Sigi Heinrich

Sebastian Vettel wäre schön blöd…

Der Champagner spritzte auf die eine und auf die andere Seite. Normalerweise, so sehe ich das jedenfalls meistens, überschütten sich die Kontrahenten mit der edlen Brause, was ich freilich auch als ungeheure Verschwendung sehe. Egal, darum geht es ja eigentlich nicht.

Fakt ist, dass bei "Red Bull" zwei im Cockpit sitzen, die sich vermutlich nicht einmal aus einhundert Metern Entfernung riechen können. Das Wort Teamspirit gehört sicher nicht zum häufig angewandten Wortschatz von Sebastian Vettel, wie er nachdrücklich bewiesen hat. Mal wieder, sagen diejenigen, die den deutschen Speedkönig besser kennen. Ich kann das nicht beurteilen. Aber auch darum geht es eigentlich nicht.

Vielmehr empfinde ich es als ziemlich heuchlerisch, jetzt Sebastian Vettel beinahe schon als Ungeheuer hinter dem Lenkrad zu bezeichnen. Was hat er falsches getan? Er hat wohl seinen Kollegen Webber, der angehalten wurde, sein Auto schonend zu behandeln, kurz vor dem Ziel noch überholt. In einem angeblich riskanten Überholmanöver. Auch dazu werde ich keine Aussage machen. Wird schon so sein, wenn die Kollegen mit Benzin im Blut das so beurteilen.

Ich freue mich jedenfalls, wenn einer mal zackig überholt, wenn die Sache spannend wird und wenn die Formel-1-Boliden nicht ordnungsgemäß brav hintereinander fahren. Erst Du, dann ich. Ach nein, ich will eigentlich heute gar nicht so richtig gewinnen, mir reicht der zweite Platz. Ist ja auch schön. Gibt auch Punkte und Champagner umsonst. Soll sich Vettel kurz vor dem Ziel vielleicht solchen Gedanken hingeben? Schön blöd wäre er. Er ist zwar Autorennfahrer - und die Fachleute sagen, er sei ein sehr guter, eventuell sogar der beste - aber er ist auch Sportler. Er will gewinnen. So einfach ist das.

Frag nach bei Usain Bolt

Oder glaubt Ihr, dass der Trainer von Usain Bolt seinem Schützling vor der Weltmeisterschaft ins Ohr flüstert, er möge doch diesmal bitteschön seinen Trainingskollegen Yohan Blake gewinnen lassen. Wenigstens über 200m. Bolt würde ihm vermutlich den Vogel zeigen und sich fragen, ob sein Coach gerade zu wenig Schlaf bekommen hat. Bolt will vorne sein. Ganz vorne. Nicht bloß irgendwo in der Spitzengruppe mitlaufen.

Vettel ist da nicht anders gestrickt und das ist gut so. Das hat in dorthin gebracht, wo er heute ist. An die Spitze. Seit drei Jahren jetzt schon. Gut, ich höre die Stimmen sehr wohl, die da jetzt sagen, das sei ja wohl etwas anderes. Leichtathletik und Formel 1. In der Konsequenz eines missglückten Überholmanövers möglicherweise. Aber grundsätzlich nicht. Jedem guten Mittelstürmer gesteht man ein gesundes Maß Egoismus zu. Ist ein Torschuss möglich, wird er nicht erst zur Trainerbank schauen und fragen, ober er den Ball jetzt auch reinhauen darf oder ob er ihn gar noch abspielen soll. Zu einem eventuell besser postierten Mitspieler.

Die volle Punktzahl vor Augen

Sebastian Vettel sah die volle Punktzahl vor sich, möglicherweise erinnerte er sich an die letzte Saison, die zäh begann und dachte richtig: Was ich heute kann besorgen… Dass er jetzt ein böser Bube sein soll empfinde ich als vollkommen überzogen. Und was, wenn ihm am Ende die jetzt eingefahrenen Punkte fehlen? Denn Mark Webber wird Vettel nicht auf Dauer vor der Schnauze herfahren. Das ist wohl auch klar.

Ich weiß natürlich nicht, ob Webber, wenn er gewollt hätte, seinen Markenkollegen hätte ausbremsen können. Vielleicht hätte ein Tritt auf sein Gaspedal genügt. Aber Webber ist ein braver Teamfahrer. Er muckt nicht auf, denn würde er das tun, säße er nicht mehr bei "Red Bull" am Steuer. Sebastian Vettel ist der Champion, es geht bei seinem Rennstall nur um ihn. Von Anfang an. Vermutlich lachen sie sich alle intern längst ins Fäustchen.

Schön doof, der Webber. Vettel hat sich natürlich artig entschuldigt und ein ganz arg zerknirschtes Gesicht gemacht. Dabei hat er nur seinen Job wieder einmal mit einhundertprozentiger Konsequenz erledigt. Ich freue mich jedenfalls schon auf seine nächsten Überholmanöver. Mal sehen, wer dann die Champagnerdusche abbekommt.

Herzlichst,

Euer Sigi Heinrich

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