätte sein sollen. In der 97. Minute. Ballack schrie den Unparteiischen an, ja fast musste man befürchten, er wolle ihm an den Kragen gehen. Er stand kurz vor einer Tätlichkeit gegenüber dem Schiedsrichter.

Seine Ohnmacht ließ ihn beinahe alles vergessen. Böse Worte schleuderte Drogba  nach dem Spiel dem Referee entgegen. Es waren Reaktionen, die nicht sein dürfen, die aber dennoch ein gewisses Maß an Verständnis fordern, denn die Spieler des FC Chelsea taten alles, um das Finale zu erreichen und waren am Ende doch bloß tatenlose Zuschauer. Frustriert und geschockt, weil sie nicht verhindern konnten, dass ihnen mindestens zwei Elfmeter versagt blieben, weil  ein Einzelner die Situation anders sah als tausend andere.

Selbst Hoeneß nur Statist

Ohnmacht heißt ausgeliefert sein. Den Banken, der Politik, den Wirtschaftsführern und Managern, den Systemen der Märkte. In gewissem Sinne ist sogar Uli Hoeneß ohnmächtig, obwohl er doch gerne selbst die Fäden hin der Hand hält. Er wird letztlich an der Macht des Geldes scheitern und kann nichts dagegen tun.

Wer Ribéry will, wird Ribéry bekommen. Oder Allofs in Bremen. Diego hat angeblich schon unterschrieben in Turin. Allofs kann nichts dagegen tun. Ihm sind die Hände gebunden. Trotz großer Machtbefugnisse ist er dagegen machtlos. Auch wir sind ohnmächtig. Wir, die Sportfans, die belogen und betrogen werden. Beinahe tagtäglich.

Sogar von ehrenwerten Männern wie Felix Magath, der uns doch allen Ernstes die Ente verkaufte, die Geschichte mit Schalke sei ein Störfeuer der Konkurrenz im Bundesligaendspurt.  Dabei wusste sein Vorstand in Wolfsburg längst Bescheid. Diese Manöver werden uns dann als die üblichen Vorgänge dieser Branche vermittelt. Traurig.

Argwohn um Armstrong

Und auch nicht lustig ist die Tatsache, daß Lance Armstrong jetzt doch allen Ernstes sein Comeback durchzieht. Dopingvorwürfe prallen scheinbar ungerührt am Texaner ab. Die Proben von 1999, die in Frankreich liegen, will er nicht öffnen lassen. Er kann dazu nicht einmal gezwungen werden. Der wohl erfolgreichste Rennfahrer aller Zeiten, der schon mit 22 Jahren Profiweltmeister war und siebenmal in Folge die Tour de France gewann, hat sich Respekt erworben mit seinem Kampf gegen seine Krebskrankheit. Als Radrennfahrer begleiten ihn Argwohn und Zweifel.

Jetzt wird er die Radsportfans spalten. Ein paar werden seine Leistungen weiter mit Argusaugen verfolgen. Die meisten freilich werden ihm zujubeln wie sie das auch bei Pantani getan haben, der letztlich im Drogensumpf erstickte. Ohnmächtig, sich gegen die Gifte, die seinen Körper in Besitz genommen hatten, zu wehren. Pantani bezahlte seine Ohnmacht mit dem Leben.

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